Um welches Buch handelt es sich, dessen Register folgende Einträge enthält: "Marbach und Marburg verwechseln - Ehering verlieren - Mädchen statt Sessel umfassen - Bluse statt Blume sagen"? Eine letzte Hilfe sei Ihnen gewährt: "Stethoskop zwischen sich und Patientinnen stellen". Na? Es handelt sich natürlich um Sigmund Freuds Psychopathologie des Alltagslebens, dessen "Register der Fehlleistungen" allein schon zum träumerischen Verlieren in tausenderlei Irrtums- und Fehlhandlungsgeschichten einlädt. Denn Register und Rubriken sind mehr als dienstfertige Verweise auf den eigentlichen Text. Wer sie zu deuten versteht, dem bieten sie Aufschluss, Anregung, ja Interpretation. Schlägt man beispielsweise in einer guten Ausgabe von Goethes Werken im Sachwortregister unter "Nebel" nach, so wird man gleichzeitig auf "Duft, Dunst, Flor, Schleier, Trübe, Wolke" verwiesen und ahnt bereits die Dichte dieses Begriffsgewebes.

Sorgfältige Personen-, Sach- und Ortsregister ersetzen ganze Lexika.

Schlagwortfamilien hoben schon manche wissenschaftliche Arbeit aus der Taufe.

Und neben ihrer Funktion, lästiges Suchen in dicken Schwarten zu erleichtern, entfalten Register eine ganz eigene Poesie. Wer zum Zeitvertreib im Wortregistermeer der Lichtenberg-Ausgabe fischt, dem zappeln bald die schillerndsten Geschöpfe im Netz: "Arschwische - Dichternulle - Geschwindwisser - Verhunzdeutschen - Ichweißnichtwas". Viel kurzweiliger als die tugendstärkende Lektüre des Patrioten von 1747, einer moralischen Wochenschrift, ist sein Inhaltsinventar: "Kinder, sollen den Nachbaren nicht als Spürhunde in die Häuser lauffen". Welch ein Ideengewimmel auf den letzten paar Seiten! Nicht auszumalen, was in den Hinterzimmern von Büchern passiert, wenn wir nicht hinsehen. Herbert Marcuse befingert Ludwig Marcuse, die Fassbaender liegt beim Fassbinder. Wer steckte die Pompadour zu Pompidou, Caterina Valente zu Karl Valentin? Verzeichnisse sind anarchisch sie vermögen Sprachgefüge zu zertrümmern und die Fragmente neu aufzubauen. So fragen wir uns mit dem Verzeichnis von Gedichtanfängen im Fundbuch der Gedichtinterpretationen bang: "Warum bist du, Geliebter - Warum bist du so kurz?" Solche Höhepunkte interrogativer Lyrik können nur von einem übertroffen werden: dem Buch, das nur noch Register ist. 231 sind's in Deutschland, in Spanien 1003.

Es soll ja Menschen geben, die sich weigern, registerlose Bücher in die Hand zu nehmen! Schließlich zeigt sich nicht selten gerade an diesen Kolonnen, ob Autor oder Herausgeber ihr Produkt ernst nehmen. Denn es ist nicht damit getan, den Computer sortieren zu lassen. Er kann kein Register von Begriffen, bestenfalls einen Index von Wörtern erstellen, weil er den Bach nicht von Bach zu unterscheiden vermag. Ähnliches Dilemma im www: unüberbietbar zwar die Höhe der Trefferquote, gibt man der Suchmaschine ein nicht allzu sonderbares Stichwort zu fressen. Doch was tun mit 1483 Trophäen? Es sind zwei ganz verschiedene Abenteuer: das eine, von immer neuen Links zu immer neuen Abzweigungen geschickt zu werden, das andere, in einem gedruckten Register plötzlich auf einen magischen Begriff zu stoßen, den man gar nicht gesucht, aber der einen gefunden hat.