Wetten auf gute Noten

Wie man den Weg an eine englische Universität findet

London, Cambridge, Oxford - ein Studium in England klingt verlockend. Aber wie kommt man an eine britische Hochschule? Alle Wege führen dabei über UCAS - den Universities and Colleges Admissions Service. Das ist ein Dienstleister für Universitäten und Studenten, keine Verteilungsbehörde wie die ZVS, sondern das gut aufgeräumte Vorzimmer der Hochschulen. UCAS interpretiert ausländische Zensuren, gleich, ob sie aus Griechenland, Ghana oder Deutschland stammen, und rechnet sie auf die britischen Zulassungsbedingungen um. Die Einrichtung kann auch als eine Art Glücksrad fungieren und bei zu später Anmeldung noch Verbindungen zu dieser oder jener Universität herstellen.

Großbritanniens 336 Colleges und Universitäten bieten Abertausende von courses genannten Lehrveranstaltungen an. UCAS hilft dem Studienwilligen, diese Kurse und Unis zu finden: per E-Mail, Brief, Telefon - aber auch mit Broschüren und 50 Messen im ganzen Land, die mehr als 200 000 Studenten jährlich erreichen. Ausführliche Informationen finden sich auf der UCAS-Website (www.ucas.com). Die Website stellt Links zu allen Universitäten her, wo sich der angehende Student wiederum durch alle Vorlesungen und Seminare klicken kann, um zu finden, was ihn interessiert.

Studienplatz unter Vorbehalt

Englische Universitäten beginnen das Studienjahr stets im September. Die Bewerbung auf einen Studienplatz im nächstmöglichen akademischen Jahr (2002/3) muss bis zum 15. Januar 2002 eingetroffen sein. Bewerber für die medizinischen Fächer haben nur bis zum 15. Oktober Zeit, Kunst- und Designstudenten hingegen bis März 2002, um ihre Portfolios zusammenzustellen. Jeder Bewerber kann bis zu sechs Universitäten angeben. UCAS schickt die Unterlagen an die betreffenden Institutionen weiter. Zu- oder Absagen treffen dann bis spätestens Anfang Mai ein.

Alle Studenten benutzen die gleichen Bewerbungsbögen. Die application form besteht aus vier Seiten. Neben den üblichen Daten zur Person sowie zum Ausbildungs- und Examensverlauf gibt es eine Seite für Referenzen von Lehrern oder Arbeitgebern und eine Seite für ein persönliches Statement. In dem soll der Student erklären, warum er das Fach X an der Universität Y belegen will, aber auch seine Persönlichkeit, Interessen und Erfahrungen beschreiben.

Die meisten britischen Studenten bewerben sich, wenn sie noch in der Schule sind und ihre Examensnoten nicht kennen. Für sie müssen die Lehrer predictions, Voraussagen, abgeben. Aufgrund dieser "Wetten" machen die Universitäten ihre Offerten. Da die Voraussagen im Abschlussexamen freilich nicht immer erreicht werden, sind die Unis meistens vorsichtig mit ihren Angeboten. Statt einer bindenden Offerte gibt es ein conditional offer, also: Die Aufnahme gilt nur, wenn der Schüler mit einem Notendurchschnitt von X bestanden hat. Ist er schlechter - sorry.

Hat ein Zwölftklässler in Deutschland vor, nach dem Abitur in England zu studieren, muss er sich spätestens Anfang der 13. Klasse von seinen Lehrern solche Voraussagen über sein vermutetes Abschneiden besorgen. Erfüllt er die Voraussagen, bekommt er den Studienplatz. Und wenn nicht? Ein bisschen Luft gibt es immer. Denn die Uni behält sich vor, ihm den Platz auch dann zu geben, wenn statt 1,2 nur 1,3 im Abiturzeugnis steht.

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zum deutschen System: Auch wenn UCAS die einzige Institution ist, bei der man seine Bewerbung einreichen kann, entscheidet doch die Universität, welche Studenten sie nehmen will. Während bei uns noch immer heftig über das Recht der Universität, ihre Studenten auszuwählen, gestritten wird, ist dieses Recht in England Gesetz. Besonders auffällig ist das bei den berühmtesten englischen Unis, Oxford und Cambridge, die auch bei UCAS eine Sonderstellung genießen. Für sie muss man sich nämlich für 2002 schon bis zum 15. Oktober 2001 bewerben.

Oxford und Cambridge sind auch die einzigen, die man nicht gleichzeitig als Wunschuniversitäten nennen darf - entweder die eine oder die andere. Oxbridge, so lautet die saloppe Zusammenfassung der traditionsreichen Hochschulen, lädt nach Erhalt der Unterlagen alle Kandidaten zu Interviews ein - meistens im Dezember und Anfang Januar. Andere Universitäten machen ihre Interviews später, oft auch in Gruppen und nur für bestimmte Fächer.

Wer sein Abitur schon hat und schnell ist, hat sogar die Chance, noch in diesem Jahr einen Studienplatz auf der Insel zu bekommen. Es gibt die praktische Einrichtung des clearing, einer Art Studienplatzbörse. Dafür gibt des bei UCAS die Clearing Entry Form (CEF). Unter www.ucas.com kann der Bewerber bis Ende September erfahren, welche Unis noch Plätze in welchen Fächern im akademischen Jahr 200½002 anbieten. Er nimmt dann mit der Uni direkt Kontakt auf. Hat er Glück, wird sein CEF angefordert.

Prüfungen pflastern den Weg

Um einen ersten Eindruck von der zukünftigen Uni zu bekommen, lohnt es, sich mit Tutoren und älteren Studenten zu unterhalten, Studentenwohnheime anzusehen oder die Mietszene zu erkunden. "Nicht nur die Uni sollte dich aussuchen, du solltest auch die Uni aussuchen", lautet die Empfehlung der UCAS-Leute. London ist für deutsche Studenten erschütternd teuer, East Anglia etwas grau und trist und Glasgow im Winter gewöhnungsbedürftig. Es empfiehlt sich auch, die Rankings zu überfliegen, am besten von mehreren Zeitungen, weil die Rangfolge je nach politischer Ausrichtung des Blattes deutlich variiert.

Das Studium in England dauert meistens drei (manchmal vier) Jahre bis zum ersten Grad, dem B. A. Hochschulwechsel ist möglich, aber anders als in Deutschland nicht einfach. Das Studienjahr besteht aus drei terms genannten Trimestern. Prüfungen finden am Ende eines jeden Trimesters statt. Das Studium ist viel strenger strukturiert als das deutsche. Prüfungen und Hausarbeiten pflastern den Weg des Lernenden. Alles zu schwer, arbeitsam und reglementiert? Wohl nicht. Nur wenige deutsche Studenten trauern nach ihren England-Erfahrungen um die anonyme deutsche Massenuniversität.

 
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