Nun ist der Sommer doch reich bewimpelt mit Lyrik. Da gibt es allenthalben lange Nächte der Poesie, internationale Dichtertreffen, west-östliche Diwane. Die Literaturhäuser bringen auf riesigen Reklameflächen "Poesie in die Stadt", dass es den Müllmännern die Sprache verschlägt. Von überall tschilpen die Spatzen Gedichte von den Dächern. Und wer schießt den Vogel ab? Die alte Kanaille Kinski. Klaus Kinski, der Knattermime, die Skandalnudel. Und nun auch deutscher Dichter aus Zoppot (eigentlich Nikolausz Günther Nakszynski).

Zu seinem 75. Geburtstag (18. Oktober) ist nun bei Eichborn ein Band mit frühen Kinski-Gedichten erschienen. Ben Becker hat den fiebrigen Nachlass (zu Alexander Hackes schwelendem Elektronic-Sound) auf CD eingespielt. Und zwar nicht nervengepeitscht Kinski-like, wie der seinerzeit die Villon-Balladen ins Volk kartätschte, sondern angenehm ausgekühlt, on the rocks.

"Die Menschen sind bis tief ins Herz verhurt! / was wollen sie von mir! ich hatte nichts getan!! / ich hatte nur mein Leben durchgerissen, / weil sie mir Eiter in die Seele pissen!!/ ich krümmte mich unter der Nachgeburt, / die mir im Wirbel flattert wie ein irrer Hahn --" Für solche Töne hat man heute durchaus wieder Sinn. Heftige Ausschläge auf der Dichter-Skala bringen Leben in die schnarchenden Neubauten der Berliner Republik. Oh, Mensch! - Weltschmerz, Weltwut, Kassandra-Post. Das ausgestoßene Ich rennt sich den Kopf blutig am faulen Säkulum. "Riecht ihr den Eiter der gequälten Lumpen! / fühlt ihr den Fleischerhaken an der Kehle! / hört ihr den giftgen Brummer eurer Seele / herunterschießen auf den wunden Klumpen!"

Das ist rohestes Muskelfleisch, kein Körnerfutter. Da drängelt sich das Publikum vor Kinskis Raubtierrachen und lässt die poetischen Edelfedern in ihren Volieren erst mal links liegen. Die erste Auflage der Gedichte ist schon wie nichts weggegangen, und Ben Becker füllt mit seinem rauen Charme ohnehin ganze Säle.

Reizvolle Beklopptheiten

Die Wiederauferstehung Kinskis als Dichter kommt überraschend. Den Ehrgeiz hätten wir ihm zugetraut, nicht aber, dass er's kann. Auch wenn die Gedichte rechtschaffen ungleich sind, vieles ebenso pseudoexpressionistisch epigonal wie original Kinski in puncto Präpotenz & Größenwahn, so gibt es doch in diesen Strophen so viel kühn Gekonntes und Gereimtes, das zu den unbeholfenen Notaten und reimlosen Ergüssen nicht passen will. Und überhaupt zu Kinski nicht. Enigmatisch outrierte Formeln wie "Ich trage ruhig an dem großen Fisch" oder "Das große Früchtebrechen ist in euch vererbt" oder Machinationen wie: "Mir liegt die weiße Sonne zu / viel rot in rot - ein langer Glaube / wie weit im voraus ich erlaube / im Spiegelrückweg lebt die weiße Kuh." Eher möchte man glauben, dass Enzensbergers Lyrikmaschine solche reizvollen Beklopptheiten ausgespuckt hat als ein bemühter Debütant. Vieles wirkt aufschreiend komisch. Und mit Villon, den man allenthalben jetzt raushören will, hat das alles (abgesehen vom Gestus des sensiblen Lumpenhunds) sowieso keine Ähnlichkeit, ist eher spätsymbolistischer Provenienz.