D E U T S C H L A N D R A D I O B E R L I N Tacheles - Das Streitgespräch am Freitagabend
Ein Gespräch mit Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, geführt von Matthias Nass, die ZEIT, und Annette Riedel, DeutschlandRadio Berlin.
WOWEREIT:
Ich denke, wenn man Politik betreibt, dann muss man auch Macht
ausüben wollen, sonst kann man das nicht tun. Weil
natürlich Politik darin besteht, dass man mit Macht etwas
umsetzt, und wenn man das nicht will, dann sollte man es sein
lassen.
Es gibt also einen positiven Machtbegriff für Sie. Es
gibt dann aber natürlich auch die Kehrseite davon -
‚Macht negativ’. Wo ist Macht für Sie
negativ?
Das ist dann das Pendant ‚Macht missbrauchen’
und ‚Machtmissbrauch’. Das hat es in unserer
deutschen Geschichte natürlich gegeben. Dazu muss es
Kontroll-Mechanismen geben. Dazu haben wir die Presse
beispielsweise; dazu haben wir Instanzen wie den Rechnungshof, und
wir haben Parlamente, die kontrollieren.
Man muss ja nicht gleich tief in die deutsche Geschichte
einsteigen; es hat auch hier, ganz aktuell, eine Diskussion gegeben
über Ihren Umgang mit der Macht. Die einen sagen: er macht
das sehr professionell; die anderen sagen: er macht das
kühl bis ans Herz. Die CDU hat Ihnen vorgeworfen, bei der
Aufkündigung der Großen Koalition in Berlin
Verrat geübt zu haben, Wortbruch begangen zu haben. Wie
nehmen Sie dazu Stellung?
Wir haben eine Verfassung, und in der Verfassung heißt
es, dass eine Regierung sich auch verändern kann. Das
heißt, wenn im Parlament ein Regierungschef
abgewählt wird, dann hat das Parlament die Chance,
innerhalb einer bestimmten Frist einen neuen Regierenden
Bürgermeister zu wählen und das hat das Parlament
getan. Das kann nicht unter Missbrauch definiert werden. Und
Wortbruch - das lasse ich überhaupt nicht gelten! Das ist
so eine Formulierung von meinem Gegenkandidaten, der da ein
Vieraugen-Gespräch in seiner Art und Weise interpretiert.
Da könnte ich viel dazu sagen, aber auf dieses Niveau
möchte ich mich gar nicht erst begeben!
Die Interpretation kommt ja daher, dass gesagt wurde: kurz
bevor es hier in Berlin zum Bruch der Großen Koalition
kam, wurde noch immer heftigst versichert - mit
tatsächlichem oder sprichwörtlichem
Schulterklopfen – ‚hey, wir tun alles, um diese
Große Koalition zu retten!’
Ja, das sagt Herr Steffel so - damit man ihn auch einmal beim
Namen nennt, ich nenne ihn sonst eigentlich nicht gern beim Namen.
Da gibt es unterschiedliche Darstellungen. Jetzt sage ich nun doch
einmal etwas dazu: Die Zeitabstände zur
Aufkündigung der Koalition, mit denen dieses
Gespräch stattgefunden haben sollte, wurden auf einmal so
kurz, dass es noch kurz vor dem Koalitionsausschuss war. Da - war
ich nachweislich unter Beobachtung von allen Presseleuten - den
ganzen Tag, von morgens bis abends, und nachts hat mich die Presse
begleitet.
Herr Wowereit, der selbstbewusste Umgang mit der Macht, ist
das etwas, was Sie mit dem Bundeskanzler verbindet? Gerhard
Schröder hat Ihren ungewöhnlichen
Professionalismus im Umgang mit der Macht gelobt. Vielleicht hat er
das vorher bei der Berliner SPD ein bisschen vermisst?
Wir verstehen uns persönlich, das ist schon immer mal wichtig, aber vor allen Dingen unterstützt er die Berliner SPD. Das war ja nicht immer so; das muss man auch dazu sagen. Wir hatten als Berliner SPD auf der Bundesebene ein Ansehen gehabt, was doch unter Null war...
...das war verbesserungsfähig!
...das war sehr verbesserungsfähig! Ich weiß ja auch, wie man in den Hintergrundgesprächen über die Berliner SPD gesprochen hat - teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht. Wir haben uns verbessert; wir haben uns geschlossen dargestellt, und das ist ja das Wichtige an Politik. Eine Partei kann intern diskutieren; sie soll auch intern diskutieren. Wir sind ja nicht ein Block von Leuten, die nur eine Meinung haben; sondern wir haben für Diskussionen unsere Gremien; wir haben unseren Parteitag. Aber wenn eine Entscheidung getroffen ist, dann muss man nach außen die auch geschlossen vertreten, sonst kann ich ja nicht dem Wähler klarmachen, was will denn nun eigentlich die Partei, wenn es da zwanzig verschiedene Meinungen gibt.
Das heißt, der alte Flügelstreit in der
Berliner SPD ist überwunden, und Sie würden
vielleicht wie der Kanzler sagen: es gibt keine Linke und keine
Rechte, sondern nur eine moderne Politik oder
Wirtschaftspolitik?
Ich habe seit Jahren dafür gekämpft, dass man
auch in der Partei – aber das ist natürlich nach
außen genau dasselbe – nicht nur einfach etwas
zustimmt, weil man einer Gruppe zugehörig ist, sondern man
muss einfach überzeugt sein von der Sache! Wir hatten
natürlich Gruppierungen in der Berliner SPD, da gab es
traditionell die Linke - das war der
‚Donnerstagskreis’ in der Berliner SPD - dann gab
es den ‚Britzer Kreis’ - das waren die Rechten.
Und jeweils, wie man zufällig dazu gehörte,
musste man denn auf dem Parteitag auch immer abstimmen. Das habe
ich dann irgendwann nicht mehr mitgemacht und habe gesagt: das kann
ja nicht wahr sein! Ich möchte natürlich guten
Ideen zustimmen - egal ob sie von ‚Britz’ oder
von ‚Donnerstag’ kommen. Dann haben wir im
Parlament noch etwas gegründet, was sich dann
‚Kuschel-Linke’ genannt hat - sollte
ausdrücken, ‚wir sind eben der Block in der
Mitte’, der eben auch sagt, uns geht es um Sachpolitik,
nicht um Gruppenzugehörigkeit!
‚Kuschel-Links’ ist Mitte?
‚Kuschel-Links’ ist Mitte, weil es nicht die dogmatische Linke ist, und es sollte signalisieren – es war ein Ausdruck, der natürlich erst einmal sehr schön klingt, wer will nicht gerne kuscheln? – aber es sollte auch ein Gefühl ausdrücken, dass man tatsächlich Politik nicht nur in Ideologien betreibt, sondern dass man auch guckt, dass da Lösungsmöglichkeiten herauskommen. Wir machen doch Politik nicht zum Selbstzweck, sondern wir wollen doch etwas zur Gestaltung der Stadt machen und zur Verbesserung der Situation für die Menschen! Da muss man sich doch manchmal auch zurücknehmen, auch seine eigenen Ideologien zurücknehmen!
Nun ist es im Moment alles andere als kuschelig für
Sie. Sie haben Regierungsarbeit hier in Berlin sozusagen im
Ausnahmezustand übernommen. Der Wahlkampf hat in dem
Moment begonnen, in dem Sie Ihr Amt angetreten haben. Jetzt hat es,
kurz bevor das alles losgetreten wurde, ganz zum Schluss eine
sogenannte ‚Giftliste’ vom damaligen
Koalitionspartner CDU gegeben, wo mögliche
Sparmaßnahmen drauf waren. Eine der wenigen Dinge, die
Sie bisher davon versucht haben umzusetzen, ist, dass ein Theater
hier in Berlin privatisiert werden soll – für
Nicht-Berliner ist es uninteressant welches. Aber das ist eben auch
schon fast alles. Ist es das, was im Moment tatsächlich
nötig ist für die Stadt? Oder ist es eines der
wenigen Dinge, die Sie jetzt relativ schmerzfrei anstoßen
können und mit denen Sie gleichzeitig signalisieren
können: ‚seht doch, wir machen doch etwas, wir
tun doch etwas!’?
Schmerzfrei ist das nicht! Und ich denke auch, dass das ‚Theater des Westens’, um das es geht, über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Das war eine Frage des Mentalitätswechsels. Es war auch nicht einfach, sondern es ging darum: hier bekommt ein Haus zwanzig Millionen Zuschuss für Musical - das wird in anderen Städten ohne Zuschuss gemacht! Dann hat sich herausgestellt, dass der neue Intendant des Theaters - der nicht von mir berufen worden ist, sondern von Herrn Radunsky von der CDU - eine Politik betrieben hat, dass er das Haus sowieso leer gekündigt hatte. Es war ohnehin schon ohne eigenes Orchester, ohne eigenes Ensemble, ohne eigenes Ballett und hat aber immer noch die zwanzig Millionen behalten! Nun haben die auch nicht ausgereicht; da haben wir in den letzten Jahren schon immer mal zusätzlich Geld dazu gegeben, sonst wäre die Insolvenz notwendig gewesen. Jetzt standen wir wieder vor der Situation, dass, nachdem acht Millionen Schulden schon aufgelaufen waren, noch einmal 4,5 Millionen hätten gegeben werden müssen. Und da habe ich gesagt: das kann jetzt nicht wahr sein; wir schmeißen nicht noch einmal gutes Geld hinterher, sondern wir haben private Betreiber, die würden das ‚Theater des Westens’ übernehmen - ohne Zuschuss. Sie übernehmen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und machen Musicals und kein schlechteres Programm als bisher! bin ich bereit, auch so ein Haus zu privatisieren.
Aber Sie müssen zugegen, dass das nicht das
allerdringlichste Problem ist, was Berlin im Moment hat!
Was heißt das dringlichste - das ist ein Problem, das
angestanden hat! Nun hätte man das aussitzen
können, hätte man wieder sagen können:
‚warte mal den Wahltag, 21. Oktober, ab, gib halt erst mal
noch mal 4,5 Millionen Mark’. Ich muss doch Probleme dann
lösen, wenn sie entstehen! Insofern ist das
‚Theater des Westens’ von der
Größenordnung der 4,5 Millionen oder der zwanzig
Millionen her ja nicht der dicke Brocken, bei Berlins Schulden von
78 Milliarden Mark! Aber es ist ein Symbol dafür, wie ich
anders Politik machen werde. Ich werde mich nicht immer wieder von
Inkompetenz und von Miss-Management erpressen lassen und sagen: es
dient alles der guten Sache und da müssen wir wieder Geld
geben’. Mit 4,5 Millionen Mark kann ich viel andere Sachen
machen - in der Bildung oder in anderen Bereichen, die dringend
notwendig sind.
Über das ‚Theater des Westens’
hinaus - Sie wollen stark einschneiden beim öffentlichen
Dienst. Sie haben gesagt, Sie wollen eine Milliarde Mark
Personalkosten einsparen - das wären etwa rund 15tausend
Stellen, die abgebaut werden müssten. Dann nähmen
Sie es im Grunde mir Ihrer Kern-Klientel auf - mit den
Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes. Ist die SPD
darauf vorbereitet, auf diese Auseinandersetzung in einer Stadt, in
der die ÖTV - oder heute ver.di - ein ganz starker
Machtfaktor ist?
Da gibt es doch gar keine Alternative dazu! Die Personalkosten des öffentlichen Dienstes in Berlin haben eine Größenordnung von über vierzehn Milliarden Mark direkter Personalkosten. Da sind die Universitätsmitarbeiter noch gar nicht dabei, die Angestellten der Opern, die auch alles öffentlich Beschäftigte sind. Die einberechnet, würden wir ungefähr auf siebzehn Milliarden Mark kommen. Wir haben sechzehn bis siebzehn Milliarden Mark eigene Steuereinnahmen - schon allein aus der Zahl wird deutlich, dass man den öffentlichen Dienst nicht so lassen kann, wie er ist! Zum Einfluss von ver.di - da sage ich ganz deutlich: ich bin selber Mitglied von ver.di. Ich bin jemand, der aus einer traditionellen Gewerkschaftssituation heraus auch Politik macht, aber das kann nicht bedeuten, dass ich als Verantwortlicher für die Steuergelder den Mitarbeiter von Krupp-Thyssen sage: ‚wir können euch keine Aufträge mehr geben für Brückenbauten oder andere wichtige Infrastruktur-Maßnahmen; ihr verliert jetzt euren Arbeitsplatz, weil wir einen ineffizienten öffentlichen Dienst so schonen, wie er bislang geschont worden ist. Das kann nicht die Alternative sein!
Ist denn die Stadt als Ganzes auf die Grausamkeiten eines
solchen Sparkurses vorbereitet? Sie selbst haben immer gesagt,
diese Stadt braucht einen Wandel der Mentalitäten, weg von
einer Subventionsmentalität.
Ich habe den Eindruck, dass die Bürgerinnen und
Bürger darauf vorbereitet sind, weil sie aus ihrem eigenen
Erleben wissen, dass man eine Mark, die man einnimmt, nur einmal
ausgeben kann. Man kann sich kurzfristig einmal verschulden; aber
dann wird man irgendwann einmal von der Bank ausgezählt.
Das ist aber in der Politik bislang nicht so angekommen. Politik
hat immer Angst gehabt vor den Bürgerinnen und
Bürgern, vor einer Wahl auch einmal unangenehme Sachen zu
sagen. Da sage ich doch ganz deutlich: es ist doch unehrlich, heute
im Wahlkampf den Bürgerinnen und Bürgern in
Berlin blühende Landschaften zu versprechen bei den
Problemen, die wir haben! Ich sage vorher das, was sie
erwartet. Ich bin der festen Überzeugung, dass man damit
auch Wahlen gewinnen kann - jedenfalls eher, als wenn man den
Leuten immer sagt: es ist alles in Ordnung; wir werden schon alles
ohne Probleme schaffen! Nein, wir werden erhebliche
Umstrukturierungen machen müssen, und das wird man auch
merken in der Stadt! Ich kann nicht hier auf Dauer sechs Milliarden
einsparen und sagen: es merkt keiner in der Stadt!
Die SPD war an der Regierung, war zehn Jahre an dieser
Großen Koalition in Berlin beteiligt. Warum
können Sie jetzt glaubwürdig einen Neuanfang
verkünden, wenn Sie an dieser Politik, der Sie selbst
einmal kollektive Angst, glaube ich, vorgeworfen oder nachgesagt
haben...
...Verantwortungslosigkeit!
...Verantwortungslosigkeit - noch ein unfreundlicheres Wort! Wie kann diese SPD glaubwürdig diesen Neuanfang verkörpern?
Natürlich war die SPD an der Großen Koalition
beteiligt, und wir haben auch mit dieser Großen Koalition
in Berlin durchaus Erfolge gehabt - und nicht nur die SPD, sondern
auch die CDU! Das sage ich auch zu meinem Amtsvorgänger,
Eberhard Diepgen, der auch große Verdienste um die Stadt
hat. Aber man muss feststellen, dass nach über zehn Jahren
der Vorrat an Gemeinsamkeiten verbraucht war. Wir haben ja eine
Situation gehabt in der Stadt, wo spätestens nachdem Frau
Fugmann-Heesing hier Finanzsenatorin geworden ist, endlich mal
einen Kassensturz gemacht worden ist und gesagt worden ist, dass es
so nicht weitergehen kann! Wir hatten dann eine Situation im Senat
gehabt, dass die CDU immer der Bremser war. Die SPD war
für die Dreckarbeit zuständig; wir mussten die
Grausamkeiten verkünden, di e CDU hat sich hingestellt und
hat gesagt, das ist alles nicht so schlimm...
...aber Sie glauben, wenn Sie jetzt noch mehr Grausamkeiten
‚versprechen’, dass Sie dann von den 22,4 Prozent
bei den letzten Wahlen zum Abgeordnetenhaus wegkommen? Es
wäre ja vielleicht sehr ehrlich - aber was nützt
Ihnen die Ehrlichkeit, wenn Sie dann zwar sozusagen
‚aufräumen’ - aber für Ihren
Nachfolger?
Was nutzt mir ein Wahlerfolg, wenn das bedeutet, dass diese Stadt
in die Katastrophe marschiert? Ich zahle heute elf bis
zwölf Millionen Mark Zinsen pro Tag; das sind 4,5
Milliarden Mark im Jahr! Ich möchte nicht mein Amt nach
zehn Jahren verlassen – weil ich dann freiwillig
zurücktrete, um das deutlich zu machen – und
meinen Nachfolgern sagen: jetzt kannst du gar nichts mehr machen.
Die Horrorvision, einen Haushalt zu haben, der aus Zinszahlungen
besteht und aus Gehältern des öffentlichen
Dienstes und das kostet die gesamten Steuereinnahmen und mehr - das
ist eine Versündigung an zukünftigen
Generationen! Ich möchte, dass auch in Zukunft soziale
Leistungen erbracht werden können, dass wir uns ein
Bildungssystem leisten können für alle –
nicht, dass wir Privatschulen haben, Privatkrankenhäuser,
Privatuniversitäten! Der Reiche kann sich das leisten!
Derjenige, der Hilfe braucht, und das ist nicht nur der
Sozialhilfeempfänger, das sind heute auch breite Schichten
im sogenannten Mittelstand, die kinderreiche Familien haben
– oder was heißt kinderreich? – schon
mit zwei Kindern! - die brauchen öffentliche
Unterstützung! Und dafür trete ich ein, und da
muss man rechtzeitig umsteuern!
Herr Wowereit, es gibt eine sehr unangenehme Umfrage von Forsa,
die dieser Tage erschien, in der heißt es, dass jeder
fünfte Unternehmer in Berlin konkrete
Investitionspläne aufgeben könnte, wenn die PDS
in den Senat käme, und 61 Prozent der Unternehmer sind
davon überzeugt, dass ausländische Investoren
abgeschreckt werden könnten, wenn die PDS - was nicht
ausgeschlossen ist - in die Berliner Landesregierung nach den
Wahlen käme. Jetzt werden Sie uns natürlich
sagen, dass Sie das überhaupt nicht abschreckt und dass
Umfragen Umfragen sind, und Wähler sind
Wähler...
...woher wissen Sie das schon, was ich Ihnen sage?
Irgendwie habe ich dieses vage Gefühl. Was Ihnen aber
nicht gleichgültig sein kann, ist die Tatsache, dass 40
Prozent der Berliner noch nicht wissen, wen oder was sie
wählen, und Wahlen haben auch immer etwas mit Psychologie
zu tun, und solche Umfragen haben unter Umständen
Einfluss.
Die Umfragen bei Unternehmern haben diesen Einfluss nicht. Es
spielen zwar einige damit, das in den Wahlkampf auch
einzuführen. Man kann sich das auch selber herbeireden.
Ich muss auch sagen, ich finde es auch ein bisschen interessant,
dass ausgerechnet Unternehmer jetzt moralisch werden! Deshalb
investiert ja auch kein deutscher Unternehmer in China und
hat auch kein deutscher Unternehmer je mit der DDR
Geschäfte gemacht...
...hat aber nichts mit Moral zu tun in dem Fall...
...na offensichtlich ja doch, wenn die PDS das Thema ist, warum
sie hier nicht investieren...
...sie trauen dieser Partei einfach keine Wirtschaftskompetenz
zu, sie trauen ihr kein Investitionsklima zu ...!
...ja, das ist aber nur Geplänkel.
Wirtschaftsförderung ist für die Stadt unheimlich
wichtig, und mit mir wird es keine Regierung geben und keine
Koalition geben mit einem Partner, der nicht begreift, dass wir
für Wirtschaftsförderung viel tun
müssen! Investoren werden hier mit offenen Armen
empfangen, und ihnen wird der rote Teppich ausgerollt werden. Sie
werden nicht als Bittsteller und als lästige Bewerber
empfunden, wie es bislang so war. Und ich muss doch mal eines
sagen: Wirtschaftspolitik in Berlin und vor allen Dingen die
wirtschaftliche Lage in Berlin war ja wohl ohne PDS-Beteiligung
auch nicht die beste! Also, es stehen ja auch zur Zeit - oder
vorher standen - die Unternehmer nicht alle gerade Schlange! Ich
fordere von den Unternehmern ein – auch den bundesweiten
– dass sie sich auch einmal einer Verantwortung
für die Hauptstadt klar werden!
Mal abgesehen jetzt von dem Bild der Unternehmer von der PDS -
nach Ihrer Meinung gefragt: ist die PDS neben den Grünen
eine Partei, mit der man die Wirtschaft Berlins modernisieren kann
und mit der man den Haushalt Berlins sanieren kann?
Das sind die Fragen, die ich gerne diskutiere.
Echt?
Natürlich. Wir diskutieren ja sonst zur Zeit nur die
Fragen, ob man überhaupt mit der PDS eine Koalition machen
könnte, oder eine Zusammenarbeit. Wir diskutieren gar
nicht über die Inhalte, sondern über die Frage:
kann man mit der PDS so einen Tabu-Bruch begehen...?
Ich meine jetzt schon die Inhalte.
Ja, die Inhalte sind viel spannender! Da sage ich, das werden wir
bei Koalitionsverhandlungen sehen. Erstens, sage ich auch noch
einmal ganz deutlich: ich strebe ja keine Koalition mit der PDS an;
ich möchte sie gar nicht haben! Wenn die SPD stark genug
ist, dann reicht es zu Rot-Grün. Das ist das Wahlziel
für die SPD. Wenn Verhandlungen kommen - und das gilt
genauso für die Grünen wie auch für die
FDP - wird jede Fraktion, die mit mir eine Koalition machen will,
eine Aussage machen müssen z.B. zum Flughafen. Der
Flughafen ist wirtschaftspolitisch für die Stadt
unheimlich wichtig, und wer den nicht haben will, der kann mit mir
auch keine Koalition machen!
Sie reden vom Flughafen Schönefeld.
Ja, Flughafen Schönefeld, Berlin-Brandenburg,
internationaler Flughafen. Das ist unheimlich wichtig für
die Entwicklung der Region. Das sind Eckpunkte, die man auch in
einer Koalitionsverhandlung diskutieren muss und aushandeln muss.
Wer das nicht mitmacht, der hat keine Chance, in die Koalition
reinzukommen!
Bei den letzten Wahlen ist die SPD ja so ein wenig zwischen der
Ost-Partei PDS und der starken West-Partei CDU unter die
Räder gekommen. Könnte Ihnen das diesmal wieder
passieren?
Unter die Räder sind wir ja Gott sei dank ja nicht
gekommen, sonst wären wir nicht noch im Senat drin
gewesen...
...ja, aber 22 Prozent - das ist fast wie Räder, unter
die Sie gekommen sind!
Ja, aber manche würden sich freuen, wenn sie die
hätten, diese Räder! Aber für uns ist
das in der Tat kein gutes Ergebnis gewesen, und es soll auch
wesentlich besser werden; das ist ja klar. Wir waren in der Tat in
einer Situation – ich habe es im Parlament immer physisch
auch gemerkt – da gab es die eine Partei, die hat
einseitig auf die West-Berliner gesetzt, und die andere Partei hat
einseitig auf die Ost-Berliner gesetzt, und da sind dann
Entscheidungen dabei herausgekommen, die waren eigentlich gegen das
gesamte Berlin. Wir von der SPD waren von Anfang an aufgrund
unserer Tradition eine Partei für Gesamt-Berlin. Das war
nicht leicht darzustellen. Man kann natürlich auch mit
Polarisierung in bestimmten Phasen besser Wahlkampf machen. Heute
sieht es, Gott sei Dank, anders aus. Ich glaube, dass die Menschen
in der Stadt auch begriffen haben: wir müssen
Entscheidungen treffen - nicht mehr nach alten Kategorien, also:
bin ich Ost-Berliner, bin ich für die Charité,
bin ich West-Berliner, für Benjamin Franklin.
Krankenhäuser sind Universitäts-Kliniken. Ich
muss eine Entscheidung treffen, da wo es notwendig ist, und
dafür steht Klaus Wowereit!
Nun gibt es ja nicht nur sozusagen eine parteilich oder
programmatische Herausforderung durch die PDS, sondern auch noch
eine sehr persönliche Herausforderung durch Gregor Gysi.
Glauben sie denn, dass diese Stadt dem Charme Gregor Gysis erliegen
könnte?
Na, das glaube ich nun nicht! Man muss auch die Wirkung von Gregor
Gysi nicht übertreiben. Es gibt auch deutliche Umfragen,
da liegt zwar Gregor Gysi als Vertreter der PDS ganz gut. Ich habe
aber vor ihm überhaupt keine Angst, ist ja ein charmanter
Mann...
Aber Sie können ihn ja nicht völlig nur als
‚charmant’ abtun, denn unter Umständen
wollen Sie ja mit ihm zusammen diese Stadt regieren!
Unter Umständen werde ich eben mit ihm nicht
regieren, sondern nur in der Not, nicht unter
Umständen...
...aber die Not könnte der Umstand sein!
Ja, nun warten wir es doch einmal ab! Der 21. Oktober kommt ja
bald und die Wählerinnen und Wähler, die werden
das entscheiden.
Herr Wowereit, sind Sie eigentlich damit zufrieden, wie die
Deutschen ihre Hauptstadt behandeln?
Ich denke, wir werden intensiv diskutieren müssen darüber, und ich tue es bereits mit der Bundesebene, aber auch mit den anderen Ländern. Was bedeutet eigentlich ‚Hauptstadt für die Republik’? Wir sind nicht nur die Hauptstadt der Berlinerinnen und Berliner - wir sind zwar stolz darauf, das sage ich auch ganz deutlich. Aber wir sind auch die Hauptstadt der Münchener und der Schweriner und der anderen in der Republik. Und das bedeutet auch, dass, wie in jedem anderen Land, eine bestimmte Leistung in die Hauptstadt hineingehen muss. Das ist die Visitenkarte für die gesamte Bundesrepublik, und wir haben Aufgaben, die sind von nationaler Bedeutung. Das ist im Kulturbereich beispielsweise die Museumsinsel. Das ist nationales Kulturerbe, und das soll schnell wieder aufgebaut werden. Da soll Berlin 140 Millionen Mark pro Jahr zahlen - da sage ich ganz klipp und klar: das können wir nicht mehr zahlen! Ich denke, das ist eine Bundesaufgabe, und das müssen auch die anderen Bundesländer begreifen! Die sollen ja kein Geld geben, sondern sie sollen dann akzeptieren, dass der Bund Geld gibt, und nicht schreien: ‚das verstößt gegen den Föderalismusgedanken; das darf nicht sein!’
Finanzielle Tatsache ist doch aber auch, dass trotz
jüngster Steigerungen der Bund für dieses
Gesamt-Berlin, diese Hauptstadt Berlin, heute immer noch weniger
für Kultur bezahlt als zu Teilungszeiten für die
Hauptstadt West-Berlin!
Na ja, das stimmt ja so nicht. 51 Prozent der Ausgaben, die von
Berlin getätigt worden sind, sind vom Bund gekommen. Das
war ja die sogenannte Subventionsmentalität; die
müssten wir auch noch überwinden. Seitdem Gerhard
Schröder Bundeskanzler ist, gibt es mehr Zahlungen nach
Berlin, und das ist unabhängig von der
Parteizugehörigkeit des Regierenden
Bürgermeisters gewesen. Wir haben die Sammlung Berggruen
für Berlin bekommen; da ist der Bund eingetreten. Wir
haben 100 Millionen bekommen für die innere Sicherheit -
das heißt, Gerhard Schröder hat auch unter einem
Regierenden CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen etwas
für die Stadt getan, für die Bundeshauptstadt
getan. Und ich bin mir sicher, dass wir in Verhandlungen mit der
Bundesebene auch ein besseres Gehör finden, und wir werden
versuchen, so viel wie möglich für die Stadt zu
bekommen - aber bitte auch nicht nur immer in der fordernden
Mentalität und immer wieder - typisch berlinerisch, wie es
frühere denn der Fall war – nach dem Motto
‚wir haben was gekriegt; das reicht aber alles nicht
aus!’
Das heißt aber auch, Sie sind zufrieden mit der
Tatsache, dass etwa der Freistaat Bayern für seine
Landeshauptstadt München letztendlich mehr ausgibt als der
Bund für seine Bundeshauptstadt Berlin?
Das stimmt so nicht; da muss man einmal die Zahlen
überprüfen. Der Bund gibt hier in Berlin allein
für Berliner Kultureinrichtungen, glaube ich, 700
Millionen aus, und wir geben ja auch unser Geld aus. Dass
München nun soviel mehr hat als Berlin - das glaube ich so
erst einmal von den Zahlen her nicht. Es ist doch nicht die Frage,
was wir uns alles wünschen, sondern die Frage, was zu
finanzieren ist! Der Bund hat nun auch finanzielle Probleme. Ich
möchte auch gar nicht München das Wasser
abgraben, auch nicht Köln oder Düsseldorf oder
Hamburg oder so. Wir sind zwar in der Konkurrenz zu anderen
Bundesländern, und das werden wir auch nutzen. Ich
akzeptiere es nicht, dass Herr Stoiber und Herr Clement immer
irgendwo bei der Industrieansiedlung vorn sind, weil sie da selber
irgend etwas gemacht haben und Berlin sich da immer passiv
verhalten hat! Wir werden in Konkurrenz treten - auch zu den
Starken. Wir werden natürlich auch Forderungen stellen
für Berlin - aber Forderungen mit Sinn und Verstand und
mit inhaltlicher Argumentation und nicht nur einfach, weil wir
Berlin sind!
Spätestens, seit Sie das Amt des Regierenden Bürgermeisters übernommen haben, haben Sie im Grunde auch die Bühne der Bundespolitik betreten, sind also eigentlich über Ihre Aufgaben als Landespolitiker oder als Berliner Spar-Kommissar hinaus gefragt. Was sind Ihre Vorstellungen von einer modernen sozialdemokratischen Gesellschaftspolitik?
Wo wären da die Antworten à la Wowereit?
Die Antworten à la Wowereit sind ganz klar: Wir müssen den Menschen weiterhin ein soziales Netz bieten. Wir dürfen sie nicht dem freien Markt überlassen. Sondern wir müssen ihnen Hilfestellung leisten. Das bedeutet aber auf der anderen Seite auch, dass wir in einer Phase der sozialen Sicherheit überprüfen müssen, ob unsere bisherigen Systeme wirken, und wir müssen uns in die Zukunft orientieren. Das heißt, wir müssen unsere Jugend fit machen, dass sie für den Konkurrenzkampf, der mittlerweile in der Tat national nicht mehr zu bewältigen ist, sondern eben international geführt wird, bereit sind! Und wir müssen auch die deutsche Wirtschaft in die Pflicht nehmen, nicht nur im Ausland zu investieren, in Kapitalmärkte zu investieren, sondern in Innovation und in Technik und in Forschung. Das ist doch die Zukunft! Da muss der Staat Anreize bieten, und der Staat muss auch die Wirtschaft dazu in die Verpflichtung nehmen!
Und daran haben Sie keinen Zweifel, dass die Politik diese
Handlungsfähigkeit hat und auch behalten wird?
Na, das muss Politik doch leisten, sonst können wir
Politik abschaffen! Dann können wir sagen: o.k., die
Wirtschaftbosse übernehmen die Republik - wie man ja
manchmal schon den Eindruck hat, weil natürlich auch
nationale und erst recht Länderregierungen bei
wirtschaftspolitischen Entscheidungen natürlich nicht
immer einen Einfluss haben. Aber trotzdem müssen wir uns
doch dieser Aufgabe stellen! Wir müssen das regeln. Die
soziale Marktwirtschaft, die in der Bundesrepublik jahrzehntelang
ein Erfolgsgarant war, muss modernisiert werden in der Weise, dass
es eine Balance gibt. Ein reiner Wirtschafts-Darwinismus - der darf
in der Bundesrepublik auch keine Chance haben!
Herr Wowereit, Sie haben im Laufe des Gesprächs
leichtsinnigerweise gesagt, höchstens zehn Jahre Berliner
Bürgermeister wollen Sie bleiben - wenn es mal nicht nur
dreieinhalb Monate sind...!
...seien Sie doch nicht so pessimistisch!
Nach diesen zehn Jahren, wo geht es dann hin?
Manche haben ja riesige Perspektiven; die rütteln schon
rechtzeitig irgendwo an irgendwelchen Türen. Das bin ich
nicht, sondern ich habe gesagt – deshalb habe ich von zehn
Jahren gesprochen – das sind zwei Legislaturperioden, und
ich bin der Meinung - ohne mich da jetzt aber auch festlegen zu
wollen, sonst fragen Sie mich in dieser Sendung bei der IFA in zehn
Jahren erst mal: ‚warum sind Sie nicht sofort
zurückgetreten?’ - ich bin der Meinung, dass wir
Abnutzungserscheinungen haben bei Spitzenpolitikern, wenn sie zu
lange im Amt sind. Das hat man bei Herrn Helmut Kohl gesehen; das
hat man bei Eberhard Diepgen gesehen, und das sage ich heute am
Beginn einer zehnjährigen Zeit. Hoffentlich bin ich dann
nach zehn Jahren auch so, dass ich dann loslassen kann und mir
nicht selber irgendwie einrede, ich werde unbedingt gebraucht und
ohne mich geht es nicht! Ich denke, nach zehn Jahren ist man auch
in einem Trott drin, der nicht gut ist. In solchen
Spitzenfunktionen hat man dann leicht die Bodenhaftung verloren.
Das ist ja das schwierige, was ein Spitzenpolitiker immer noch
hinkriegen muss. Er ist nicht mehr der Herr Wowereit, sondern der
Regierende Bürgermeister. Er wird teilweise anders
behandelt, aber man muss sich doch immer klar machen, dass man
dadurch kein anderer Mensch geworden ist...!
Keine Tür, an der Sie gern rütteln
würden, wie seinerzeit der junge Gerhard Schröder
am Tor zum Kanzleramt?
Das sage ich Ihnen jetzt nicht!
Schade eigentlich!
Klaus Wowereit: geboren am 1. 10. 1953 Berlin; ledig -
Abitur 1973. Studium: FU Berlin, 1979: 1. jur. Staatsprüfung, 1981:
2. jur. Staatsprüfung. 1981/84: Regierungsrat z. A. beim Senator
für Inneres.1984/95: Bezirksstadtrat Tempelhof. Mitgl. der SPD,
Mitgl. des Landesvorstandes, Kreis- und
Landesparteitagsdelegierter. 1979/84: Bezirksverordneter, 1981/84:
Fraktionsvors. der SPD BVV Tempelhof. Mitgl. AWO, Tempelhofer
Kunst- und Kulturverein (TKK), Partnerschaftsverein Tempelhof,
Haus-, Wohnungs- und Grundstückseigentümerverein Berlin-Lichtenrade
e. V., Förderverein Bruno-H.-Bürgel Schule e. V., Europäische
Akademie,1995/99: Stellv. Fraktionsvors. der SPD-Fraktion.Dezember
1999 - Juni 2001 Vorsitzender der SPD-Fraktion, seit 16. Juni 2001
Regierender Bürgermeister von Berlin.
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