Ich habe einen Traum

Wenige Wochen vor ihrem Tod beschrieb die Sängerin und Schauspielerin Aaliyah einen Traum, in dem es ums Fliegen geht, um das Gefühl der Freiheit und Schwerelosigkeit - und um die Angst vor dem Scheitern. Am vergangenen Samstag starb sie im Alter von 22 Jahren beim Absturz eines Privatflugzeugs auf den Bahamas, wo sie ein Musikvideo gedreht hatte. Aaliyah wurde als Aaliyah Dana Haughton in Brooklyn, New York, geboren und galt früh als hoch talentiert. Mit 11 Jahren stand sie zum ersten Mal auf der Bühne, mit 15 veröffentlichte sie ihre erste Platte, die mit Platin ausgezeichnet wurde. Vor kurzem erschien ihr drittes Album »Aaliyah«. In dem Film »Romeo must die«, der voriges Jahr in die Kinos kam, spielte sie eine Hauptrolle. Demnächst sollte sie in zwei Fortsetzungsepisoden des Films »The Matrix« zu sehen sein, die Dreharbeiten hatten bereits begonnen

Trotzdem beunruhigt mich dieser Traum ein bisschen. Was will er mir sagen? Dass ich auch im wirklichen Leben manchmal fliehen möchte? Wovor? Vor dem Erfolg? Vor dem Druck des Showgeschäfts? Nein. Ich genieße jede Sekunde meines Ruhms. Wenn ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen könnte, würde ich nichts ändern. Ehrlich.

Schon als kleines Mädchen wusste ich: Ich will berühmt werden. Auf diesen Traum habe ich hingearbeitet. Hart. Sehr hart. Ich nahm Gesangsunterricht, ich machte bei Schulaufführungen mit. Ich tat alles dafür, eine gute Entertainerin zu werden. Denn ein hübsches Äußeres macht dich nicht zum Star. Weder in der Musik- noch in der Filmbranche.

Rückblickend unterstellen mir viele Menschen, ich hätte keine richtige Kindheit gehabt. Eine Lüge! Meine Eltern achteten immer darauf, dass ich genügend Zeit zum Spielen hatte. Ich habe nichts versäumt. Im Grunde war ich ein normales Mädchen. Na ja, ein fast normales Mädchen. Nicht jedes Kind hat mit neun sein erstes Konzert gegeben. An diesen Tag erinnere ich mich noch genau. Als ich mit meiner Tante Gladys Knight in Las Vegas auf der Bühne stand, wurde für mich ein großer Wunsch wahr. Gleichzeitig hatte ich Angst. Angst vor dem Publikum. Angst zu versagen. Meine Schüchternheit hemmte mich damals. Am liebsten flüchtete ich mich in meine Träume.

Auch heute noch bin ich eine Träumerin. Eine Tagträumerin. Wenn sich meine Freunde unterhalten, schweife ich oft ab. Ich starre selbstverloren in die Ferne. Wo ich dann bin? Keine Ahnung. In höheren Sphären wahrscheinlich. Manchmal weiß ich es selbst nicht. Ich bin irgendwie mysteriös; dabei belassen wir's. Selbst meine Eltern wissen manchmal nicht, was ich denke. Wahrscheinlich haben sie sich damit abgefunden, dass ich introvertiert bin. Nein, introvertiert ist das falsche Wort: Ich habe eine komplexe Persönlichkeit. Eigentlich bin ich ein netter, offener Mensch. Aber ich ziehe mich oft zurück. Andere fürchten sich vor dem Alleinsein; ich bin gern allein. Zumindest von Zeit zu Zeit. Manchmal lege ich mich in meinem Appartement in Manhattan aufs Bett. Ich sehe nur aus dem Fenster. Ich träume.

In meinem Traum bin ich in Ägypten. Dem Land meiner Träume. Die Kultur, die Pyramiden - das fasziniert mich. Ja, ich bin mir sicher: Ich war früher eine Ägypterin. Nur so kann ich mir meine Faszination erklären. Dieses Land schlug mich sofort in seinen Bann. Obwohl ich es nur von Bildern kannte. Als ich klein war, zeigte mir meine Mutter Urlaubsfotos von Freunden. Ich sah Hieroglyphen, Pyramiden, Göttermasken, die Menschen, merkwürdige Zeremonien - ich tauchte in eine andere Welt ein. Diese Welt zu erkunden ist mein größter Traum.

Eines Tages werde ich nach Ägypten reisen. Ich werde dort sein, wo Kleopatra und die Pharaonen lebten. Schade, dass ich sie nicht mehr treffen kann. Wenn ich eine Zeitmaschine hätte, würde ich das alte Ägypten besuchen. Wer weiß, vielleicht würden Kleopatra und ich sogar gute Freundinnen werden. Zumindest aber könnte ich die alte Kultur hautnah spüren und all das erleben, was ich bisher nur aus Büchern kenne.

Meine Ägyptenbücher sind meine Heiligtümer. Ich lese jede Geschichte über ägyptische Könige und Königinnen. Manchmal sehe ich mir auch einfach nur die Bilder an. Ich träume, dass ich vor diesen imposanten Bauwerken stehe. Oder in Ägypten einen Film drehe. Am liebsten möchte ich Kleopatra spielen. Falls es eines Tages ein Remake des gleichnamigen Films geben wird, werde ich mich um die Hauptrolle bewerben. Sofort!

Auch andere Projekte würden mich reizen. Hauptsache, ich könnte in Ägypten arbeiten. Diesem Wunsch bin ich mit The Queen of the Damned ein Stück näher gekommen. In der Fortsetzung von Interview with the Vampire spiele ich die ägyptische Königin Akasha. Eine Traumrolle, zugegeben. Aber leider wurde dieser Film nicht in Ägypten gedreht. Auch der zweite und dritte Teil des Actionfilms The Matrix, für die ich gerade vor der Kamera stehe, bringen mich meinem Traum nicht näher. Dieses Mal filme ich in Australien. Ein schönes Land, aber eben nicht Ägypten.

Dafür habe ich einen tollen Filmpartner: Keanu Reeves. Sicher beneiden mich viele Frauen um diesen Dreh. Aber ich finde Keanu nur nett. Mehr nicht. Er ist ebenso verschlossen wie ich. Das gefällt mir. Mein Traummann? Nein. Ich bevorzuge maskuline Männer. Männer, bei denen ich mich geborgen fühle. Sie müssen so stark wie ägyptische Krieger sein. Wenn ich so einen finde, werde ich ihn heiraten. Wie alle kleinen Mädchen habe ich schon immer von einer traditionellen Hochzeit geträumt. Mit Kutsche und weißem Brautkleid. Ich bin eine hoffnungslose Romantikerin. Einen Mann will ich, Kinder - eine glückliche Familie.

Dieser Wunsch muss aber noch zurückstehen. Zunächst will ich mir einen anderen Traum erfüllen. Nein, zwei Träume. Ich werde gemeinsam mit einer Freundin Kleidung und Accessoires entwerfen. Vielleicht schon im nächsten Jahr.

Mein zweiter Traum ist zunächst nicht greifbar. Leider. Zunächst hat meine Filmkarriere Vorrang. Aber sobald ich mich als Schauspielerin etabliert habe, werde ich mir eine Pause gönnen. Ich will aufs College gehen. Was ich studieren werde? Natürlich Ägyptologie. Ein anderes Fach käme für mich nicht infrage. Unvorstellbar.

 
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