M E D I Z I N Neustart im Knochenmark

Eine Radikalkur könnte bei Autoimmunleiden helfen. Doch die Therapie ist riskant

Der Mann war erst 46, schon 7 Jahre krank, und nun saß er im Rollstuhl. Dabei hatte man ihm zuvor noch künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Die Füße des Australiers mussten bestrahlt werden, er schluckte täglich 50 Milligramm Kortison gegen seine Krankheit und brauchte 1200 Milligramm Morphium gegen die Schmerzen. Er litt unter Geschwüren, Darmblutungen und Depressionen. Ihm wurde gekündigt, seine Frau hatte sich scheiden lassen, nur 30 Tage eines Jahres verbrachte er außerhalb der Klinik.

Obwohl ihr Patient täglich ein Arsenal immundämpfender Pillen nahm, brachten David Joske und seine Kollegen vom Queen Elizabeth II Medical Center bei Perth die Gelenkentzündungen nicht unter Kontrolle. Die Diagnose: refraktäre rheumatoide Arthritis - chronische Gelenkentzündung, eine Autoimmunkrankheit. Antikörper und Immunzellen hatten zermürbende Attacken gegen die Gelenke des Kranken gestartet.

Schließlich entschlossen sich Joske und sein Patient, einen letzten und für den Kranken heroischen Versuch zu wagen. Ein pharmakologischer Giftangriff sollte seine marodierende Immunverteidigung auf einen Schlag auslöschen, danach wollte der Mediziner seinen Patienten mit einem neuen Immunsystem aus Blutstammzellen ausstatten - eine experimentelle Therapie, die womöglich helfen, aber auch einen hohen Preis fordern könnte. Infektionen oder Blutungen können solche Heilversuche schnell beenden - Tod durch Therapie.

Doch Joskes Patient hatte Glück. Er überstand die brachiale Behandlung, bald besserten sich die Schmerzen, sechs Monate nach der Behandlung konnte der Rollstuhlfahrer wieder gehen. "Strecken von zwei Kilometern schafft er jetzt locker", vermeldete Joske im Fachblatt The Lancet.

Hinter der Episode steckt mehr als eine ärztliche Verzweiflungstat. Ähnliche Mutproben wagten Mediziner inzwischen auch bei Autoimmunleiden wie multipler Sklerose, Lupus erythematosus, Skleroderma oder der Darmentzündung Morbus Crohn. An solchen und anderen Krankheiten leiden weltweit rund 300 Millionen Menschen. Nach über 500 Versuchen mit der Radikalkur hoffen die Mediziner nun auf eine effektive Waffe gegen die unheilbaren Leiden. Insgesamt habe man bei zwei Dritteln der Patienten dauerhaft oder vorübergehend Besserung erzielt, urteilt der Basler Hämatologe Alois Gratwohl. "Die Technik ist machbar", meint er. "Aber wir sehen auch Versagen und eine beträchtliche Mortalität." Nahezu jeder Zehnte starb bisher an den Folgen der Radikalkur.

Zudem lässt sich derzeit kaum abschätzen, wie wirksam die Therapie bei verschiedenen Autoimmunkrankheiten sein kann. Denn das Verfahren ist eine Zufallsentdeckung aus der Behandlung von Leukämiepatienten. Denen werden häufig eigene Blutstammzellen oder die von Verwandten übertragen, um ihre Krebszellen zu bekämpfen. Erstaunt hatten die Mediziner dabei festgestellt, dass einige Krebskranke, die zudem unter einer Autoimmunkrankheit litten, nicht nur den Kampf gegen die Leukämie gewannen, sondern zugleich auch ihr zweites Leiden abschüttelten. Seither vermuten die Experten, dass transplantierte Stammzellen ein neues, gesundes Immunsystem aufbauen können, und haben eine Fülle von Einzelpatienten entsprechend behandelt. Doch es fehlen beweiskräftige Studien, die einen Vergleich mit herkömmlichen Standardtherapien erlauben.

Das soll jetzt anders werden: Das International Stem Cell Project for Autoimmune Disease, ein Konsortium aus Ärzteteams in Europa, Asien, Australien und den Vereinigten Staaten, will nun die Heilmacht der Therapie beweisen. Die erste Studie bei MS-Patienten ist angelaufen. Zwei weitere mit Arthritiskranken und Sklerodermapatienten sollen folgen. Das Vorgehen der Ärzte unterscheidet sich nur in Details von dem Eingriff, mit dem David Joske seinem Patienten half. Er hatte dem Kranken zuerst eine geringe Dosis eines Krebsmedikaments verabreicht, dazu den Wachstumsfaktor G-CSF (Granulocyte colony-stimulating factor). Dann zapfte man ihm Blut ab. Darin schwamm seine Lebensversicherung - die Medikamente locken unreife Blutstammzellen aus dem Knochenmark in den Kreislauf. Von dort wurden sie in einer Art Blutwäsche abgetrennt und eingefroren. Von dem vereisten Klümpchen aus vielen hundert Millionen Zellen hing nun das Leben des Patienten ab.

Dann leiteten die Mediziner eine Giftflut durch seinen Körper. Das Zellgift Cyclophosphamid zerfraß sein Knochenmark und tötete seine Immunzellen - darunter auch die Meuterer, die seine Gelenke attackierten. Erst dann tauten die Ärzte die Zellreserve auf und spritzten sie dem Mann in die Blutbahn. Die noch unreifen Blutzellen, so das Kalkül der Fachleute, sollten frei sein von der selbstzerstörerischen Angriffslust der alten Immunverteidigung. Doch bis sie neues Knochenmark gebildet hatten, blieb der Kranke ohne Immunverteidigung. Nur mit steriler Schutzkleidung und Gesichtsmasken konnten Ärzte und Pfleger sein keimfreies Krankenlager betreten.

Erfolge, aber mit Rückfallgefahr

Daher hat die Radikalkur bisher schon manches Opfer gefordert. "Zelltransplantation ist eine Kunst", sagt der Hämatologe Richard Burt vom Northwestern Memorial Hospital in Chicago, einer der Pioniere des Verfahrens. Allerdings hängt das Risiko des therapeutischen Eingriffs von der zugrunde liegenden Erkrankung ab: Während nur 4 Prozent der Arthritispatienten starben, bezahlten 17 Prozent der Lupuskranken den Heilversuch mit dem Leben. Offenbar hatte ihre Krankheit bereits viele Organe so weit geschädigt, dass sie der strapaziösen Therapie nicht standhalten konnten. Burts Regel für die Auswahl der Patienten: Die Todesgefahr durch ihre Krankheit muss höher sein als das Risiko der Therapie.

Wer aber überlebt, hat wohl Aussichten auf Heilung. Spektakulär klingt, was Manfred Hensel über seine zwei Patienten mit Morbus Behcet zu erzählen hat, einer Autoimmunkrankheit, die zu Erblindung und Tod führen kann. Einer scheine seit 31 Monaten völlig gesund und nehme keine Medikamente, beteuert der Oberarzt am Heidelberger Uniklinikum, der Zweite komme seit fast zwei Jahren mit wenig Kortison über die Runden. "Es ist erstaunlich", wundert sich Hensel, "die waren schwerst krank." Erst im vergangenen Monat verkündete auch Burt Erfolge bei zwei Schwerkranken mit Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung. "Die hatten zehn blutige Diarrhöen am Tag", sagt er, "nun sind sie beschwerdefrei und können essen."

Wie dauerhaft solche Erfolge sind, steht indes auf einem anderen Blatt. Burt konnte noch im vergangenen Jahr über sieben Lupuspatienten berichten. Alle waren 25 Monate nach dem Eingriff symptomfrei. Nachdem Kollegen von der Berliner Charité Burt im Fachblatt Lancet entgegenhielten, dass von drei ihrer Patienten einer nach 18 Monaten erneut erkrankt sei, musste auch Burt in seiner Erwiderung einen Rückfall in seiner Klinik melden. Bei den Aussichten seiner beiden Crohn-Patienten hält er sich daher lieber bedeckt: "Ob wir von Heilung sprechen können, wird nur die Zeit zeigen."

Soviel Vorsicht dürfte angebracht sein: Nach 30 Monaten überfiel auch den Rheumapatienten von David Joske das Leiden erneut. Immerhin, beteuert Joske, habe man die Sache nun mit Medikamenten im Griff. Und laufen könne sein Patient schließlich noch immer.

Die Gründe dieser Rückfälle sind rätselhaft, die spektakulären Erfolge mysteriös, und um die eigentlichen Ursachen der Autoimmunkrankheiten türmt sich ein Berg von Fragen. Zwar wären die Entzündungen, die alle Autoimmunkrankheiten kennzeichnen, durch chronische Infektionen am besten zu erklären. Doch meist blieb die Fahndung nach Erregern erfolglos. Mangels besserer Erklärungen setzen die Experten auf die Theorie der "molekularen Mimikri": Bei genetisch belasteten Menschen trete manche eher harmlose Infektion eine Immunattacke los, die nicht nur den Keim bekämpfe. Zufällig können die Antikörper und Immunzellen Strukturen des eingedrungenen Erregers erkennen, die denen von eigenen Zellen gleichen. Folge des Zielirrtums: Nach abgewehrter Infektion läuft die Offensive weiter - gegen den eigenen Körper.

Zumindest in einigen Fällen gelang es, diese Kausalkette zu rekonstruieren. Herpesviren lösen zuweilen eine chronische Hornhautentzündung aus. Ähnlich gut ist die Beweislage bei Borrelien: Die Bakterien dürften für eine chronische Gelenkentzündung (Lyme-Arthritis) verantwortlich sein. Ermittelt wird zudem gegen verschiedene mikrobiotische Unholde in Fällen von Diabetes, chronischer Herzmuskelentzündung und multipler Sklerose. Gleichwohl, resümieren Experten, könne die Indizienkette bei keinem der Erreger als lückenlos gelten.

Und ohnehin scheint die Steckbriefkartei der Mediziner höchst unvollständig: Von allen Keimen, die Menschen krank machen können, schätzen Mikrobiologen, kennt man bestenfalls ein Viertel.

 
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