Einen Steinwurf vom Atomkraftwerk teilen sich holländische, belgische, skandinavische und deutsche Familienkutschen den sauber geharkten Kiesparkplatz neben dem Picknickareal. 45 Franc kostet der Eintritt in das riesige Gewächshaus. Afrikanische Vögel kreischen in tropischem Gebüsch, Geckos klettern über die Metallträger der Glasdachkonstruktion. Die Holzstege entlang jedoch faulenzt die Hauptattraktion in Betonbassins: Hunderte von Krokodilen. Die größten sind über vier Meter lang, um die knopfäugigen Jungtiere zu vermessen, reicht ein Schülerlineal.

Feuchte 30 Grad zeigt das Thermometer am Baobab, dem Affenbrotbaum im Herzen der Farm. Krokodilzüchter Luc Fougeirol lächelt im Vorbeigehen milde und wartet auf die Frage nach den Heizkosten. Sein tropisches Kleinod betreibt er zum Spartarif. Heizöl, nein danke: Gemeinsam mit Bruder Eric zapft er das Kühlwasser des Nachbarn Eurodif an. "Die Kernenergie erlaubt es uns, zu hervorragenden Bedingungen zu arbeiten, wie viele andere Leuten hier in der Region übrigens auch. Ohne das Kernkraftwerk gäbe es unsere Krokodile nicht." Atomkonsens à la française.

Eröffnet wurde Europas einzige Krokodilfarm im Juli 1994. Mitte 40 ist Luc Fougeirol, klein, stämmig, gelernter Gemüsebauer. Selbstbewusst blickt er auf seine 6500 Quadratmeter Krokozoo. Reptilienfan ist Fougeirol seit Jugendjahren. Mit Biologen reiste er durch Afrika, stand Tierfilmern zur Seite. Ende der achtziger Jahre reifte die Idee vom Krokodilzoo am Rande des AKW. Die nationale französische Atomgesellschaft Cogéma, durch Tschernobyl imagebelastet, war begeistert und sprang mit einem Kredit zur Seite, ebenso die touristenhungrige Region Drôme. Die Banken waren etwas schwieriger zu überzeugen. Mit Bruder Eric stellte Fougeirol einen fiktiven Geschäftsplan auf, der Gewinne durch Verkauf von Häuten und Fleisch vorrechnete. Die Gewinnaussichten sicherten den Rest der Investitionssumme. In Wirklichkeit sollten die Krokodile nie im Schlachthaus enden - und dies ist bislang auch nicht geschehen, dank der hohen Besucherzahlen.

Im Jahr 1991 kaufte Fougeirol 335 Nilkrokodile auf einer Farm in Südafrika. Er verpackte die sechs Monate alten, 60 Zentimeter großen Tiere in Kisten und verschickte sie nach Europa. Mit Schlachtabfällen einer Brathähnchenbatterie päppelte er sie auf . "Die Leute hier in der Gegend haben uns damals für Spinner gehalten", erzählt Eric, der jüngere Bruder, der sich ums Geschäftliche kümmert. "Heute geben uns die Besucher Recht. Über 250 000 kommen pro Jahr. Und wir hoffen, dass sich die Zahl langfristig verdreifachen wird."

Keine Angst vorm Super-GAU?

Inzwischen ist die Krokodilfarm zum rentablen Wirtschaftsunternehmen gewachsen, ist ausgestattet mit einem tropischen Gartenrestaurant. Besonders beeindruckt der Souvenirshop. Im Sortiment der praktische Flaschenöffner: Das gusseiserne Krokomaul beißt den Kronkorken runter. Die grün dominierte T-Shirt-Kollektion beginnt bei Größe XXS, die Großauswahl an Plüsch- und Plastikalligatoren endet im Reptilienoriginalformat. Krokotaschen fehlen natürlich.

Luc vermittelt glaubwürdig den Eindruck, dass er seine Farm nicht in erster Linie aufgebaut hat, um Geld zu verdienen. "Krokodile haben die Menschen nie gleichgültig gelassen. Sie waren immer Götter oder Dämonen." Für ihn sind sie Obsession und Auftrag. Mehrmals täglich informieren seine Mitarbeiter die Besucher über die Bedrohung der Krokodilarten in Australien, Asien, Afrika und Amerika. Auf 200 Farmen werden Krokodile, Alligatoren und Kaimane kommerziell gezüchtet. "Radikale Tierschützer wollen das nicht verstehen. Aber ohne die Farmen gäbe es in freier Wildbahn kein einziges Krokodil mehr. Ihre Haut ist zu wertvoll. Und wir schaffen hier mit unserem Zoo immerhin Bewusstsein."