L I T E R A T U R K R I T I K Schmusen mit dem Rüpel
Wie sich die französische Kritik am neuen Roman von Michel Houellebecq vorbeimogeln will - und dafür lieber ins Skandalhorn tutet
Heute Abend soll er gestehen, möglichst direkt in die Kamera. Mit apathischem Gesicht soll er es sagen: "Ich bin für den Sextourismus, ich halte das für den wichtigsten Fortschritt in der Menschheitsgeschichte."
Schön wäre das, hat sich Guillaume Durand heute Morgen wohl gedacht. Er ist Moderator von Campus auf TF 2 und damit offizieller Erbe der Sendung Bouillon de Culture, die Frankreichs geschätzter Literatur-Suppenkoch Bernard Pivot zum Medienereignis gemacht hatte. Durand ist heute, Donnerstag, um 23.05 Uhr zum ersten Mal auf Sendung. Mit einer besonderen Bewährungsprobe. Er empfängt Michel Houellebecq, der in seinem neuen Buch Plateforme, so plaudert man aufgeregt in Paris, für gekauften Sex plädiere. Wenn möglich, aus Bangkok oder Kho Phi Phi, denn die Westfrau verstehe die Liebe nicht.
Von einem 40-jährigen Buchhalter im Kulturministerium erzählt Houellebecq in seinem neuen Roman, von Michel, einem frustrierten After-Work-Peepshow-Besucher, der nur in der Ferne und als Sextourist wirklich glücklich sein kann. Auf den ersten Blick scheint dieser Michel ein Verwandter der Brüder Djerzinski aus Houellebecqs Erfolgsbuch Elementarteilchen zu sein. Auch er ein einsamer Mann mit gestörtem Weltverhältnis. Aber er weiß selbst damit umzugehen. Er hat sich eingerichtet. Es ist ihm egal, ob Sex für Geld gegeben wird. Unter der Voraussetzung, dass mit den Frauen nicht geredet werden muss, diese Hinhaltegespräche sind trostlos. Besser ist es, mit der Massage zu beginnen, manchmal stellt sich über den Körper ja eine Beziehung her.
Die Aufregung der Öffentlichkeit über dieses Buch ist verständlich. Sextouristen sind schmuddlige Versager, die üblen Kolonialismus betreiben, das weiß sie. Und jetzt schreibt ihr neuer intellektueller Meinungsführer seinem Michel die Erfahrung zu, dass asiatische Nutten toll sind. Und um die Geschichte noch wirkungsvoller auszumalen, gibt er Michel Valérie bei, die große romantische Liebe im zweiten Teil des Buchs, die, obwohl vermögende Karrierefrau, sich als gute Schülerin erweist und überzeugend unsicher fragt: "Was haben die, was ich nicht hab' ...?" Plateforme ist ein hinterhältiges Lehrbuch für Frauen. Und eine neue Provokation der nur Guten.
Immer ist Houellebecq für ein paar Tiefschläge gut. Betrunken hat er in der Zeitschrift Lire den Islam als die "idiotischste" aller Religionen beleidigt, was ihm wohl eine Klage wegen Volksverhetzung eintragen wird. Auch am heutigen Fernsehabend auf TF 2 darf man es dem launischen Houellebecq also zutrauen, dass er wieder provoziert. Es gäbe keine hübschere und auch keine einfachere Werbung für sein Buch als ein paar nebenher gesagte starke Fernsehworte. Prüft man jedoch, was Houellebecq in nüchternem Zustand zu Plateforme bisher preisgegeben hat, so scheint er sich diesmal anders präsentieren zu wollen. Seht her, liest man da, ich bin ein Künstler und ein Schaf. Zu verdanken haben wir die Selbsteinschätzung vor allem Josyane Savigneau, der Literaturchefin von Le Monde. Die Zeitung hatte den Trubel um Plateforme beschleunigt, indem sie einen harmlosen Auszug des Texts vorabdruckte. Am Wochenende nach dem Erscheinen des Buchs schob Le Monde,schöne Koinzidenz, ein Dossier zum Sextourismus nach. Nur die literaturkritische Würdigung blieb aus. Pure Feigheit? Angst, sich das Event kaputtzumachen? Nein, man wolle, hieß es, das Buch nicht als Themenlieferant missbrauchen. Man versprach die Kritik für später. Jetzt ist sie erschienen, und siehe: Sie war keine.
Sie ist ein Schmusestück der Literaturchefin mit dem Star. Die Ressortkollegen in der Gesellschafts- und Sextourismus-Redaktion von Le Monde hochnäsig abfertigend, ergänzt sie deren Wichtigtuerei perfekt. Nach der banalen Feststellung, dass Houellebecqs Buch Fiktion und keine Darstellung des Sextourismus sei, folgt nicht etwa eine Analyse. Savigneau überlässt Houellebecq das Wort. Sie hat ihn auf Bere Island in West Cork besucht, wo Houellebecq seit kurzem wohnt. Joli! Savigneaus Rezension ist ein die irische Landschaft beeindruckt betrachtendes Porträt-Interview. Man müsse H. nur hier besuchen, dann wisse man, dass er kein "Krypto-Faschist", kein "maskierter Stalinist" sei. H. darf sagen, dass sein Held Michel nicht verheiratet sei und keine Haustiere habe, während er einen Hund habe und verheiratet sei. Und wie steht's mit dem Sextourismus? Da reagiere, so Savigneau devot, Houellebecq mit höflicher Langeweile: Er wünsche sich, dass seine Meinung "überhaupt nicht wichtig genommen" werde.
Warum bringt die beste Zeitung jenes Landes, in dem Literatur noch immer die höchste Wertschätzung genießt, keine ordentliche Rezension eines wichtig genommenen Werks zustande? Houellebecq und die Kritik sind ein Paar, und auch sonst geht es um Liebe.
Es ist eine Platitüde, dass diese zum Selbstbild Frankreichs gehört. Doch vorbei die Zeit, da man blind in französische Filme ging, weil sie Liebesgesprächskultur konservierten. Wie in keinem anderen Land hat die Veröffentlichung des Sex in Frankreich auch eine Veränderung der Kunst mit sich gebracht. Was sich anderswo schüchterner manifestiert, ist hier deutlicher sichtbar: Die Kunst versucht, den Körper zurückzuerobern, auch seine unappetitlicheren Seiten. Es geht dabei um gar nicht wenig: Wer bestimmt das Bild des Menschen, Fernsehen und Werbung oder wir?
Genau hier hatte Houellebecq mit Elementarteilchen angesetzt. Statt Sex durch mehr Sex zu ersetzen, wie Madame Millet in ihren Lebenserinnerungen, prägte er das beeindruckende Schauerbild einer durch die 68er-Revolte versachlichten, nur scheinbar freien, emotional entfremdeten Welt ohne Liebe. Weg mit den hübsch designten Plakatgesichtern. Der Mensch, so Houellebecq, sei mit seinen Gefühlen ohnehin am Ende, er habe abzutreten. Ähnlich der Tenor des neuen Buchs: Houellebecq, der nicht Houellebecq heißt, der seiner netten kommunistischen Großmutter zu Ehren ihren Namen annahm, der früher Anhänger des Kommunistenführers Chevènement war, nimmt sich die sexuelle Sozialdemokratie der Elterngeneration erneut zum Feind. Eine der interessantesten Szenen des Buchs begibt sich in einem Pariser Sadomaso-Club. Die Beschreibungen sind zweitrangig. Was zählt, sind die Gespräche zwischen den Besuchern. Weder Ekel noch die Aufklärungsrhetorik des befreiten Sex lässt Michel gelten. Seine Haltung ist die eines existenzialistischen Pragmatismus der Lust.
Doch warum wirkt Plateforme schwächer als die zwei anderen Romane? Warum traut sich auch der scheinbar so spöttische Rezensent von Libération nicht, das zu sagen? L'Express hat eine Erfolgsgeschiche geschrieben, die behauptet, Houellebecq sei ein Meister der Ambiguität geworden. Das mache die Kritik wehrlos. Nein, Houellebecq wird, ganz im Gegenteil, immer deutlicher zum perfekten Partner der Kritik. Zunehmend unterstützt er sie in ihrer Suche nach einer möglichen Debatte. Die Anti-Tabu-Sprüche sind immer auffälliger in die Handlung integriert. Und für die an der Generationenthematik und an Literatur Interessierten baut man auch Verweise ein. Der Tod des Vaters zu Beginn und Michels Reaktion darauf sind eine Hommage an Camus' Der Fremde. Nein, die obszönen Stellen seines Texts sind nicht die schlüpfrigen. Die sind oft gar nicht schlecht gelungen. Obszön ist Houellebecqs Diskurspornografie. Er berechnet seine Wirkung klug, er weiß, woran die Gesellschaft leidet.
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