E R L E B N I S : Die lange Reise der »Graf Goetzen«

Von Papenburg an der Ems ins Herz Afrikas: Der ehemalige deutsche Kolonialdampfer fährt wie zu Kaisers Zeiten über den Tanganjikasee. Heute heißt er »Liemba« und transportiert Händler, Flüchtlinge, Rohdiamanten

Die Fahrt von Kigoma im Norden Tansanias bis zum sambischen Mpulungu am Südende des Tanganjikasees dauert zwei Tage. Und zwei lange Nächte. Ob in den acht Kabinen der ersten Klasse oder den großen Schlafsälen im Bauch des Schiffes - überall ist es unerträglich schwül. Unten in der dritten Klasse nächtigen dicht gedrängt über 500 Menschen. Die meisten Passagiere müssen Stroh als Unterlage auf den eisenharten und ölverschmierten Boden legen. Aufgeregte Hühner gackern zwischen den Menschen, an ein Abwasserrohr sind Ziegen gebunden.

Noch 40 Stunden bis Mpulungu. Ein Unterhaltungsangebot wie auf den großen Schiffen in Europa und Amerika ist auf der MV Liemba undenkbar. Hier schlägt niemand die Zeit tot. Hier bleibt sie am Leben. Fliegen irren wie volltrunken über den vier Löchern, die in den Boden gefräst wurden und als Toilette dienen sollen. Zudem gibt es nur vier Duschen, aus denen lauwarmes Wasser tröpfelt, für weit über 500 Menschen. Mehr Komfort hält die Betreibergesellschaft des Schiffes für unangebracht. Warum sollte man freiwillig auf diesem Schiff durch Afrika reisen?

Oben sieht die Welt schon wieder anders aus. Die Mahlzeiten sind die Höhepunkte der Reise und werden, zum Leidwesen der Kellner, entsprechend in die Länge gezogen. An der Stelle, an der heute der tansanische Staatspräsident Benjamin Mkapa von einem eingerahmten Foto ausdruckslos in den Speiseraum starrt, blickte vor unzähligen Seeüberquerungen, vor einigen Aufständen, Hungersnöten und zwei Weltkriegen einmal der deutsche Kaiser Wilhelm II. von einem Bild auf die Teller der Fahrgäste. Damals hieß das Schiff nicht Liemba, sondern Graf Goetzen, getauft nach einem deutschen Gouverneur und Afrikaforscher.

Die Goetzen war ein deutsches Schiff, und dass sie es - getrieben von Großmannssucht und Ingenieurskunst - überhaupt bis hierhin auf den Tanganjikasee geschafft hat, grenzt an ein kleines Wunder. Gebaut wurde sie im Jahr 1913 im niedersächsischen Papenburg, für die Bewohner der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Wie aber sollte der Dampfer von Papenburg aus tief ins Herz Afrikas gelangen? Auf einen See, der durch keinen Wasserweg mit dem 1200 Kilometer entfernten Indischen Ozean verbunden ist? Ein Himmelfahrtskommando! Den Auftrag führten drei Papenburger Handwerker aus: Hermann Wendt, Rudolf Tellmann und Meister Anton Rüter. In nur wenigen Monaten errichteten sie mit vielen Helfern das 67 Meter lange Schiff am Ufer der Ems, demontierten es wieder und ließen die Einzelteile in 5000 Holzkisten verpacken. Per Frachter gelangte der zerlegte Dampfer durch das Mittelmeer und den Suezkanal zur ostafrikanischen Hafenstadt Daressalam und von dort auf der neu errichteten Mittellandbahn bis weit ins Landesinnere. Weil aber noch ein Teilstück der Bahn bis zum Tanganjikasee fehlte, mussten Hunderte von einheimischen Trägern die schwere Fracht durch die Wildnis schleppen. Ein Gewaltmarsch, der erst viele Wochen später sein Ziel erreichte: Kigoma, ein altes Kolonialstädtchen am Tanganjikasee.

Gereizte Soldaten, arroganter Zoll

Noch heute erinnern Bauwerke, die gar nicht in diesen entlegenen Winkel Afrikas passen, an die deutsche Zeit. Die Kolonialherren hatten offenbar große Pläne für Kigoma. Das Bahnhofsgebäude ist so monströs, dass hier 30 Züge täglich abgefertigt werden könnten; tatsächlich läuft nur an jedem zweiten Tag ein Zug von Daressalam ein. Wenige Schritte weiter thront auf einer Anhöhe der Kaiserhof. Der Palast wurde einst für den Fall errichtet, dass es Kaiser Wilhelm II. beliebte, an den Ufern des Tanganjikasees auf Großwildjagd zu gehen. Doch der Kaiser kam nie. Heute residiert hier der örtliche Gouverneur.

Wer es an den gereizten Soldaten, den arroganten Zollbeamten und den Fahrkartenverkäufern vorbei an Bord der Liemba geschafft hat, kann tief durchatmen. Kein Streit mehr um fehlende Stempel im Pass, um die Höhe des Bestechungsgeldes, keine Angst mehr vor Taschendieben. Zwei Tage und zwei Nächte, da werden allerhand Geschichten erzählt. Der dicke Geschäftsmann aus dem Kongo zeigt Fotos von seinen 28 Kindern. Nicht alle Söhne und Töchter würden ihn bei seiner Ankunft abholen, prophezeit er. Wohl aber seine vier Frauen. Die junge Nonne, die von einem Familienbesuch zurückkommt, stöhnt über die beschwerliche Reise durch den Urwald, die ihr noch bevorsteht. In der 200 Kilometer vom Seeufer entfernten Dorfschule, in der sie unterrichtet, warten die Schüler auf ihre Rückkehr. Der Kleinhändler wird nur drei oder vier Stunden lang mitfahren. Dann steigt er auf offener See in einen Einbaum um, er wird seine getrockneten Fische auf irgendeinem Marktplatz verkaufen und dort bis zur Rückkehr der Liemba bleiben. Auch er hat allerhand zu erzählen. Von Piraten etwa, die einmal vom kongolesischen Kalemi, dem früheren Albertville, am Westufer mit kleinen Booten zur Liemba fuhren, die Bordwand hochkletterten und die Passagiere ausrauben wollten. Seitdem sind Polizisten als ständige Begleiter an Bord.

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