G A S T A R B E I T E R Gebraucht, aber nicht geschätzt

Seit Jahrzehnten versuchen die Deutschen, wirtschaftliche Engpässe durch die Zuwanderung von Ausländern zu überwinden. Aus den Erfahrungen mit Gastarbeitern haben sie nichts gelernt

Das Gespräch hatte Folgen. Im November 1954 fühlte der deutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard beim italienischen Außenminister vor, weil ihm Arbeitskräfte fehlten. Im Jahr darauf machten sich die ersten "Gastarbeiter" auf den Weg in Richtung Norden. So nannte man sie und die Millionen Menschen aus dem Mittelmeerraum, die den Italienern folgten. Doch aller sprachlichen Finesse zum Trotz bekamen die Migranten von Gastfreundschaft wenig zu spüren. Bis heute reagieren wir auf Fremde nur mit Abwehr - auch wenn wir auf sie angewiesen sind. Das zeigt die Diskussion um das Einwanderungsgesetz.

Noch vor kurzem herrschte Konsens, dass Deutschland künftig Zuwanderung braucht. Zwei Gründe wurden dafür angeführt. Zum einen benötigen wir die Migranten als Arbeitskräfte. Das hat Gerhard Schröder mit seiner Green Card für IT-Spezialisten deutlich gemacht. Zum anderen brauchen wir sie, weil sich die Schere zwischen Geburten und Sterbefällen immer weiter öffnet. Bis 2050 wird Deutschlands Bevölkerung von 82 auf 60 Millionen schrumpfen, die Zahl der Erwerbspersonen von 41 auf 25 Millionen. Heute kommen auf zehn Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren vier Rentner, in 50 Jahren werden es doppelt so viele sein. Dem Sozialversicherungssystem droht der Exitus. Das wurde bei der Rentendebatte klar.

Beide Probleme soll der Gesetzentwurf lösen, den Innenminister Otto Schily am 26. September dem Kabinett vorlegen will. Doch jetzt lahmt auf einmal die Konjunktur, die Wirtschaft ruft nicht mehr so laut nach Arbeitskräften, und schon geraten die Probleme der Zukunft in Vergessenheit. Und bei der Debatte über das Einwanderungsgesetz entsteht plötzlich wieder Verwirrung über die Ziele. Geht es darum, Zuwanderung gezielt zu fördern? Oder darum, sie zu begrenzen?

Damit die Einwanderung dem Land nutzen kann, bedarf es vor allem klarer Signale - an die Migranten wie auch an die einheimische Bevölkerung. Die Menschen, die man ins Land holt, brauchen das Gefühl, willkommen zu sein. Sonst kommen sie gar nicht erst, wie sich bei der schleppenden Nachfrage nach den IT-Green-Cards zeigte. Oder es gibt Probleme bei ihrer Integration, das belegt die Situation der Gastarbeiter. Wer lediglich eine möglichst passgenaue Auswahl der Einwanderer für den deutschen Arbeitsmarkt trifft, macht es sich zu leicht.

Auch die jetzt schon hier lebenden Menschen aus dem Mittelmeerraum haben sich nicht aufgedrängt, sondern wurden gezielt angeworben. Ohne die Unterstützung der Italiener, Griechen und Spanier, der Portugiesen, Jugoslawen und Türken hätte es das bundesdeutsche Wirtschaftswunder nicht gegeben. "Unsere Arbeitsmarktsituation hat sich in den letzten zehn Jahren mehr und mehr versteift", erklärte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer im Jahr 1966. "Die hieraus erwachsenen Gefahren für das weitere Wachstum unserer Wirtschaft und die Stabiliät unserer Währung sind hinlänglich bekannt. In dieser Situation sind uns die ausländischen Mitarbeiter eine wesentliche Hilfe." Ähnlich argumentierten die Arbeitgeber jetzt wieder bei der Forderung nach Green Cards für die verschiedensten Branchen, von der Computertechnologie bis zum Maschinenbau, von der Kranken- und Altenpflege bis zu den Gebäudereinigern.

Zwar kamen zwischen 1945 und 1953 insgesamt zehn Millionen deutsche Flüchtlinge aus dem Osten in die Bundesrepublik; bis zum Mauerbau pendelte sich der Zustrom aus der damaligen DDR dann bei 200 000 bis 300 000 pro Jahr ein. Trotzdem musste die Wirtschaft, wollte sie weiter wachsen, schon in den fünfziger Jahren auf Arbeitskräfte aus anderen Ländern zurückgreifen. Inzwischen macht die Globalisierung die Welt zum Dorf. Und mehr noch als damals stellt sich die Frage: Will man die Unternehmen hier mit hinreichend Mitarbeitern versorgen? Oder riskiert man, dass sie im Ausland produzieren, wo es genügend - und zudem preiswerte - Arbeitskräfte gibt?

Arbeitsvertrag als Bedingung

Damals entschied man sich ganz pragmatisch für die erste Variante und gab der deutschen Wirtschaft unbeschränkten Zugriff auf fremde Arbeitsmärkte. Die Bundesregierung schloss Anwerbeverträge mit den Mittelmeerstaaten, und die Bundesanstalt für Arbeit richtete dort Zweigstellen ein, die so genannten Deutschen Kommissionen. Wenn ein Arbeitgeber Leute suchte, musste er den Bedarf dem Arbeitsamt melden und gleichzeitig einen Arbeitsvertrag einreichen. Falls es keine einheimischen Anwärter gab, schickte das Amt den Vertrag an eine der Filialen im Ausland. Die suchte einen geeigneten Kandidaten aus und untersuchte zudem gründlich dessen Gesundheitszustand.

Mit dem unterschriebenen Arbeitsvertrag in der Tasche reiste der Gastarbeiter nach Deutschland. Seine Aufenthalts- und die Arbeitserlaubnis waren speziell an den Job gekoppelt und auf ein Jahr befristet, konnten aber verlängert werden. Die ausländischen Kräfte wurden also noch wesentlich gezielter angeworben, als es das jetzt geplante Einwanderungesetz mit seinem Punktesystem vorsieht: Ihre Anzahl und die regionale Verteilung bestimmten allein die Arbeitgeber. "Es wird nicht nach irgendeinem fiktiven Bedarf, einer Bedarfsvorausschätzung oder ähnlichem angeworben", betonte die Bundesanstalt für Arbeit im Jahr 1966. "Hinter jeder Anwerbung steht der konkrete Bedarf eines deutschen Arbeitgebers." Dass es damit nicht getan ist, zeigen inzwischen fast 50 Jahre Erfahrung mit Migranten.

Einwanderung hat nicht nur eine ökonomische Dimension. Doch die Politik sah keine Notwendigkeit, die neuen Mitbürger in die Gesellschaft einzugliedern. Und versäumte es, der einheimischen Bevölkerung deren Nutzen deutlich zu machen. Jahrzehntelang wurden die positiven Aspekte der Einwanderung vielfach geleugnet, die negativen tatenlos angesehen.

Dabei nutzte die Anwerbung nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den Sozialversicherungen - heute ein explizites Ziel von Zuwanderung, damals ein erfreulicher Nebeneffekt. Das Bundesministerium für Arbeit stellte schon 1970 fest, dass die Abgaben für die Rentenversicherung ohne die Beiträge der ausländischen Beschäftigten um einen Prozentpunkt höher lägen. Denn es wurden nur Menschen zwischen 18 und maximal 45 angeworben, über die Hälfte waren zwischen 25 und 35 Jahre alt. Ähnlich soll es jetzt wieder laufen.

Vom Gesundheitstest bei der Anwerbung profitierte auch die Krankenversicherung: Der Krankenstand der Ausländer lag erheblich unter dem der Deutschen. Weil bis weit in die sechziger Jahre fast ausschließlich Männer allein kamen, entstanden kaum Kosten für mitversicherte Familien. Und auch in die Arbeitslosenversicherung zahlten die Zuwanderer anfangs ein, ohne sie in Anspruch zu nehmen - ihre Aufenthaltsgenehmigung war ja an den Job gekoppelt.

Fast 50 Jahre lang klammerten sich Politik und Gesellschaft an die Illusion, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Tatsächlich aber zeigte sich schnell, dass die Gastarbeiter nicht nur ein, zwei Jahre blieben. Denn die Unternehmen wollten mit denselben Kräften weiterarbeiten. Es war für sie wenig rentabel, ständig neue Leute einzuarbeiten. Das ursprünglich angepeilte Rotationsmodell wurde damit unrealistisch.

Inzwischen sind die ersten Gastarbeiter längst Rentner. Weil sie vor allem schwere körperliche Arbeit leisteten, wurden sie irgendwann krank. Da man sie nach oftmals jahrzehntelangem Aufenthalt nicht mehr in die Herkunftsländer abgeschieben kann, wenn sie den Job verlieren, belasten sie die Arbeitslosenversicherung. Und das sogar in höherem Maß als die Deutschen. Ihre Arbeitslosenquote liegt heute bei rund 20 Prozent.

Der Grund: Von Beginn an diente die Ausländerbeschäftigung als Konjunkturpuffer. Die Gastarbeiter übernahmen Jobs in Branchen wie dem Bergbau und der Stahlindustrie, in denen die Deutschen keine Zukunft mehr sahen. Und sie waren fast immer als un- oder angelernte Kräfte beschäftigt. Solche Arbeitsplätze sind bekanntermaßen besonders konjunktur- und rationalisierungsanfällig. Kein Wunder, dass während der ersten Rezession der Nachkriegsgeschichte, in den Jahren 1966/67, die Ausländerbeschäftigung prompt um fast ein Drittel sank. Die allermeisten Entlassenen kehrten damals in die Heimat zurück, weil sie ohne Job kein Bleiberecht hatten. Für Deutschland und sein Sozialsystem war das denkbar praktisch.

Anders beim großen Konjunktureinbruch 1973. Auch da waren die Ausländer die Ersten, die entlassen wurden. Doch sie blieben im Land, weil sie meist schon lange in Deutschland gearbeitet hatten und deshalb dazu berechtigt waren. Vor allem aber, weil sie inzwischen nicht mehr als Singles, sondern mit ihren Familien hier wohnten. Wenn die Frau noch Arbeit hat und die Kinder die deutsche Schule besuchen, verlässt der arbeitslose Vater nicht das Land.

Die Entscheidung, nicht nur alleinstehende Arbeitskräfte, sondern ganze Familien nach Deutschland zu holen, hatte also gravierende Folgen. Auch sie wurde nicht von der Politik gefällt, sondern von der Wirtschaft. Nach dem Bau der Mauer entstand ein Mangel an weiblichen Arbeitskräften für unqualifizierte Tätigkeiten in der Fertigung. Es gelang den Deutschen Kommissionen nicht, dafür Frauen im Ausland anzuwerben: Eine Türkin oder auch eine Italienerin aus dem konservativen Süden geht nicht allein in ein fremdes Land. "Die erfolgreiche Beschäftigung von ausländischen Arbeiterinnen wird erst durch die Zusammenführung der Familien möglich sein", stellte das Hessische Institut für Betriebswirtschaft 1961 fest. Deshalb - nicht etwa aus humanitären Gründen - förderte man plötzlich den Zuzug von Paaren. 1970 waren rund 35 Prozent der deutschen Frauen erwerbstätig, aber 62 Prozent der Ausländerinnen.

Seit dem Anwerbestopp 1973 hat Deutschland keine Arbeitskräfte mehr aus dem Ausland geholt. Dennoch ist die ausländische Wohnbevölkerung, damals knapp vier Millionen, auf heute über 7,3 Millionen gewachsen; die Zahl der Beschäftigten sank zwischenzeitlich und liegt jetzt wieder etwa so hoch wie 1974, bei gut zwei Millionen.

Jugendliche durften nicht arbeiten

Der Anteil der ausländischen Bevölkerung beträgt heute neun Prozent. Dafür, dass er trotz Anwerbestopp so stark stieg, gibt es zwei Gründe: den Familiennachzug und die höhere Geburtenrate. Anfangs hatten viele Paare ihre Kinder bei Verwandten in den Herkunftsländern zurückgelassen. Ab 1973 stellte die öffentliche Diskussion die Anwesenheit der Ausländer immer stärker infrage. Deshalb holten viele ihre Kinder nach - aus Sorge, dass das bald nicht mehr möglich sein könnte. Außerdem wurde 1975 das Kindergeld für im Ausland lebende Kinder um die Hälfte reduziert. Das hatte ebenfalls Auswirkungen und dokumentiert, wie unbedacht die deutsche Ausländerpoltik agierte. Andererseits durften nachgewanderte Angehörige erst zwei Jahre nach ihrer Einreise arbeiten. Viele der Jugendlichen waren also zunächst zur Untätigkeit verdammt, was folgenreiche Weichen stellte. Auch heute noch gibt es Wartefristen für die Arbeitserlaubnis beim Familiennachzug.

Dass die Paare aus dem streng katholischen oder muslimischen Süden hierzulande viele Kinder kriegen würden, lag eigentlich auf der Hand. 1962 hatten nur 1,9 Prozent aller hier geborenen Kinder eine andere Nationalität, 1974 waren es bereits 17,3 Prozent; inzwischen ist der Anteil wieder auf etwa 12 Prozent gesunken. Angesichts der demografischen Entwicklung und der trüben Aussichten für das Sozialsystem müssten sich die Deutschen eigentlich darüber freuen, dass so der Bevölkerungsrückgang gebremst wird. Stattdessen macht man deutlich, dass ausländische Kinder nicht erwünscht sind, und wirkt so der Integration entgegen. Etwa indem Bayern und Baden-Württemberg das staatliche Kindergeld aus Landesmitteln aufstockten - aber nur für deutsche Eltern. Erst die Gerichte konnten kürzlich den Anspruch der Ausländer auf Gleichbehandlung durchsetzen.

Ein ähnlich verheerendes Signal setzt die Forderung aus Unionskreisen, dass künftige Einwanderer nur Kinder bis zu sechs Jahren mitbringen sollten. Und das, obwohl schon in zehn Jahren ein wirklich spürbarer Arbeitskräftemangel herrschen wird - weil hierzulande der Nachwuchs fehlt. Fazit: Wie in den sechziger Jahren wird den Einwanderern bedeutet, man sei nur an ihrer Arbeitskraft interessiert. Nicht aber daran, dass sie und ihre Familien sich in die Gesellschaft eingliedern und Deutschlands Zukunft mitgestalten.

Mit Genugtuung hatte die Bundesanstalt für Arbeit 1966 festgestellt, dass die Gastarbeiter wegen ihrer Altersstruktur weit geringere Infrastrukturkosten, etwa für Schulen, verursachten als Deutsche. Anstatt insbesondere auch die Kinder und Jugendlichen unter den Migranten gezielt zu fördern und in ihre Ausbildung zu investieren, setzte man auf Zuwanderung zum Billigtarif. Mit den bekannten Folgen: Fast ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Ausländeranwerbung verlässt nahezu jeder fünfte Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Über 60 Prozent haben maximal den Hauptschulabschluss und somit schlechte Chancen auf dem Lehrstellenmarkt. Weil man an Unterstützung sparte, liegt jetzt ihr Potenzial häufig brach - zum Schaden der Gesellschaft.

Gastarbeiter - eine Investition

Das überfällige Einwanderungsgesetz birgt die Chance, dass die Politik erstmals klare Ziele und Strategien für den Umgang mit Migranten formuliert. Dass sie es nicht mehr allein der Wirtschaft überlässt, je nach Bedarf Ausländer als Lückenbüßer anzuheuern. Allerdings: Wer hier leben darf, ob als Angehöriger von Einwanderern oder als Flüchtling, muss auch arbeiten dürfen - damit er sich möglichst selbst ernähren und leichter einfügen kann. Das würde sich für Deutschland auszahlen, ökonomisch wie sozial.

Integrationshilfen wie etwa Sprachkurse hat es bislang nur für die deutschstämmigen Aussiedler, nicht aber für Gastarbeiter gegeben. Schilys Vorschlag will das ändern. Doch schon wird heiß darüber diskutiert, wer denn die Kosten dafür tragen soll. Das klingt fast, als handele es sich dabei um ein Almosen und nicht um die Investition in Deutschlands Zukunft.

Die Konsequenz aus dem großen Feldversuch mit den Gastarbeiern müsste lauten: Wer ins Land geholt wird, der erfährt hier tatkräftige Hilfe. Damit er sich einlebt und seine Kinder eines Tages die demografischen Lücken auf dem Arbeitsmarkt wenigstens teilweise füllen können. Um das zu erreichen, ist es auch mit Sprachkursen nicht getan. Solange Lehrerinnen oder - wie gerade in Frankfurt - dringend benötigte Krankenschwestern ihren Job verlieren, nur weil sie ein Kopftuch tragen, so lange wird Deutschland seine künftigen Probleme nicht lösen. Von Einwanderung profitieren kann nur eine offene Gesellschaft, die Neubürger auch in ihrer Andersartigkeit akzeptiert.

Siehe auch: Beiträge zur Zuwanderung, Seite 6

 
Service