P R I N T M E D I E N Zwei Maschinengewehre für die Redaktion

Wie sich Amerikas beste Zeitung, die "New York Times", seit nun genau 150 Jahren ihre Freiheit bewahrt hat

Aus dem etwas finsteren, noch ganz unfertigen Gebäude No. 113 Nassau Street fällt, tief in der Nacht, das flackernde Licht unzähliger Talgkerzen. Durch die offene Tür und die noch unverglasten Fenster lässt sich ein Gewirr menschlicher Stimmen vernehmen und das Geräusch metallisch ratternder Maschinen, das zwischen den eng bebauten Häuserzeilen im Herzen New Yorks widerhallt. Der Blick in das Innere von Nummer 113 zeigt eine geschäftige Szene: Ungefähr ein Dutzend kräftiger, meist vollbärtiger Männer mit geschwärzten Händen macht sich an einer Reihe großer Druckerpressen zu schaffen; Schatten tanzen über die Wände. An einem Tisch sitzen einige durchweg distinguiert gekleidete Herren und gehen mit der Feder in der Hand allerlei Schriftstücke durch, die schließlich einem noch jungen Mann mit einem kräftigen Schnurrbart vorgelegt werden. Sein Name ist Henry J. Raymond. Er liest die Manuskripte, bringt am Rand noch die eine oder andere Ergänzung an und bedeutet mit einem Kopfnicken, dass alles seine Zustimmung findet; der nächste Bogen kann in Satz gehen. Es ist die Nacht auf Donnerstag, den 18. September 1851.

Als die Halbmillionenstadt am Hudson am anderen Morgen erwacht, scheint die Welt unverändert. Nur eines unterscheidet den neuen Tag vom vorhergegangenen: Die Zeitungsjungen rufen neben ihren mehr als einem Dutzend Gazetten (von denen nur zwei als halbwegs seriös gelten) noch ein weiteres Blättchen aus, vier Seiten für einen Cent. Vorne drauf Nachrichten aus Europa, auch aus Deutschland - Kriegsgerüchte in Bayern und Skandalöses in Bremen, wo ein Ratsherr und Direktor der Handelsschule 120 000 Taler unterschlagen habe. Des Weiteren Lokales: die Notiz, dass zwar am Vorabend die Glocke im Sechsten Distrikt geläutet habe, der Zeitung aber kein Hinweis auf ein Feuer vorlägen, und in der Spring Street ein junger Mann von einem Eiswagen überrollt und schwer verletzt worden sei. Über all diesen internationalen und lokalen Novitäten flattert der Name des neuen Blattes: New-York Daily Times. Der Bindestrich und der Hinweis aufs tägliche Erscheinen sollten noch im Laufe des 19. Jahrhunderts verschwinden, das Blatt jedoch blieb. Der 18. September 1851 ist der Geburtstag einer Institution, die heute zu den USA gehört wie das Weiße Haus selbst: der New York Times, einer der besten Zeitungen der Welt.

Kompromisslos kämpft das Blatt für die Sklavenbefreiung

Der Gedanke, in der rasch expandierenden größten Stadt der USA ein neues Blatt zu gründen, war Henry J. Raymond und seinem Geschäftspartner, dem ehemaligen Bankier George Jones, im Winter 1850/51 bei einem gemeinsamen Spaziergang durch das verschneite New York gekommen. Beide tummelten sich seit Jahren im Zeitungsgeschäft. Als jedoch bekannt geworden war, dass die New Yorker Tribune 60 000 Dollar Jahresgewinn erbracht hatte - damals eine astronomische Summe -, witterten sie ihre ganz große Chance: Diese Stadt müsste doch noch eine gute Zeitung mehr vertragen! Was den beiden aus Neuengland stammenden Publizisten vorschwebte, war ein Blatt, in dem es weniger um die üblichen Sensatiönchen ging (davon waren die Boulevardblätter voll) als vielmehr um eine sachliche und vor allem weitgehend überparteiliche Berichterstattung im Großen wie im Kleinen. Neutralität gegen Organisationen und Lobbyisten aller Art - das allein war im aufgeheizten Klima eines stetig auf den Bürgerkrieg zusteuernden Landes schon etwas Apartes, Neues, selbst für New York: Der von James Gordon Bennett herausgegebene Herald neigte sich deutlich den Demokraten zu, und aus der Tribune triefte missionarischer Sozialismus. Die Times sollte sich an ein gebildetes, im Zweifel eher konservatives Publikum wenden, kritisch-distanziert nach allen Seiten.

Die Konkurrenten im New Yorker Zeitungsviertel Printing House Square wussten bald von dem Vorhaben, nahmen es nicht weiter ernst - und mussten eine böse Überraschung erleben: Der Erfolg der Times übertraf selbst die kühnsten Erwartungen von Raymond und Jones. Bereits am 27. September verkündete der (vermutlich von Raymond verfasste) Leitartikel: "Dies ist die neunte Nummer der New-York Daily Times, und sie hat nun eine verkaufte Auflage von mehr als zehntausend. Wenn jemals eine Zeitung in diesem oder einem anderen Teil der Welt in so kurzer Zeit eine solche Verbreitung erzielen konnte, so würden wir uns freuen, wenn man uns darüber unterrichtet. Sie wird von Kaufleuten in ihren Geschäften gelesen und von den respektabelsten Familien der Stadt."

Ein Jahr nach der Gründung konnte Raymond schon eine durchschnittliche Auflage von 24 000 Exemplaren bilanzieren. Neben dem Markt der expandierenden Stadt trug auch die Eisenbahn, deren Schienennetz sich permanent ausdehnte, zur Verbreitung der Times bei. Eine wöchentliche Ausgabe erreichte zudem rasch fast nationale Verbreitung.

All the News That's Fit to Print (Alle Neuigkeiten, die sich's zu drucken lohnt) - im Sinne des späteren Wahlspruchs, der heute die linke obere Ecke der Titelseite ziert, machte man das Blatt von Anfang an. Natürlich nicht, ohne dem Reporterglück manchmal ein wenig, nun sagen wir: nachzuhelfen. Als im September 1854 die ersten Nachrichten vom Untergang des Passagierdampfers Arctic eintrafen, einer Katastrophe, bei der mehr als 300 Menschen ertranken, da bemerkten Mitarbeiter der Times, dass der Herald seine Redaktion und Druckerei regelrecht verriegelt hatte und außerdem plante, die aktuelle Ausgabe einige Stunden später herauszubringen. Für Raymonds Leute stand fest: Der Herald hatte den ersten Bericht eines Überlebenden erhalten und wollte mit der Geschichte kommen, nachdem die Morgenausgaben der anderen Blätter bereits erschienen waren. Doch der Triumph des Herald geriet zur Pleite: Der Times gelang es nämlich, sehr vermutlich unter Einsatz eines heftigen Bündels Dollarscheine, selbst an den Bericht zu gelangen. Man kippte die schon gesetzte Titelseite, baute geschwind eine neue, und um 8 Uhr morgens stand der erste Augenzeugenbericht vom Untergang der Arctic in der Times. Da sah der Herald, eine Stunde später, im wahrsten Sinne des Wortes alt aus ...

Der herausragende Charakterzug der Times war allerdings stets weniger Schlitzohrigkeit als Prinzipienfestigkeit bei Einschüchterungsversuchen aller Art, gleich, ob diese von einer Regierung oder von der Straße ausgingen. Als im Sommer 1863, nach zwei blutigen Jahren Bürgerkrieg, kein Ende des Konflikts abzusehen und der vom Norden erhoffte Sieg über die separatistischen Sklavenstaaten des Südens ausgeblieben war, begannen viele Meinungsbildner des Nordens in der Sklavenfrage zu schwanken - nicht jedoch die Times. Sie blieb eine entschiedene Gegnerin der Sklaverei.

Im Juli brachen in New York die wohl schlimmsten Unruhen in der Geschichte der Stadt aus. Nachdem ein tobender Mob farbige Amerikaner gelyncht und ein Waisenhaus für schwarze Kinder in Brand gesetzt hatte, richtete sich die Wut auch gegen jene Blätter, die zum Weiterkämpfen und zur Befreiung der Schwarzen aufforderten. Die Armee überließ der Times zur Verteidigung zwei Mitrailleusen (eine Art frühe Maschinengewehre), die Raymond vor dem Verlagshaus auffahren ließ. Er selbst ging hinter einer dieser Waffen in Stellung, hinter der anderen erwartete ein befreundeter Aktionär der Times namens Leonard Walter Jerome den Angriff der Randalierer. Angesichts dieser Wehrhaftigkeit drehte der Mob ab und verwüstete stattdessen die Redaktionsräume der Tribune. Solidarisch sandte Raymond gleich eine Gruppe bewaffneter Mitarbeiter hinüber. "Wir haben", so schrieb Raymond, "mit unseren Nachbarn in politischen Fragen nicht immer übereingestimmt, aber wenn ein solcher Streit uns Journalisten aufgezwungen wird, dann müssen wir ihn zu unserer gemeinsamen Sache machen." Die Standfestigkeit der Times wurde durch den Lauf der Ereignisse belohnt: Kaum waren die Krawalle abgeklungen, traf die Nachricht von der schweren Niederlage der Südarmee bei Gettysburg ein - das Ziel, die Union aufrechtzuerhalten und zugleich die Sklaven zu befreien, war wieder realistisch geworden.

Das Ansehen des Blattes stieg nicht nur dank solch wahrlich feuriger Verteidigung seiner Unabhängigkeit, sondern auch durch seine seriöse, ganz dem Argument verpflichtete Kommentierung und Berichterstattung. Selbst bei dramatischen Ereignissen verzichtete man auf Riesenlettern. Die Ausgabe vom 15. April 1865 zum Beispiel zeigt eine im Vergleich zu den meisten übrigen Blättern gerade zu diskrete Titelzeile: "Awful Event" (Schreckliches Ereignis) - am Abend zuvor war Präsident Lincoln einem Attentat zum Opfer gefallen.

Maria Morgan wird 1869 die erste Reporterin New Yorks

Als Henry J. Raymond 1869 starb, galt seine Schöpfung längst als eines der besten Blätter des Landes, ein Ruf, den die Times in den darauf folgenden Jahren stärkte. Sie deckte Korruptionsskandale auf und zog gegen dubiose Volksvertreter ins Feld wie gegen William "Boss" Tweed, der die New Yorker Politik beherrschte.

Gern zeigte sich die Zeitung auch an der Spitze des Fortschritts, nicht nur wenn es um Fragen der Wirtschaft, der Wissenschaft und Technik ging: Im September 1869 stellte sie die Irin Maria Morgan ein, die erste Reporterin New Yorks. Die Frau mit dem gefürchteten Händedruck und der energischen Stimme spezialisierte sich auf Themen aus der Landwirtschaft und imponierte den Lesern vor allem durch ihre profunde Kenntnis über Rösser.

Doch bei allem journalistischen Renommee, finanziell stand es in den 1890er Jahren katastrophal. So schlug in einem gewissen Sinne die "zweite Geburtsstunde" des Blattes, als im März 1896 ein 38-jähriger Zeitungsmacher aus Chattanooga (Tennessee) vorstellig wurde. "Hier bin ich nun in New York", schrieb er aufgeregt an seine Frau, "und keine 24 Stunden entfernt von den Verhandlungen, um die einflussreichste Zeitung Amerikas zu übernehmen." Die Gespräche verliefen erfolgreich - Adolph Simon Ochs wurde Herausgeber der New York Times und Ahnherr jener Dynastie der Ochs-Sulzbergers, die noch heute die Geschicke des Blattes leitet.

Ochs, der am 12. März 1858 in Cincinnati als Sohn des Julius Ochs aus Fürth und dessen Frau Bertha Levy (deren Familie in Landau ihre Wurzeln hatte) geboren wurde, war von klein auf mit der Zeitungswelt vertraut. Der Elfjährige arbeitete als Bote für den Knoxville Chronicle (die Familie hatte sich inzwischen in Knoxville, Tennessee, niedergelassen); bald darauf machte der Junge eine Druckerlehre und begann mit 17 erste Artikel für eine Tageszeitung in Louisville (Kentucky) zu schreiben. Der Traum des jugendlichen Zeitungsenthusiasten, ein eigenes Blatt zu führen, erfüllte sich bereits drei Jahre später: Im Juli 1878 erwarb er - sein Vater Julius musste für ihn unterschreiben, da Adolph noch nicht volljährig war - die Chattanooga Daily Times, ein Blatt, mit dem Adolph Ochs bald auch finanziellen Erfolg hatte. 1883 heiratete er Iphigenia Wise, Tochter eines berühmten Rabbis. Nur ein Kind des Paares erreichte das Erwachsenenalter, die nach ihrer Mutter benannte Iphigenie. Später sollte Iphigenie Ochs, die 1990 fast 100-jährig starb, für viele Jahrzehnte die liberale Stimme im Hintergrund der Zeitung werden.

Der Erfolg der Chattanooga Times machte Adolph Ochs zu einem der angesehensten Bürger der Stadt; etwaiges antisemitisches Ressentiment versuchte er durch sein umsichtiges Auftreten und sein soziales Engagement zu unterlaufen. "Wir sollten", so hatte er vor Chattanoogas jüdischer Gemeinde erklärt, "ruhig, glücklich, unauffällig leben. Don't be too smart. Don't know too much" (Seid nicht zu klug. Wisst nicht zu viel). Trotz dieses Bekenntnisses zur Bescheidenheit lockte Ochs der große Sprung nach New York. Ausgestattet mit Krediten, kaufte er die Times und nahm am 17. August 1896 erstmals auf dem Verlegersessel Platz.

Ochs reformierte das Blatt, ohne es zu deformieren. Ein ausgedehnter Wirtschaftsteil machte es schnell zur business bible; zudem gab es eine wöchentliche Buchbeilage. Richtig kühn allerdings darf Ochs' Entschluss genannt werden, den Preis von drei Cent auf einen Cent herunterzusetzen und damit die anderen Qualitätsblätter deutlich zu unterbieten - ein Vabanquespiel, das aufging und die Auflage von vorübergehend 25 000 Exemplaren auf 91 000 zu Beginn des Jahres 1900 ansteigen ließ. In ebendiesem Jahr ging auch die Aktienmehrheit des Zeitungsverlages in seinen Besitz über, eine Mehrheit, die heute von seinen Nachfahren gehalten wird.

Die Times wurde unter Ochs' schwungvoller Leitung nicht nur die herausragende journalistische Stimme New Yorks, wenn nicht gar des ganzen Landes, sie stellte sich auch im Stadtbild spektakulär dar. Am 18. Januar 1904 legte die zehnjährige Iphigenie im Beisein ihres Vaters sowie des Chefredakteurs Charles R. Miller und einiger kommunaler Prominenz den Grundstein zu einem Verlagshaus, das in den folgenden Monaten zu einem der höchsten Wolkenkratzer Manhattans heranwuchs. Der Stadtrat beschloss, zu Ehren von Ochs und seinem aufsehenerregenden Haus dem benachbarten Long Acre Square einen neuen Namen zu verleihen: Times Square, bald der bekannteste Platz der Stadt. Und ein extravagantes Feuerwerk über dem noch unfertigen Turm des Hochhauses am 31. Dezember 1904 begründete auch gleich noch eine Tradition: Times Square wurde der Ort, an dem New York seither Silvester feiert.

Als 1914 in Europa der Erste Weltkrieg ausbrach, nahm die Times zunächst eine strikt neutrale Position ein und gestattete sowohl der britischen als auch der deutschen Regierung, ihren jeweiligen Standpunkt ausführlich darzulegen. Mit dem Kriegseintritt der USA im April 1917 aufseiten Englands und Frankreichs wurde die Zeitung dank ihrer exzellenten Korrespondentenberichte aus Europa zum Nachrichtenmedium Nummer eins der Amerikaner (was die horrenden Kosten für die Benutzung des Transatlantikkabels von mehr als 750 000 Dollar im Jahr verschmerzen ließ). Die Times unterstützte selbstverständlich Amerikas Haltung und seine in Europa kämpfenden Soldaten, doch sie tat dies ohne Chauvinismus. Viel mehr prasselte auf Ochs und seine Redakteure herbe Kritik herab, als die Zeitung erste österreichische Friedenssondierungen im September 1918 wohlwollend kommentierte. Besonders patriotische Leser kündigten ihr Abonnement; die konkurrierenden Blätter stürzten sich, in Adolph Ochs' Worten, "wie ein Rudel Bluthunde" auf die Times, der sie Defätismus vorwarfen.

Die Konkurrenz hatte überhaupt oft Grund zur Klage: Bei einigen der spektakulärsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts behielt die Times die Nase vorn. Den amerikanischen Polarforscher Robert E. Peary nahm man 1908 unter Vertrag, bevor er zum Nordpol aufbrach; für 4000 Dollar bekam die Zeitung seine Reiseabenteuer. Im Frühjahr 1927 bot die Times dem ehemaligen Postflieger Charles Lindbergh 10 000 Dollar an für die Exklusivrechte in Zusammenhang mit seinem bevorstehenden Atlantikflug und bot weitere 4000 Dollar, falls er innerhalb eines 50-Meilen-Radius um Paris landen würde. "Lindbergh does it!" titelte das Blattam 22. Mai 1927 erfreut - der Plan des Pariser Times-Büros, den Piloten nach der Landung gleich in Exklusivhaft zu nehmen, scheiterte allerdings im Ansturm Zehntausender jubelnder Zuschauer auf dem Flugplatz kläglich.

Von seiner Haltung, selbst kritischste Leserbriefe breit und ausführlich abzudrucken, wich Adolph Ochs 1933 ab. Er verbot die Veröffentlichung jedweder Einsendungen zum Thema Hitler. Angesichts dieser "beispiellosen Herrschaft des Terrors", wie Ochs es nannte, gab es für ihn kein offenes Pro und Contra mehr. Die düstere Entwicklung im Land seiner Eltern trug wesentlich zu den Depressionen bei, die ihn in den letzten Lebensjahren quälten. Am 8. April 1935 starb er in New York.

Die Times blieb in Familienbesitz. Nach Iphigenie Ochs' Mann Arthur Hays Sulzberger, ihrem Schwiegersohn Orvil E. Dryfoos und ihrem Sohn Arthur Ochs Sulzberger führt heute Adolphs Urenkel, der 1951 geborene Arthur Ochs Sulzberger jr., ein Unternehmen, zu dem noch 15 weitere Zeitungen - darunter der angesehene Boston Globe - sowie Fernseh- und Radiostationen gehören. Die Times selbst beschäftigt in 47 Büros weltweit mehr als 1200 Journalisten; die Auflage beträgt werktags über 1,1 Millionen, sonntags sogar knapp 1,7 Millionen Exemplare.

Natürlich geriet das Blatt, bei seinem immensen Einfluß auf die amerikanische Öffentlichkeit, immer wieder in Konflikt mit dem Weißen Haus. So beschwor beispielsweise 1961 Präsident John F. Kennedy persönlich den Verleger, einen Bericht über die Vorbereitungen von CIA-trainierten Exilkubanern zu verhindern, die Castros Insel zurückerobern wollten. Die Times brachte nur Andeutungen. Erst später, nach dem Fiasko in der Schweinebucht, räumte Kennedy seinen Fehler ein und raunte einem Chefredakteur der Times in einem einsichtsvollen Moment zu: "Sie hätten mehr bringen sollen, vielleicht hätten Sie uns dann vor einem kolossalen Fehler bewahrt."

Für Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson grenzte die zunehmend kritische Haltung des Blattes zum amerikanischen Engagement in Vietnam ("Was ist das Ziel, das dieses Gemetzel rechtfertigt? Wie wollen wir Vietnam retten, wenn wir es im Krieg zerstören?") an Hochverrat: "Ich kann diesen Krieg nicht führen ohne die Unterstützung der New York Times." Und Präsident Richard Nixon setzte 1971 gar seinen Justizminister auf das Blatt an, um die Veröffentlichung der hochbrisanten Vietnam-Dossiers des Daniel Ellsberg zu verhindern - ohne Erfolg (siehe Zeitläufte 24/01).

Auch wenn dem Blatt heute wie allen ernsthaften Zeitungen dieser Welt der Druck der Unterhaltungsindustrie zu schaffen macht und es zum Bunten und Leichten gedrängt wird, so hat es doch als Flaggschiff des amerikanischen Journalismus durch alle Flauten und Gefechte hindurch wacker Kurs gehalten. Getreu den markigen Worten ihres Gründervaters Henry J. Raymond bei einem Empfang für den ungarischen Freiheitskämpfer von 1849, Lajos Kossuth: "Die Presse, die organisierte Stimme der Freiheit - sie flüstert den Unterdrückten Hoffnung zu, und sie donnert Widerstand den Tyrannen entgegen!" Gesprochen und aufgeschrieben zu New York, vor genau einhundertundfünfzig Jahren.

Der Autor ist Historiker; Augenarzt; lebt zurzeit in Washington

 
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