K I N O Kaltblüter in der Hölle
Leben als Alb und Traum auf dem Filmfestival Venedig
Die Welt ist ins Schwimmen geraten. Wände, Tische, Rahmen, das ganze harte, kantige Zeug, das sonst den Raum rechtwinklig ordnet, wabert nur so vor sich hin, kommt nie zur Ruhe. Es ist alles noch da, aber in fließenden Umrissen und changierenden Farben. Auch die belebten Körper, Menschen vor allem, schlackern und pulsieren weit heftiger, als man es aus der Wirklichkeit kennt. Was für ein Trip.
Er stammt von Richard Linklater - und aus dem Computer. Linklater hat seinen neuen Film Waking Life zunächst ganz gewöhnlich mit Schauspielern vor der Kamera gedreht und dann das Material digital übermalt und in Fluss gebracht. Anders als die humanoide Animationsanstrengung Final Fantasy soll Waking Life kein besonders lebensechter Trickfilm sein, sondern im Gegenteil das Leben in Richtung Halluzination verfremden. Die beweglichen Farbfelder sind der ideale Vordergrund für eine merkwürdige Reise durch ein Wunderland von Weltbildern am Rande der Wahnvorstellung, gewissermaßen das Remake von Slacker auf Acid. Linklaters Hauptfigur Wiley Wiggins trottet mit leicht diesigem Blick und der müden Motorik des klassischen Hängers durchs Bild, während schwankende Gestalten ihn mit schwankenden Theorien überschütten, in denen mal das Ich, mal die Gesellschaft, dann das Bewusstsein oder die Zeit zu rein fiktiven Größen erklärt werden. Viel Glauben und Wissen blubbern aus den Brauseköpfen in Waking Life, fast jede Obsession der philosophischen Esoterik bekommt einen Fürsprecher, jedem Redner knallen die Farben durchs Gesicht, und die Haare flattern ihm davon. Alles soll nur ein Traum sein, das Leben eingeschlossen - bis im nächsten Augenblick, in der nächsten Traumblase, das Gegenteil behauptet wird oder das Gleiche, nur verkehrt herum. Linklater kocht die wirren Weltentwürfe so skrupellos in einem metaphysischen melting pot zusammen, dass er mit Waking Life am Ende eine Art Monument für den Menschen als begnadeten Fantasten schafft. Der Zuschauer gibt sich dem Geistesgeblitze hin, staunend und überfordert, kopfschüttelnd und begeistert. Und er wünschte, das ganze Filmfestival Venedig könnte ähnlich hochtrabend durchgeknallt sein wie Linklaters animierte Expedition zu den denkenden weirdoes.
Aber es war nicht so. Kein Höhenflug, sondern ein Sinkflug, von einer enttäuschten Erwartung zur nächsten und zwischendurch kaum ein überraschender Auftrieb. Am Ende ging der Goldene Löwe an einen Film, in dem das Halbherzige des Festivals besonders deutlich zum Ausdruck kam. Mira Nairs Hochzeitsparty-Problemfilm Monsoon Wedding bedient sich sehr zaghaft im Bollywood-Fundus, will zugleich Familiendrama, Lustspiel und multikulturelle Sozialkritik sein und bietet schließlich von allem nur eine Light-Version. Dass ein so nährstoffarmes Werk der leichten Küche den Hauptpreis erringen konnte, ist nur deshalb kein Skandal, weil die Jury bei ihrer Entscheidung immerhin an keinem Meisterwerk vorbeigesehen hat. Es gab nämlich keins, jedenfalls nicht im Wettbewerb um den Goldenen Löwen. Erstmals fand allerdings in der Sektion "Cinema del Presente" eine Art Parallelwettbewerb statt um den so genannten "Löwen des Jahres". Den hat der Franzose Laurent Cantet mit L'emploi du temps gewonnen, und ihm hätte eigentlich genauso gut der Goldene Löwe gebührt. Denn L'emploi du temps war der beste Film des Festivals.
Exzessive Entblößung
Laurent Cantet erzählt wie Richard Linklater vom Leben als Traumgespinst - nur viel bodenständiger und deshalb bedrohlicher. Er beobachtet einen arbeitslosen Angestellten beim Doppelleben. Vincent (Aurélien Recoing) mag seiner Familie nicht sagen, dass man ihn entlassen hat. Also erfindet er sich eine neue Stellung. Angeblich arbeitet er nun für die Uno in Genf und organisiert Wirtschaftshilfe für Afrika. Jedes Wochenende fährt er zurück nach Frankreich, zu Frau und Kindern, die er wirklich liebt. Montags bis freitags lungert er auf Rastplätzen herum, verbreitet via Handy akrobatische Lügengeschichten und versucht nebenbei auch noch, alten Schulkameraden Geld abzunehmen für riskante Aktiengeschäfte. Das geht atemberaubend lange gut. In der Zwischenzeit macht Cantet aus seinem Film ein weit gespanntes Kammerspiel über die gefährliche Wechselwirkung von beruflicher und familiärer Kälte, über die Ökonomisierung des Gefühlshaushalts und die Emotionalisierung des Karriereplans.
Vor kurzem erst ist Cantets Debüt Ressources Humaines in die deutschen Kinos gekommen. Darin hatte der Regisseur einen Arbeitskampf geschickt mit einer Vater-Sohn-Geschichte verbunden. In L'emploi du temps verlängert er erneut ein Schicksal vom Arbeitsmarkt tief ins Privatleben hinein, vor allem durch einen faszinierenden Fremden: die Hauptfigur. Der Kaltblüter Vincent zeigt keine Wunden, eher das Gegenteil. Er funktioniert gespenstisch reibungslos in seinen beiden Halbwelten, und mit jedem Durchhaltemanöver imprägniert er sich besser gegen das Leben, das er doch verbissen zu verteidigen glaubt. Cantet kommt nur halbnah an Vincent heran, ganz bewusst. Er zeigt Verständnis für seine Situation und wundert sich doch über sein Verhalten. Er rückt Vincent näher und hält zugleich Abstand - der Neugier wegen. Die Spannung könnte nicht größer sein.
Die richtige Entfernung zum eigenen Stoff zu finden und das richtige Gefühl für die Figuren, eine Haltung nicht hinauszuposaunen und sie doch zu vermitteln, darin liegt die Kunst der Regie. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. In Venedig war allerdings ein Film zu sehen, der sich aufs schlimmste um die entscheidenden Fragen herumdrückte und trotzdem am Ende den Großen Preis der Jury bekam: Ulrich Seidls Hundstage, ein Panorama menschlicher Niedrigkeiten an der Wiener Peripherie, in vielen einzelnen Szenen gelungen, im Ganzen aber grauenhaft, weil der Regisseur sich scheut, zum eigenen Material auch eine eigene Haltung einzunehmen. Wer Menschen allerdings derart exzessiv entblößt wie Seidl, der darf sich dann hinter ihnen nicht einfach verstecken.
Seidl verfolgt ein knappes Dutzend schwitzender Existenzen durch die heißesten Tage des Jahres. Er zeigt, wie Spießigkeit an die Schmerzgrenze tritt, wie alterndes Fleisch um Liebe ringt, wie hässliche Herzen brutal überschnappen, wie kleinbürgerliche Rachsucht und Pedanterie terroristisch werden. Wo's peinlich oder demütigend zugeht, sieht Seidl mit besonderer Ausdauer hin. Ein PS-Hengst im Muskelshirt schreit minutenlang seine zarte Freundin zusammen; ein fetter Rentner lässt seine alte Haushälterin tapsig vor dem Ohrensessel strippen; ein Alarmanlagen-Vertreter liefert eine halbdemente Tramperin nachbarschaftlichen Vergewaltigungen aus; ein schmerbäuchiger Macho rammt den Kopf seiner jammernden Sexgespielin ins Klo - und so weiter und so fort. Zu allem flirrt die Hitze, oft gleißt das Licht, die Körper triefen.
Gnadenlos ohne Grund
Man soll das alles ruhig zeigen, und fast jede Gemeinheit oder Grässlichkeit in Hundstage ist auch kunstvoll zurechtgeschnitzt. Seidl weiß, was wehtut, was nervt, was grinsen macht. Er kompiliert und kombiniert es gekonnt. Eine Zeit lang fühlt sich der Zuschauer sogar angenehm aufgehoben in einer scharfen Satire auf die siedenden Seelen der Vorstadthölle. Irgendwann allerdings kippt der Film um wie ein See. Denn alle Widerlichkeiten laufen ins Leere, machen nur Effekt, scheinen sich einzig am eigenen strengen Geruch und den tausend Nadelstichen gegen das Publikum zu weiden. Seidl ist ganz außerordentlich zur Gnadenlosigkeit begabt. Aber wenn die Gnadenlosigkeit kein Ziel hat, dann wendet sie sich am Ende gegen die eigenen Figuren und zerstört schließlich den gesamten Film. Manche glaubten in Hundstage eine gesellschaftskritische Perspektive, andere einen liebevollen Blick auf die Underdogs zu erkennen. Beiden Sichtweisen bietet Seidls Film Unterschlupf; aber sie sind letztlich nur hilflos herangetragen. Hundstage ist ein obszönes Stück Kino - nicht seines Materials, sondern seines Mangels wegen. Gnadenlos darf man ohne Grund nicht sein.
Auch die Auszeichnung für Seidls Film ohne Haltung hatte allerdings in Venedig etwas Symptomatisches. Denn sehr viele Beiträge litten am nachlässigen Zugriff auf den eigenen Stoff, Milcho Manchevskis zugrunde geballerter mazedonischer Western Dust etwa, Larry Clarks halb anmoralisiertes Denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun-Jugenddrama Bully oder Walter Salles' überarchaisierte Landarbeitertragödie Abril despedacado. Den traurigsten Fehlgriff hat jedoch ein Regisseur gemacht, der sonst immer genau wusste, was er tat, und der bisher selten von seinem wunderbar eigenen Weg abgewichen ist. Eric Rohmer hat seinen neuen Film L'Anglaise et le Duc in den Jahren nach der Französischen Revolution angesiedelt. Er folgt darin den Aufzeichnungen der englischen Royalistin Grace Elliott, die dem Herzog von Orleans freundschaftlich verbunden war und in ihrer Wahlheimat Paris immer wieder in Konflikt geriet mit den revolutionären Garden. Elliott mag eine bemerkenswerte Frau mit einem besonderen Lebensweg gewesen sein. Rohmer erstickt allerdings den Reiz ihrer Geschichte in einem allzu delikaten Set von Konversations-Piecen nebst etwas Theaterdonner als Garnitur. Mit gutem Grund mag er vor einem blutunterlaufenen Historiendrama zurückscheuen. Aber leider taugen die Überlieferungen der Dame Elliott auch nicht als historische Vorlage für eine von Rohmers brillanten Führungen durch die Spiegelkabinette der lebensweltlichen Moral. L'Anglaise et le Duc fehlt der Fokus - wie vielen Filmen in Venedig. Immer ungeduldiger betrachtet man deshalb die aufgescheuchte Adlige und ertappt sich sogar bei dem Wunsch, es mögen die revolutionären Garden doch endlich ihrem Spuk ein Ende machen.
Für diesen gnadenlosen Gedanken gegen Rohmers Heldin möchten wir jetzt gleich um Entschuldigung bitten. Immerhin: Wir hatten guten Grund dazu.
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