11. September 2001 Das amerikanische Inferno
Der Tag, an dem der Tod nach Manhattan und Washington kommt und die Supermacht durch Terror verwundet wird.
Irgendetwas ist anders. Irgendetwas fehlt. Einsam steht das alte Wahrzeichen da, das Empire State Building. Aber irgendetwas fehlt. Der Himmel ist perfekt blau an diesem Tag, eine Leinwand, frei von Flugzeugen, aber auch ohne die Türme, die aus ihr herausgeschnitten wurden. Wo vor wenigen Stunden das World Trade Center die Stadt überragte, silbern, symbolisch, scheinbar unverwundbar, stehen zwei Stümpfe, Rauch speiend, weißen, schwarzen, braunen. Alles verschleiernd, die Wunde, die Antworten. Die Sonne scheint und wärmt die Stadt. Ein Tag im Frühherbst. Dienstag, der 11. September 2001.
Auf der Thomas Street kann man die Katastrophe riechen. Die Asche schmecken. Die Benommenheit spüren. Polizisten schreien hinter Masken, ihre Haare, ihre Wimpern, ihre Uniformen, gepudert mit Asche. Sie laufen, gestikulieren, lassen Wasser aus Flaschen in Münder laufen. Zwei umarmen sich. Hinter ihnen speien die Stümpfe wie Vulkane, und lautlos regnet Asche auf die Stadt. Lower Manhattan sieht aus wie ein düsteres Gemälde. Es ist, als sei eine finstere Prophezeiung wahr geworden.
Die Lichter der Rettungswagen blinken. Polizeimotorräder rasen über abgesperrte Straßen, den Stümpfen entgegen, Wagen mit Blutkonserven eskortierend. Ein gepanzerter Polizeiwagen rumpelt ihnen hinterher. Vier Männer in Tarnanzügen entsteigen ihm, sie tragen elektronische Geräte, vorsichtig, fast behutsam. Hinter ihnen parkt ein Geländewagen mit verdunkelten Scheiben. Männer in dunklen Anzügen mit Knöpfen im Ohr steigen aus. Funkgeräte krächzen. Sirenen überall. Die Stadt schreit um Hilfe.
Nein, nicht die Stadt, das ganze Land schreit. Denn nicht nur die beiden Türme des World Trade Centers sind in sich zusammengefallen, getroffen von zwei Passagierflugzeugen, die in der Hand von Entführern für Zehntausende zu Mordwaffen wurden. Binnen Stunden sind die politischen und militärischen Schaltzentralen Amerikas getroffen oder bedroht, das Pentagon, das State Department. Die Ministerien, das Parlament, das Weiße Haus werden evakuiert, die Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Bei Pittsburgh zerschellt eine Boeing 757, offenbar sollte sie in Camp David niedergehen, dem Ort, wo der Frieden zwischen Israel und Ägypten besiegelt wurde.Eine Serie von Anschlägen erschüttert das Land.
Bis Mittwoch früh sind die Verantwortlichen für diesen wohl größten Terroranschlag der Weltgeschichte noch nicht gefunden. Sicher ist nur: Ein komplexer und koordinierter Angriff auf die Vereinigten Staaten fand statt. "Eine Kriegserklärung gegen die gesamte zivilisierte Welt", wie der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt. "Ein Angriff auf die Freiheit", wie US-Präsident George W. Bush meint.
Gleich nach den Anschlägen wechseln Bezichtungungen mit Dementis ab. Alle weisen in die islamische Welt. Denn dort wird vom ersten Augenblick an der Urheber des Terrors vermutet. Die afghanischen Taliban verdammen die Anschläge und sagen, Osama bin Laden, der saudische Terrorist, den sie beherbergen, sei dazu nicht in der Lage. Die Fundamentalisten von der palästinensischen Hamas wollen es nicht gewesen sein, genauso wenig die Volksfront zur Befreiung Palästinas. Und PLO-Chef Arafat zeigt sich "schockiert". Wer immer es gewesen sein mag: Nach dieser Bluttat wird die Welt eine andere sein. Niemand weiß, wie die Vereinigten Staaten reagieren werden, ob sich die Wucht dieser Terroranschläge mit ihrer ungeheuren symbolischen Kraft zu einer weltpolitischen Krise auswachsen wird. Denn in der Nacht zum Mittwoch ist noch unklar, ob jene Flammen, die plötzlich auch aus der afghanischen Hauptstadt Kabul gezeigt werden, Resultat amerikanischer Bombadierungen sind. Die amerikanische Regierung dementiert es sogleich. In jedem Fall dürfte dieser 11. September 2001 die Welt noch lange beschäftigen.
Martin Tulinski hat den Anschlag auf das World Trade Center wahrscheinlich nur überlebt, weil er zu spät zur Arbeit kommt. Ein paar Minuten sind es nur, aber sie entscheiden über Leben und Tod. Es ist 14.45 Uhr, Viertel vor neun Ortszeit, als Tulinski ins World Financial Center will. Das ist das Nachbargebäude des World Trade Centers. Tulinski arbeitet dort bei Merrill Lynch. Plötzlich hört er ein Geräusch über seinem Kopf. Er hört, was alle auf der Straße hören. Und wie die meisten anderen Passanten blickt er kaum auf. Wahrscheinlich Turbinen, ein tief fliegendes Flugzeug. Verkehrslärm gibt es dauernd in und über diesem Moloch New York. Aber dieses Flugzeug, ein Verkehrsjet, fliegt besonders tief. Sekunden später bohrt sich sein Rumpf in den Stahlbetonrumpf des einen Towers. Die Nase des Jets dringt durch die Fenster ein. Die Maschine hinterlässt ein Abbild im Gebäude. Sogar die Flügel und der dicke Flugzeugbauch sind erkennbar. Später wird man wissen: Die Maschine, American-Airlines-Flug 77 mit 64 Menschen an Bord, ist in den nördlichen Turm gerast.
- Datum 21.09.2009 - 16:58 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT, 13.09.2001 Nr. 38
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