Nennen wir ihn Jones. Ein armer Tropf. Zuerst wurde bei ihm ein Gehirntumor festgestellt. Und als er diesen entfernen lassen wollte, geriet er an einen ruchlosen Neurochirurgen namens Dr. Black. Der nutzte die Operation, um Jones einige Elektroden ins Gehirn zu pflanzen. Von seinem Computer aus kann er seither Jones' Gedanken Tag und Nacht überwachen und fernsteuern. Er interveniert, wann immer Jones im Begriff ist, etwas zu tun, was ihm nicht gefällt. Der einzige Trost: Jones bemerkt nichts davon.

Dieses Szenario stammt nicht aus einem billigen Horrorstreifen, sondern aus einem Aufsatz des amerikanischen Philosophen John Martin Fischer. Ist Jones' Wille frei? Nur bedingt - nämlich nur dann, wenn er von sich aus tun will, was auch in Blacks Interesse ist. Denn dann interveniert Black nicht.

Die Frage, ob Menschen einen freien Willen haben und wie man sich diesen vorzustellen hat, ist ein philosophischer Dauerbrenner, dem derzeit allerdings besonders viel Aufmerksamkeit zuteil wird. Ihm widmen sich allein auf dem deutschsprachigen Buchmarkt in diesem Herbst gleich drei Neuerscheinungen. Diese Aktualität haben die Philosophen den Hirnforschern zu verdanken. Gestützt auf verstörende experimentelle Befunde, verkünden die Neurobiologen allenthalben auf Tagungen, in Büchern und Zeitungsartikeln: Der freie Wille ist eine Illusion. Kürzlich kam es gar in Berlin zum öffentlichen Show-down zwischen dem Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer, und dem leitenden Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Hans Christian Knuth. Während Knuth mit Luther den absoluten Vorrang des göttlichen Willens gegenüber der vermeintlich menschlichen Willensfreiheit herausstrich, hielt Singer dagegen: Alle mentalen Prozesse beruhten auf rein materiellen Vorgängen und seien daher deterministisch. Er könne jedenfalls "bei der Erforschung von Gehirnen nirgendwo ein mentales Agens wie den freien Willen oder die eigene Verantwortung finden".

Das klingt nach schwerer Kost: Ist damit der Kern des menschlichen Selbstverständnisses bedroht? Geht es uns letztlich nicht anders als dem armen Jones? Sind wir nur Marionetten unserer Neuronen, Automaten ohne selbstständige Entscheidungsgewalt? Zwar mag jeder seine eigene Idee vom freien Willen haben, doch alle sind sich einig, dass ein Leben ohne diesen schrecklich sein muss. Doch was ist das überhaupt für ein Wille, der sich als Illusion erwiesen hat? Wollen wir ihn überhaupt?

Der Verdacht, dass es sich mit dem freien Willen ganz anders verhalten könnte, als uns das alltäglich vorkommt, ist nicht neu. Vermutlich ist dieser Zweifel sogar so alt wie die Idee des freien Willens selbst. Schon die antiken Atomisten rätselten, wo in einer Welt, in der Ursache auf Ursache folgt, Platz für einen freien Willen sein könnte. Derselben Linie folgte im 19. Jahrhundert der französische Mathematiker und Astronom Pierre Simon de Laplace, als er den nach ihm benannten Dämon erdachte: Stellt man diesem nur genügend Rechenkapazität zur Verfügung und die Kenntnis aller irdischen Objekte zu einem Zeitpunkt, so sollte er bis in alle Ewigkeit voraussagen können, was auf Erden geschehen wird. Einem Laplaceschen Dämon liegt Zukunft wie Vergangenheit offen vor Augen. Da bleibt für den freien Willen kein Raum. Dieser deterministische Glaube erhielt mit Freuds Diktum, das Ich sei nicht Herr im eigenen Haus, und der Erkenntnis der Evolutionspsychologen, wir benähmen uns wie Mammutjäger in der Metro, sein modernes Gesicht. Heute zieht keine altmodische Gottheit hinter den Kulissen die Fäden, kein Dämon, kein Dr. Black - nein, die Gene sind es, die Umwelt, die Sozialisation, das Unbewusste und neuerdings die Verschaltungen unseres Gehirns.

Die experimentelle Evidenz dazu lieferte der Neurophysiologe Benjamin Libet Anfang der achtziger Jahre: Noch bevor Menschen sich des Entschlusses bewusst werden, eine bestimmte Handlung ausführen zu wollen, so zeigte Libet, setzt in ihrem Gehirn bereits eine gewisse neuronale Aktivität ein, das so genannte Bereitschaftspotenzial. Der bewusste Willensakt kann demnach nicht die Ursache der Handlung sein. Denn das Gefühl, aktiv werden zu wollen, kommt offenbar erst auf, wenn die entsprechende Handlung schon eingeleitet ist, wie das Bereitschaftspotenzial beweist.

Der Willensakt entsteht also nicht aus heiterem Himmel. Zahlreiche Areale des Gehirns, von deren Aktivitäten wir nicht das Geringste mitbekommen, sorgen dafür, dass das, was wir wollen und tun, im Einklang mit unseren Erfahrungen und Anlagen steht. Diese Erkenntnis formuliert der Psychologe Wolfgang Prinz griffig: "Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun."