I N T E R V I E W : Hamburg hat gewählt
Interview mit Franz Müntefering, SPD-Generalsekretär
Müntefering: Guten Morgen Frau Engels.
Engels: Herr Müntefering, gestern Abend hatten
sich noch eine Ampelkoalition nicht ausgeschlossen. Diese Hoffnung
ist nun vom Tisch, denn Christa Krista Sager von der
Grün-Alternativen Liste hat ihren Rückzug von
Regierungsambitionen bekannt gemacht. Wie geht es nun weiter in
Hamburg? Was raten Sie Ortwin Runde, große
Koalition?
Müntefering: Das ist die Stunde, wo man mit dem,
was die Wählerinnen und Wähler uns gegeben haben,
sehr verantwortlich umgehen muss. Das sind eben 10 Prozent mehr als
die nächste Partei; das ist die CDU. Das heißt
der Regierungsauftrag liegt bei der SPD und deshalb gehe ich davon
aus, dass Ortwin Runde und Olaf Scholz heute den anderen
demokratischen Parteien das Angebot zu Verhandlungen machen, das
heißt den anderen außer Schill.
Engels: Schill soll also nicht mit an den Tisch, aber ist
das denn realistisch? CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust hat gestern
Abend schon angekündigt, es offenbar mit Ronald Schill
probieren zu wollen, und auch die FDP steht bereit.
Müntefering: Auch das wäre ja eine
labile Organisation, die sich dort aufbaut, drei Parteien
miteinander. Ich denke, dass auch in der CDU und der FDP
genügend Leute sind die wissen, dass in einer Situation
wie dieser eine solche Stadt innenpolitisch nicht in die
Hände von Schill und Co gehen kann. Wir sind uns alle
darüber einig: Recht und Ordnung muss sein,
Kriminalität muss bekämpft werden. Aber Recht und
Ordnung müssen von Leuten dargestellt werden, die
hinreichend liberal, sozial und aufgeklärt sind, und nicht
von Leuten, die damit umgehen wie Schill, der populistisch ist, der
aber natürlich mit seinen Ambitionen und mit seinen Thesen
weit über das hinausschießt, was in
demokratischen Parteien bisher dort üblich gewesen ist.
Deshalb gehe ich immer noch davon aus, dass es ernsthafte
Verhandlungen im Interesse der Stadt geben kann.
Engels: Sie halten, wenn ich Sie richtig verstehe,
offenbar die Schill-Partei eigentlich nicht für
koalitionsfähig mit einer demokratischen Partei?
Müntefering: Ich halte sie eigentlich nicht
für eine wirkliche Partei, sondern ich glaube, dass hier
in der Situation etwas entstanden ist, was sich bei der 97er
Bürgerschaftswahl schon aufgebaut hat. Damals gab es viele
kleine Parteien, vor allen Dingen rechte und auch
Rechtsaußen-Parteien, die knapp unter der 5-Prozent-Linie
blieben und deshalb nicht im Parlament waren. Das hat Schill
verstanden zu sammeln. Was die demokratischen Parteien, die
bewährten demokratischen Parteien verstehen und lernen
müssen: Es muss mehr auch offensichtlich für den
Bereich der inneren Sicherheit getan werden. Allerdings hat Olaf
Scholz, seit er Innensenator ist, seit einigen Monaten leider erst
auch deutliche Zeichen gesetzt. Das heißt wir haben
verstanden. Wir sind auf dem Weg der Besserung. Jetzt kommt es
darauf an, dass die demokratischen Parteien sich arrangieren und
dass sie dann allerdings das Thema der inneren Sicherheit nicht
wieder vergessen, sondern dass dann auch deutlich wird, dass
Hamburg was diese Punkte angeht deutlicher und besser regiert
werden muss, dass Sozialdemokraten das können.
Übrigens, weil Herr Schill das immer anspricht:
München ist sozialdemokratisch seit vielen Jahren regiert.
Oberbürgermeister Ude ist Sozialdemokrat. Das kann
vergleichbar auch in Hamburg von Sozialdemokraten mit anderen
Parteien zusammen geleistet werden.
Engels: Sie sprechen schon von Lernen, aber muss man
nicht an dieser Stelle einfach auch mal das eigene Versagen
konstatieren? 19,4 Prozent, das heißt die etablierten
Parteien, die Volksparteien haben fast 20 Prozent der
Wähler nicht binden können. Wie wollen Sie mit
diesem Versagen auch der SPD umgehen?
Müntefering: Besser werden! Etwas anderes kann
man dazu nicht sagen. Es ist klar, dass dort in den vergangenen
Jahren im Verlauf der Legislaturperiode etwas liegen geblieben ist.
Und noch einmal: die letzten Monate haben uns dann aus den 33, 34
Prozent wieder nach vorne gebracht. Das hängt sehr eng mit
der Arbeit zusammen, die der Innensenator Scholz dann neu in der
Funktion leisten konnte. An der Stelle muss auch für die
Zukunft klar sein, wie immer die Koalition sich zusammensetzt. Ich
hoffe ja, dass CDU und FDP doch bereit sind, zusammen mit den
Grünen noch einmal mit uns zu reden und im Interesse der
Stadt dafür zu sorgen, dass die liberale und Hansestadt
Hamburg nicht geprägt wird von einem Innensenator, zu
dessen Vokabular geschlossene Heime und schockierende
Gefängnisse, Kastration und Todesstrafe gehören.
Das kann doch nicht sein. Das wäre schlecht für
diese Stadt. Das was man mit innerer Sicherheit will und braucht,
das kann man auch anders erreichen als mit der Methode und vor
allen Dingen mit den Worten von Schill.
Engels: Nun ist es ja nicht so, dass die SPD nur kurze
Zeit regiert hätte. Dieses Phänomen, dass vor
allen Dingen das Thema innere Sicherheit in Hamburg lange ein Thema
war, war auch bekannt. Die Antwort der Wähler ist
gekommen. Sollte die SPD sich in Hamburg vielleicht besser
regenerieren, also nicht mehr das Regierungsamt anstreben?
Müntefering: Olaf Scholz ist ein Mann von etwas
über 40, den wir in Berlin nur ungern gehen lassen haben,
weil er auch in der Fraktion eine wichtige Rolle hatte. Die
Generation kommt und die wird auch in Zukunft das Bild der
Hamburger SPD stärker bestimmen. Was wir allerdings auch
auf der Bundesebene lernen müssen - insofern sind wir auch
alle gefordert -, es kann nicht sein, dass die ganzen Risiken, die
ganzen Probleme, die wir haben, wir in den großen
Städten abladen. Das ist natürlich auch ein
Problem, mit dem Hamburg zu kämpfen hatte, was auch nicht
nur vor Ort gelöst werden kann, nämlich dass
Leute, die lange bei uns im Lande sind, die auffällig
geworden sind, sich in großen Städten
konzentrieren und niemand etwas bundesweit dagegen tut. Die anderen
Länder sind ja nicht daran interessiert, diese Menschen
aufzunehmen.
Engels: Also große Koalition in Hamburg um
jeden Preis?
Müntefering: Das wäre eine
vernünftige Lösung, wenn sich herausstellt, dass
FDP und Grüne zu einer Ampel nicht bereit sind.
Engels: Schauen wir auf die bundespolitische Ebene. Nun
ist ja die Regierungsverantwortung in Hamburg vor allen Dingen
deshalb verloren gegangen, wie es im Moment aussieht, weil die
Grünen beziehungsweise die Grün-Alternative Liste
so stark verloren haben. Ist das vielleicht auch auf die Berliner
Regierung zurückzuführen? Das heißt
haben Sie den grünen Partner zu oft
überfahren?
Müntefering: Ich hoffe, dass unsere Leitung noch
steht. - Die Berliner Koalition wird Bestand haben. Da habe ich
keinen Zweifel. Die Grünen werden auch im
nächsten deutschen Bundestag wieder mit dabei sein. Sie
hatten damals 1997 ein Hoch in der Hamburger Zeit. Das ist auf der
Bundesebene in solcher Weise nie gewesen. Ich gehe davon aus, dass
die Koalition in Berlin unbeschadet vom Hamburger Ergebnis weiter
regieren kann.
Engels: Das ist vielleicht etwas optimistisch.
Bundesaußenminister Fischer schließt heute in
der "Bildzeitung" mit Blick auf die zu erwartenden
US-Militärschläge eine Zerreißprobe der
Grünen nicht aus. Was kann die SPD tun, um die
Grünen zu stärken?
Müntefering: Dass es den Grünen schwer
fällt, sich an dieser Stelle zu entscheiden, das ist klar.
Das ist ja auch nicht unehrenhaft. Es ist eine Partei, die aus der
Friedensbewegung herauskommt. Aber sie müssen begreifen -
und da kann Hamburg ein kleines Zeichen sein -, man muss sich auf
die Zeichen der Zeit einstellen. Jede Zeit braucht ihre eigene
Antwort, haben die Sozialdemokraten von Willy Brandt gelernt. Man
kann nicht mit Prinzipien alleine auskommen, sondern man muss in
einer Situation wie dieser auch die nötigen Konsequenzen
ziehen, außen- und sicherheitspolitisch generell. Ich
kann nur hoffen, dass die Grünen das in den
nächsten Tagen begreifen. Da nicht wird ganz viel Zeit
sein, dass man sich klar bewusst wird: Wenn man die Verantwortung
in diesem Lande hat, wird man auch die Aufgaben des Landes
erfüllen und seine Bündnisverpflichtungen und
seine Bündnisrechte wahrnehmen müssen.
Engels: Franz Müntefering, SPD-Generalsekretär. Die Leitung blieb bis zum Ende erhalten, aber jetzt wird sie schlechter. - Ich bedanke mich für das Gespräch und auf Wiederhören!
© Deutschlandfunk 2001




