K U L T U R W I S S E N S C H A F T Willkommen in der Wüste des Realen
Nach den Anschlägen von New York und Washington wird Amerika gezwungen, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist
Die absolute amerikanische Paranoia bestünde darin, dass einem Menschen, der in einer idyllischen kalifornischen Kleinstadt, einem Konsumparadies, lebt, allmählich schwant, dass die Welt, in der er lebt, nur Schwindel ist, ein Spektakel, das ihn überzeugen soll, er lebe in einer realen Welt, während alle um ihn herum tatsächlich Schauspieler und Statisten in einer gigantischen Show sind.
Das jüngste Beispiel dafür ist Peter Weirs Film The Truman Show (1998). Darin spielt Jim Carrey den Angestellten in einer Kleinstadt, der allmählich die Wahrheit herausfindet, nämlich dass er der Held einer rund um die Uhr laufenden Fernsehshow ist: Seine Stadt steht auf einem gigantischen Studiogelände, und permanent folgen ihm Kameras. Unter seinen Vorgängern ist vor allem Philip K. Dicks Time Out Of Joint (1959) zu nennen. Hier führt der Held sein bescheidenes Leben in einer idyllischen kalifornischen Kleinstadt Ende der fünfziger Jahre und findet allmählich heraus, dass die ganze Stadt ein Schwindel ist, der nur inszeniert wurde, damit er sich zufrieden fühlt. Das unterschwellige Thema beider Filme läuft darauf hinaus, dass das spätkapitalistische kalifornische Konsumparadies gerade in seiner Hyperrealität irrealund substanzlos ist.
Es ist also nicht nur so, dass Hollywood den Anschein eines realen Lebens inszeniert, das des Gewichts und der Trägheit der Körper beraubt ist - in der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft nimmt das "reale soziale Leben" selbst Züge eines inszenierten Schwindels an, indem sich unsere realen Nachbarn wie Schauspieler und Statisten verhalten. Die absolute Wahrheit des kapitalistischen, utilitaristischen, entgeistigten Universums ist die Entkörperlichung des "realen Lebens" selbst, seine Verkehrung in eine gespenstische Show. Christopher Isherwood beschrieb die Irrealität des amerikanischen Alltags am Beispiel des Motelzimmers so: "Amerikanische Motels sind unwirklich! (...) Sie sind bewusst so gestaltet, um unwirklich zu sein. (...) Die Europäer hassen uns, weil wir uns auf ein Leben in unseren Werbeanzeigen zurückgezogen haben, wie Einsiedler in Höhlen gehen, um nachzudenken."
Die Fantasie der Katastrophe
Der Erfolg der Brüder Wachowski mit ihrem Film Matrix (1999) führte diese Logik zu ihrem Höhepunkt. Die materielle Wirklichkeit, die wir alle erfahren und um uns herum sehen, ist eine virtuelle, generiert und koordiniert von einem gigantischen Megacomputer, an den wir alle angeschlossen sind; als der Held in der "wirklichen Wirklichkeit" erwacht, sieht er eine trostlose Landschaft voller ausgebrannter Ruinen - die Reste Chicagos nach dem globalen Krieg. Der Anführer des Widerstands, Morpheus, begrüßt ihn mit den ironischen Worten: "Willkommen in der Wüste des Realen." Was am 11. September in New York geschah, war das nicht etwas ganz Ähnliches? Den Bürgern dieser Stadt wurde "die Wüste des Realen" vor Augen geführt - und wir, die von Hollywood Verdorbenen, konnten bei den Aufnahmen, die wir von den einstürzenden Türmen sahen, nur an die atemberaubendsten Szenen der großen Katastrophenfilme denken.
Wenn wir hören, die Anschläge seien ein völlig unerwarteter Schock gewesen, sollten wir uns an die andere kennzeichnende Katastrophe vom Beginn des 20. Jahrhunderts erinnern, die der Titanic: Auch sie war ein Schock, doch der Raum dafür war schon in ideologischen Fantasievorstellungen vorbereitet, da die Titanic das Symbol der Macht der industriellen Zivilisation des 19. Jahrhunderts war. Gilt dasselbe nicht auch für diese Anschläge? Nicht nur bombardierten uns die Medien unablässig mit ihren Warnungen von der terroristischen Bedrohung; diese Bedrohung war auch offenkundig libidinös besetzt - man erinnere sich nur an die einschlägigen Filme von Escape From New York bis Independence Day. Darin liegt der Grund für die häufig betonte Assoziation dieser Angriffe mit den Katastrophenfilmen Hollywoods: das Undenkbare, das geschah, war schon Gegenstand der Fantasie, sodass Amerika in gewisser Weise dem begegnete, worüber es fantasierte, und das war die größte Überraschung.
Und gerade jetzt, wo wir es mit der harten Wirklichkeit einer Katastrophe zu tun haben, sollten wir uns der ideologischen und fantasmatischen Koordinaten erinnern, die ihre Wahrnehmung bestimmen. Hat der Zusammenbruch der WTC-Türme überhaupt etwas Symbolisches, dann doch weniger in der altmodischen Vorstellung vom "Zentrum des Finanzkapitalismus", sondern vielmehr darin, dass die beiden Türme für das Zentrum des virtuellen Kapitalismus standen, der Finanzspekulationen, die von der Sphäre der materiellen Produktion abgekoppelt sind. Die ungeheure Wucht der Anschläge lässt sich nur vor dem Hintergrund jener Grenze erklären, die heute die digitalisierte Erste Welt von der "Wüste des Realen" der Dritten Welt trennt. Das Bewusstsein, in einem isolierten artifiziellen Universum zu leben, erzeugt die Vorstellung, ein ominöser Agent bedrohe uns ständig mit totaler Vernichtung.
Ist folglich Osama bin Laden, das mutmaßliche Gehirn hinter den Anschlägen, nicht das lebensechte Gegenstück von Ernst Stavro Blofeld, dem Megaverbrecher in mehreren James-Bond-Filmen, dessen Ziel die Zerstörung der Welt ist? Wir sollten uns Folgendes vergegenwärtigen: der einzige Ort, wo wir den Produktionsprozess in all seiner Intensität sehen, erscheint, wenn James Bond im Areal des Verbrechers zur Stätte der tatsächlichen Arbeit vordringt (Verpackung von Drogen, Bau einer Rakete, die New York zerstören soll ...). Wenn der Superverbrecher dann James Bond gefangen genommen hat und ihn durch seine illegale Fabrik führt- kommt Hollywood da nicht der realsozialistischen, von Stolz erfüllten Präsentation einer Fabrikproduktion am nächsten? Wobei die Funktion von Bonds Eingreifen natürlich die ist, diese Produktionsstätte mit einem Feuerzauber in die Luft zu jagen und uns Zuschauern zu gestatten, zur täglichen Scheinexistenz in einer Welt mit "verschwindender Arbeiterklasse" zurückzukehren. Und könnte man nicht sagen, dass eine Gewalt, die gegen das drohende Äußere gerichtet ist, mit der Explosion der WTC-Türme auf uns zurückschlägt?
Die sichere Sphäre, in der sie leben, begreifen die Amerikaner als eine Welt, die von äußeren terroristischen Angreifern bedroht wird. Von Angreifern, die sich rücksichtslos selbst opfern: feige, von verschlagener Intelligenz undprimitiv wie Barbaren. Jedes Mal, wenn wir uns solch einem rein bösen Äußeren gegenübersehen, sollten wir den Mut aufbringen, uns an die Hegelsche Lektion zu erinnern, und in diesem reinen Äußeren die destillierte Version unseres eigenen Wesens erkennen. Während der vergangenen fünf Jahrhunderte wurde der (relative) Wohlstand und Frieden des "zivilisierten" Westens durch den Export rücksichtsloser Gewalt und Zerstörung in das "barbarische" Äußere erkauft. Es ist die lange Geschichte von der Eroberung Amerikas bis zu dem Gemetzel im Kongo.
So grausam und gleichgültig dies auch klingen mag, sollten wir nicht vergessen, dass die tatsächliche Wirkung der Anschläge weniger real als vielmehr symbolisch ist: In Afrika sterben an jedem einzelnen Tag mehr Menschen an Aids als Menschen in den eingestürzten WTC-Türmen umgekommen sind, und ihr Tod hätte mit relativ bescheidenen finanziellen Mitteln verhindert werden können. Fügt man dem Terror in New York noch ein gutes Dutzend Heckenschützen hinzu, die wahllos auf Passanten schießen, dann erhält man eine Vorstellung davon, wie es in Sarajevo vor zehn Jahren aussah.
Erst beim Anblick der einstürzenden WTC-Türme im Fernsehen konnten wir erkennen, wie falsch die Reality-Shows sind: Auch wenn diese Sendungen "echt" sein wollen, spielen die Menschen doch darin - sie spielen einfach sich selbst. Die übliche Erklärung in einem Roman ("Die Personen in diesem Text sind fiktiv") gilt auch für die Teilnehmer der Reality-Soaps: Was wir darin sehen, sind fiktive Charaktere, auch wenn sie sich selbst als reale spielen. Natürlich kann man diese "Rückkehr zum Realen" auf unterschiedliche Weise verdrehen: Man hört schon Konservative sagen, unsere Offenheit mache uns so verletzbar - weshalb wir einige unserer Freiheiten, die von den Feinden der Freiheit "missbraucht" worden seien, opfern müssten. Diese Logik ist abzulehnen. Ist es denn nicht so, dass unsere "offenen" Staaten der Ersten Welt die kontrolliertesten in der gesamten Geschichte der Menschheit sind? In Großbritannien werden alle öffentlichen Orte, von Bussen bis hin zu Einkaufszentren, unablässig von Videokameras überwacht.
Die Wucht der Wirklichkeit
Entsprechend verkündeten rechte Kommentatoren sogleich das Ende des amerikanischen "Urlaubs von der Geschichte" - die Wucht der Wirklichkeit zerschmettert den Turm der liberalen Haltung. Nun sind wir gezwungen zurückzuschlagen, uns mit realen Feinden in der realen Welt zu befassen. Und doch: Gegen wen schlagen wir zurück? Wie der Gegenschlag auch ausfällt, er wird niemals das richtige Ziel treffen, uns nie voll zufrieden stellen. Das Lächerliche an einem Angriff der USA auf Afghanistan enthüllt sich sofort: Wenn die größte Macht der Welt eines der ärmsten Länder zerstört, in dem die Bauern in den kahlen Bergen ums Überleben kämpfen, ist das dann nicht der elementare Fall des Hilflosen, der sich ausagiert? Ansonsten ist Afghanistan ein ideales Ziel: ein Land, das ohnehin schon in Schutt und Asche liegt, das während der letzten zwanzig Jahre wiederholt vom Krieg zerstört wurde. Sollte die Wahl Afghanistans auch von ökonomischen Erwägungen bestimmt sein? Ist es nicht das beste Vorgehen, seine Wut an einem Land auszulassen, das keinen interessiert und wo es gar nichts zu zerstören gibt? Leider erinnert die mögliche Wahl Afghanistans an die Anekdote von dem Irren, der unter einer Straßenlampe nach seinem verlorenen Schlüssel sucht; auf die Frage, warum er da sucht, wo er den Schlüssel doch in der dunklen Ecke weiter hinten verloren hat, antwortet er: "Aber bei starkem Licht sucht man doch viel leichter!"
Wer dem Drang erliegt, jetzt zu handeln und zurückzuschlagen, verkennt die wahre Dimension dessen, was sich am 11. September ereignet hat. Der Gegenschlag soll uns in der Gewissheit wiegen, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Doch die wahre langfristige Bedrohung sind weitere Massenterrorakte - Akte, die weniger spektakulär, aber viel entsetzlicher sein werden. Man denke an bakteriologische Kriegführung, an den Einsatz von tödlichem Gas, an die Aussicht auf einen DNA-Terrorismus (die Entwicklung von Giften, die nur Menschen mit einem bestimmten Genom schädigen). Statt rasch zu handeln, sollte man sich die folgende Frage stellen: Was wird "Krieg" im 21. Jahrhundert bedeuten, wenn es weder Staaten noch identifizierbare Verbrecherbanden gibt?
In dem Gedanken vom "Kampf der Kulturen", der hier aufgegriffen wird, liegt eine Teilwahrheit. Man denke nur an die Überraschung des Durchschnittsamerikaners: "Wie ist es möglich, dass diese Leute ihr eigenes Leben missachten?" Ist aber die Kehrseite dieser Überraschung nicht vielmehr die traurige Tatsache, dass wir in den Ländern der Ersten Welt es zunehmend schwieriger finden, uns eine Sache vorzustellen, für die wir unser Leben geben würden? Wenn selbst der Außenminister der Taliban nach den Anschlägen sagte, er könne "den Schmerz der amerikanischen Kinder fühlen", bestätigt er damit nicht den hegemonialen Anspruch dieser typischen Wendung Bill Clintons? Ist es nicht so, dass heute die Kluft zwischen der Ersten und der Dritten Welt zunehmend auf dem schmalen Grat eines Gegensatzes verläuft: einerseits ein langes und befriedigendes Leben voller materiellem und kulturellem Reichtum zu führen, andererseits das eigene Leben einer transzendenten Sache zu weihen?
Dennoch ist die Vorstellung vom "Kampf der Kulturen" irrig. Was wir heute erleben, sind Zusammenstöße innerhalb einer jeden Zivilisation. Auch ein kurzer Blick auf die vergleichende Geschichte von Islam und Christentum zeigt uns, dass der Islam in Sachen "Menschenrechte" um einiges besser dasteht als das Christentum. Während der vergangenen Jahrhunderte war der Islam eindeutig toleranter gegenüber anderen Religionen als das Christentum. Wir müssen uns auch daranerinnern, dass wir den Zugang zu unserem griechischen Erbe im Mittelalter gerade durch die Araber wiedergewonnen haben. Ohne im Mindesten die Schreckenstaten von New York rechtfertigen zu wollen, demonstrieren diese Tatsachen deutlich, dass wir es nicht mit einem Grundzug des Islam "als solchem" zu tun haben, sondern mit einem Ergebnis der modernen soziopolitischen Bedingungen.
Auch dürfen wir nicht vergessen, dass es tief im Kern der USA ebenfalls Fanatismus gibt. Es gibt über zwei Millionen rechtspopulistische "Fundamentalisten", die, legitimiert (von ihrem Verständnis) vom Christentum, ihren eigenen Terror praktizieren. Was sollen wir davon halten, wie Jerry Falwell und Pat Robertson auf das Attentat reagierten, das sie als Zeichen Gottes ansahen, mit dem das sündige Leben der Amerikaner bestraft worden sei?
Jetzt, in den Tagen unmittelbar nach den Anschlägen, ist es, als steckten wir in der einzigartigen Zeit zwischen einem traumatischen Ereignis und seiner symbolischen Wirkung, wie in jenem kurzen Augenblick, nachdem wir einen tiefen Schnitt erhalten haben und bevor das volle Ausmaß des Schmerzes uns erreicht - es ist offen, wie diese Ereignisse symbolisiert werden, welche Handlungen sie rechtfertigen sollen. Schon gibt es die ersten schlechten Omen wie die jähe Wiederauferstehung des alten Begriffs aus dem Kalten Krieg von der "freien Welt": Der Kampf sei jetzt einer zwischen der "freien Welt" und den Mächten der Finsternis. Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Wer gehört dann zur unfreien Welt? Sind beispielsweise China oder Ägypten Teil dieser freien Welt? Die Botschaft ist natürlich, dass die alte Teilung zwischen den demokratischen Ländern des Westens und allen anderen erneuert wird.
Am Tag nach den Anschlägen erhielt ich Nachricht von einer Zeitschrift, die einen längeren Text von mir über Lenin bringen wollte: man habe beschlossen, die Veröffentlichung zu verschieben. Vorschau auf ein neues "Berufsverbot", das weit stärker und verbreiteter werden könnte als das im Deutschland der siebziger Jahre? In diesen Tagen hört man häufig den Satz, der Kampf werde nun für die Demokratie geführt - das stimmt, aber nicht ganz in dem Sinn, in dem dieser Satz gemeinhin verstanden wird. Schon jetzt haben mir linke Freunde geschrieben, in diesen schwierigen Zeiten sei es wohl besser, sich mit unserem Anliegen zurückzuhalten. Doch statt den Kopf einzuziehen, sollte man jetzt demonstrieren, dass die Linke eine bessere Analyse liefert - sonst nähme sie von vornherein ihre politische und ethische Niederlage hin angesichts des tätigen Heldenmuts ganz normaler Leute (wie der Passagiere, die in einem Musterbeispiel für rationales ethisches Handeln die Kidnapper überwältigten und den verfrühten Absturz der Maschine herbeiführten: Wenn man zu einem baldigen Tod verurteilt ist, sollte man die Kraft aufbringen, so zu sterben, dass man den Tod anderer verhindert).
Und was ist mit dem Satz, der uns von überall her entgegenschallt: "Nach dem 11. September wird nichts mehr so sein wie vorher"? Bezeichnenderweise wird dieser Satz nie näher bestimmt - er ist lediglich eine leere Geste, mit der man etwas "Tiefes" sagen will, ohne dass man so genau weiß, was das wäre. Unsere erste Reaktion darauf sollte also sein: Wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass das Einzige, das sich tatsächlich geändert hat, darin besteht, dass Amerika dazu gezwungen wurde, die Welt zur Kenntnis zu nehmen, deren Teil sie ist?
Andererseits bleiben solche Veränderungen der Wahrnehmung nie folgenlos, da die Art, wie wir unsere Lage sehen, die Art unseres Handelns bestimmt. Erinnern wir uns an die Prozesse des Zusammenbruchs politischer Regime, etwa der kommunistischen Regimes im Osteuropa der neunziger Jahre: In einem bestimmten Augenblick wurde den Leuten plötzlich bewusst, dass das Spiel aus ist, dass die Kommunisten verloren haben. Der Bruch war ein rein symbolischer, "in der Wirklichkeit" hatte sich nichts geändert, und dennoch war von jenem Augenblick an der endgültige Zusammenbruch des Regimes nur noch eine Frage von Tagen. Was wäre, wenn sich am 11. September tatsächlich etwas Vergleichbares ereignet hätte?
Wir wissen noch nicht, welche Folgen das Ereignis für Wirtschaft, Ideologie, Politik und Krieg haben wird, eines aber ist klar: Die USA, die sich bis jetzt als eine Insel betrachtet haben, die von Gewalt dieser Art ausgenommen ist, sind nun unmittelbar betroffen. Die Alternative heißt also: Werden die Amerikaner beschließen, ihre "Sphäre" weiter zu befestigen, oder werden sie das Risiko eingehen, aus ihr hinauszutreten? Entweder wird Amerika auf der zutiefst unmoralischen Haltung des "Warum sollte das uns passieren? Hier passiert so etwas nicht!" beharren und sie gar noch verstärken, was zu noch mehr Aggressivität gegen das bedrohliche Äußere führen würde, kurz: zu einem paranoiden Agieren. Oder Amerika riskiert endlich den Schritt durch die fantasmatische Wand, die es von der Außenwelt trennt, akzeptiert seine Ankunft in der realen Welt und vollzieht den längst überfälligen Schritt von "So etwas dürfte hier nicht passieren!" zu "So etwas sollte nirgendwo passieren!". Und darin liegt die wahre Lehre der Anschläge: Die einzige Möglichkeit, sicherzustellen, dass so etwas hier nicht mehr passiert, ist zu verhindern, dass es auch sonst irgendwo passiert.
Amerikas "Urlaub von der Geschichte" war ein Schwindel. Amerikas Frieden wurde durch die Katastrophen anderswo erkauft. In diesen Tagen ist die vorherrschende Sichtweise die des unschuldigen Blicks, der sich einem unsagbar Bösen gegenübersieht, das von außen hereinbrach - und hinsichtlich dieses Blicks sollten wir auch hier wieder die Kraft aufbringen und Hegels bekanntes Diktums darauf anwenden, dass das Böse auch in dem unschuldigen Blick selbst liegt, der überall um sich herum Böses wahrnimmt.
Im Wahlkampf hatte Präsident Bush als die wichtigste Person in seinem Leben Jesus Christus genannt. Jetzt hat er die einzigartige Chance zu beweisen, dass er das ernst gemeint hat: Für ihn wie für alle Amerikaner bedeutet "Liebe deinen Nächsten!" heute "Liebe die Muslime!", oder es bedeutet gar nichts.
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
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