Der Traum vom Müll

Ärger um Schwarze Pumpe, den Recyclingbetrieb der Hauptstadt: Der amerikanische Investor zahlt nicht von Cerstin Gammelin

Am 19. Juli 2000 ging ein tiefes Aufatmen durch Berlins Wirtschaft. Das als ewiger Verlustbringer ungeliebte Recyclingunternehmen Schwarze Pumpe war mitsamt seinen Bankverpflichtungen verkauft. Der damalige Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) feierte mit dem Verkäufer, der Berlinwasser Holding, und dem amerikanischen Investor Global Energy aus Cincinnati eine triple win-Situation.

Ein Jahr später wird im stillen Kämmerlein wieder verhandelt, und zwar zurück. Denn kein Pfennig des vereinbarten Kaufpreises von 210 Millionen Mark ist bisher geflossen, auch die Übernahme der Bankverpflichtungen von rund 220 Millionen Mark lässt auf sich warten. Der Grund steht im Vertrag: Global Energy hatte die Zahlung an einen erfolgreichen Börsengang gekoppelt. Bis dahin wollte die Berlinwasser Holding, an der auch das Land Berlin mit 50,1 Prozent beteiligt ist, das Geld stunden. Mit der Sicherheit des Anspruchs auf ein stattliches Aktienpaket hoffte das finanzklamme Berlin auf frisches Geld von der Börse - eine Hoffnung, die die Wasser-Vorstände Thomas Mecke und Jörg Simon nach nur drei Monaten Verhandlungen eine Vollmachtserklärung unterschreiben ließ. Ein Rechtsanwalt machte den Deal in der Schweiz klar.

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Dass Großinvestor Global Energy, auf dem Markt eine nahezu unbekannte Größe, nicht einmal über einen eigenen Internet-Auftritt verfügte, blieb angesichts des erhofften Geldregens unerheblich.

In den vergangenen Wochen haben die Berliner - mit Blick auf die Aktienmärkte - kalte Füße bekommen. Sie wollen ihr Recyclingunternehmen zurück. Ein schwieriges Unterfangen, das die Finanzmisere erst richtig deutlich macht.

Denn handelsrechtlich gehört Schwarze Pumpe bereits den Amerikanern. Global Energy steht seit Monaten im Handelsregister. Am 1. Januar dieses Jahres wurde den Amerikanern offiziell die unternehmerische Führung übertragen. Auch den Vorsitz im Aufsichtsrat hat mit Harry H. Graves ein Amerikaner inne. Das US-Unternehmen ist quasi auf kaltem Wege, ohne auch nur eine müde Mark zu bezahlen, in den Besitz der Schwarzen Pumpe gekommen. Und: Global Energy besitzt nicht nur die Anlagen, in denen aus Müll jeder Art hoch reines Methanol hergestellt wird. Die Amerikaner haben sich auch sämtliche Titel, Rechte und Interessen an der in Schwarze Pumpe entwickelten Technologie gesichert. Dazu gehören allein 30 Patente zur Müllvergasung. Diese kostenlos zu studieren, hatte das Unternehmen aus Cincinnati, das bisher auf die Methanolgewinnung aus Kohle spezialisiert war und jetzt in den Abfallmarkt drängt, nun ein Jahr lang Zeit. Auch die Anlagentechnik wurde gründlich inspiziert. Denn Technologie und Anlage der Schwarzen Pumpe sind weltweit ohne Konkurrenz.

Global Energy befindet sich in einer komfortablen Lage. Aus dieser Position heraus geht es den Amerikanern in den laufenden Verhandlungen mit der Berlinwasser Holding in erster Linie um eine weitere Stundung des Kaufpreises. Aus Berliner Sicht scheint vor allem eines sicher: Eine Rückübertragung des Recyclingunternehmens an die Berlinwasser Holding wird mit einer entsprechenden Abfindung, sei es finanzieller oder patentrechtlicher Art, verbunden sein. Damit stürzen die Wasser-Manager in weitere Finanzturbulenzen.

Das Wasser könnte teuer werden Das Verkaufsdesaster könnte die Betriebsverluste der Holding-Tochter Berliner Wasserbetriebe, der die Schwarze Pumpe zugeschlagen war, im kommenden Jahr an die Milliardengrenze stoßen lassen. Zunächst muss der bereits 2000 als außerordentlicher Ertrag verbuchte Kaufpreis von 210 Millionen Mark in diesem Jahr als Verlust ausgewiesen werden. Zahlungen an das Land Berlin von 74 Millionen stehen damit zur Disposition. Hinzu kommen Bankverpflichtungen in Höhe von 220 Millionen Mark aus der für die Schwarze Pumpe abgegebenen Bestandssicherungs- und Liquiditätserklärung. Die Verluste aus dem laufenden Geschäft des Recyclingunternehmens werden rund 50 Millionen betragen. Addiert man die 315 Millionen Mark Bürgschaft für die Holding-Tochter Berlikomm sowie deren operative Verluste dazu, könnte Anfang 2002 das Wasser für die Bewohner der Hauptstadt sehr teuer werden. Und dass das Land Berlin mit Finanzspritzen eingreifen kann, steht angesichts der hauptstädtischen Finanzmisere außerhalb jeglicher Diskussionen.

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