Es mag beruhigend und entlastend sein, auf neue gesellschaftliche Herausforderungen mit Ideen, Konzepten, Geboten und Verboten zu reagieren, die angeblich längst verfügbar sind und nur darauf warten, wieder in Erinnerung gerufen zu werden. Dennoch muss es verwundern, mit welcher Selbstgewissheit, auch Selbstgerechtigkeit inzwischen allerorten bekundet wird, man brauche nur auf eine völlig intakte "abendländische" Tradition zurückzugreifen, um die einzig richtige Antwort auf die Frage nach der Legitimität des biomedizinischen Fortschritts zu geben.

Da wandelt sich unter dem Vorzeichen neuer Erkenntnisse und neuer Handlungsmöglichkeiten das Bild, das die Menschen sich von sich selber machen können, dramatisch - und zugleich wird über Monate hinweg über fast nichts anderes debattiert als darüber, ob dem Embryo Menschenwürde im Sinne des ersten deutschen Verfassungsartikels zukommt oder nicht. Und diese Frage wird dann zumeist mit der einigermaßen kargen Erläuterung bejaht, dass mit der Keimzellverschmelzung das vollständige genetische Programm eines menschlichen Individuums vorliege und der Anfang einer kontinuierlichen, selbst gesteuerten Entwicklung gemacht sei.

Dem Philosophen Jürgen Habermas gelingt nun mit seiner bravourösen Intervention in die Biomedizindebatte zweierlei: Er vermag verständlich zu machen, warum ihn selbst und viele andere die Aussicht, dass frühe Stadien menschlichen Lebens einer totalen Instrumentalisierung ausgesetzt werden, zutiefst beunruhigt

und zugleich entkoppelt er seine Überlegungen von der Frage, welcher moralische und rechtliche Status Embryonen zukommt. Denn "der aktuelle Streit über die Zulässigkeit von verbrauchender Embryonenforschung und PID", so Habermas unmissverständlich, könne "nicht mit einem einzigen schlagenden Argument zu Menschenwürde und Grundrechtsstatus der befruchteten Eizelle entschieden werden". Auch dürfe der "weltanschaulich neutrale Staat, wenn er demokratisch verfasst ist und inklusiv verfährt, in einer ,ethisch' umstrittenen Inanspruchnahme von GG Artikel 1 und 2 nicht Partei ergreifen".

Diese Einsicht führt Habermas nun aber keineswegs dazu, die Beurteilung von Embryonenselektion und -manipulation in die Sphäre privater Weltanschauungen zu verweisen. Er betätigt sich vielmehr als philosophischer Pfadfinder, der mit bewundernswertem Spürsinn die Natur jener normativen Probleme zu bestimmen sucht, mit denen uns die jüngsten Entwicklungen konfrontieren. Für ihn handelt es sich hier weder um im strengen Sinne "moralische" Fragen, die mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit unter Rücksichtnahme auf die Interessen aller Betroffenen zu beantworten sind, noch um Herausforderungen "ethischer" Art, zu denen sich jeder Einzelne nur unter Rückgriff auf seine eigene, kulturell eingebettete Lebensgeschichte verhalten kann.

Nicht das individuelle Selbstverständnis als Angehöriger einer Kultur, sondern die Identität des Einzelnen als Mitglied der Gattung Homo sapiens steht auf dem Spiel, wenn die Grenze zwischen dem Unverfügbaren und dem Manipulier- und Verwertbaren durch immer neue biotechnologische Eingriffe verschoben wird. Habermas spricht deshalb von "Gattungsethik": Diese fragt danach, wie weit wir es als Menschenkollektiv mit der Selbstinstrumentalisierung und -optimierung treiben dürfen, wenn wir uns noch als autonome und untereinander gleichberechtigte Wesen verstehen wollen. Die Gattungsethik ist also - wenn man die Begrifflichkeit von Habermas übernimmt - nicht Teil der Moral, soll aber die anthropologischen Voraussetzungen dafür benennen, dass Personen überhaupt moralisch urteilen und handeln können.

Stumme Tatsachen ohne Antwort