Um zu markieren, was sich verändert, macht Habermas Helmut Plessners Unterscheidung zwischen "Leibsein" und "Körperhaben" fruchtbar. Befinden wir uns als "exzentrische" menschliche Wesen zum einen "in" unserem Leib, als passiver Teil einer organischen Ganzheit, so sind wir zugleich "außerhalb" dieser Physis, über die wir bewusst verfügen können. Erst im Laufe des Jugendalters jedoch, so Habermas, lerne sich jeder Einzelne als jemand verstehen, der nicht nur mit seiner Natur eins ist, sondern zu dieser auch in Distanz treten kann.

Genau dieses Verhältnis von Gewordensein und Verfügenkönnen verkehre sich aber, wenn der Heranwachsende davon erfahre, dass man sein Genom vor seiner Geburt manipuliert habe. "Wenn der Heranwachsende von dem Design erfährt, das ein anderer für den merkmalsverändernden Eingriff in die eigene genetischen Anlagen entworfen hat, kann - in der objektivierenden Selbstwahrnehmung - die Perspektive des Hergestelltseins die des naturwüchsigen Leibseins überlagern.

Damit reicht die Entdifferenzierung des Unterschieds zwischen Gewachsenem und Gemachtem in die eigene Existenzweise hinein. Sie könnte das Schwindel erregende Bewusstsein auslösen, dass in der Folge eines gentechnischen Eingriffs vor unserer Geburt die von uns als unverfügbar erlebte subjektive Natur aus der Instrumentalisierung eines Stücks äußerer Natur hervorgegangen ist. Die Vergegenwärtigung der vorvergangenen Programmierung eigener Erbanlagen mutet uns gewissermaßen existentiell zu, das Leibsein dem Körperhaben nach- und unterzuordnen."

Das von Eltern oder Ärzten vorgegebene "Programm" soll das Leben der so manipulierten Person in zweierlei Weise in Mitleidenschaft ziehen. Zum einen werde es ihr erschwert, eigene Lebenspläne frei zu wählen und zu verfolgen.

Indem der junge Mensch sich als jemand verstehen muss, der seine spezifische Ausstattung den Präferenzen anderer verdankt, kann er sich selbst nicht mehr - im Sinne Hannah Arendts - in Form eines "Neuanfangs" aus den Fängen eines anonymen, vorgeburtlichen Naturschicksals befreien und als "Autor" des eigenen Lebens verstehen.

Anders als bei allen herkömmlichen Formen der Sozialisation bleibt es ihm auch versagt, im Nachhinein Stellung zu beziehen und zumindest zu versuchen, Entscheidungen, die die Eltern für ihn getroffen haben, zu korrigieren. "Die hadernde Auseinandersetzung mit der genetisch fixierten Absicht einer dritten Person ist ohne Ausweg." Das genetische Programm sei eine "stumme und in gewissem Sinne unbeantwortbare Tatsache"

denn wer mit genetisch fixierten Absichten hadere, könne sich nicht wie natürlich geborene Personen im Laufe einer reflexiv angeeigneten und willentlich kontinuierten Lebensgeschichte zu seinen Begabungen (und Behinderungen) so verhalten, dass er sein Selbstverständnis revidieren und auf die Ausgangslage eine produktive Antwort finden könne.