Aufmarsch »Ein lang andauernder Feldzug«
Der Aufmarsch hat begonnen. Noch kennt niemand die Szenarien. Es wird Verluste geben. Die Bundeswehr ist noch nicht gefragt.
Amerika hat dem Terror den Krieg angesagt. "Unser Krieg gegen den Terrorismus beginnt mit der Al-Qaida, aber er endet dort nicht", verkündete Präsident Bush vor dem US-Kongress. "Er wird nicht aufhören, ehe sämtliche Terroristengruppen mit weltweiter Reichweite aufgespürt, gestoppt und niedergerungen sind."
Wie wollen die Vereinigten Staaten diesen Krieg gegen den Terror führen, wie ihn gewinnen? Einen langen Kampf hat Bush seinen Landsleuten in Aussicht gestellt: "Nicht bloß eine Schlacht, sondern einen lang andauernden Feldzug - wie wir ihn bisher noch nie erlebt haben."
Dazu gehört der Einsatz sämtlicher verfügbarer Mittel: der Diplomatie, der Nachrichtendienste, aller Instrumente der inneren Sicherheit und der Justiz, das Austrocknen der Finanzquellen, aus denen sich der Terrorismus speist, schließlich die Verfolgung jener Staaten, die den Terroristen Hilfe oder Unterschlupf gewähren. Aber auch das militärische Instrument wird eingesetzt werden. Bush sprach von "bedeutenden militärischen Schlägen, die im Fernsehen zu sehen sein werden, und verdeckten Operationen, die selbst bei Erfolg geheim bleiben werden."
Seit der Kongressrede des Präsidenten zerbrechen sich die Militärexperten der Medien, pensionierte Generäle und akademische Strategen die Köpfe darüber, welche Aktionen das Pentagon wohl plant. Genaues weiß niemand. Doch zweierlei steht fest.
Erstens: Allem Anschein nach wollen die Amerikaner zunächst allein mit den Briten handeln - gestützt zwar auf die Resolution 1368 des UN-Sicherheitsrates und die prinzipielle Rückendeckung durch die Nato, aber nicht im Rahmen der Allianz. Denkbar wäre auch die Mitwirkung französischer Verbände. Allerdings liegen in Paris bisher keine präzisen militärischen Anforderungen vor.
Zweitens: Die Einkreisung Afghanistans ist in vollem Gange. Seit zehn Tagen vollzieht sich rund um das Land am Hindukusch ein gewaltiger militärischer Aufmarsch.
Die Amerikaner haben seit dem Golfkrieg rund 20 000 Soldaten in der Region stationiert (5000 in Saudi-Arabien, 5000 in Kuwait, 5000 an Bord der U. S.-Navy). In Kuwait stehen genug Panzer, Artilleriegeschütze und Lastwagen für eine ganze Heeresbrigade im Depot. Der Flugzeugträgerverband, der normalerweise im Golf patrouilliert, verfügt über rund 75 Kampfflugzeuge (F-14 und F-18); einige weitere Dutzend stehen in Saudi-Arabien, Kuwait und im türkischen Inçirlik.
Inzwischen hat sich im Arabischen Meer der Flugzeugträger Carl Vinson der im Golf postierten Enterprise hinzugesellt. Zwei weitere Träger sind im Anmarsch: die Theodore Roosevelt aus Norfolk und die Kitty Hawk aus dem Pazifik. Jedem Verband gehören 2000 Marineinfanteristen an. Weitere 1500 Marines von der 26. Marine Expeditionary Unit haben in der vorigen Woche Camp Lejeune in Richtung Mittlerer Osten verlassen. Ferner sind die ersten Einheiten der amerikanischen Special Forces - Gesamtstärke: 35 000 Mann - auf den orientalischen Schauplatz verlegt worden, darunter Kampftrupps der Navy Seals,der Delta Forces und des Ranger-Regiments. Auch scheint das Bereitschaftsbataillon der 82. Fallschirmjägerdivision auf dem Weg nach Afghanistan zu sein. Erste Aufklärungseinheiten haben in Usbekistan und Tadschikistan unmittelbar an der afghanischen Nordgrenze Stellung bezogen. Desgleichen sind offenbar schon Kampfflugzeuge dorthin verlegt worden. In Missouri wie auf der Insel Diego Garcia stehen Amerikas Langstreckenbomber mit ihren Marschflugkörpern zum Einsatz bereit.
- Datum 31.07.2006 - 04:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.9.2001 Nr. 40
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