Nichts, aber auch gar nichts" hätten die Anschläge von New York und Washington "mit Religion zu tun", hat Bundeskanzler Schröder vorige Woche im Bundestag erklärt. Man begreift sofort, was damit gemeint war: Kein recht verstandener Glaube legitimiert einen Massenmord, und die Gegenwehr ist daher auch kein Kreuzzug gegen eine Glaubensgemeinschaft. Zugleich aber haben die Anschläge natürlich "mit Religion zu tun". Die Attentäter, ihre Hintermänner und Gesinnungsgenossen sind fanatische Muslime; sie halten den blutigen Kampf gegen den Westen und seine Vormacht Amerika für ein Gebot des Islam. Wie verzerrt und missbraucht auch immer, es sind religiöse Überzeugungen, die den Terror motivieren oder zumindest rechtfertigen müssen.

Der Unterschied von Motivation und Rechtfertigung ist bedeutsam. Vielerorts in der Welt, von Nordirland über den Balkan bis zum Nahen Osten, verlaufen politische Fronten entlang von Konfessions- oder Religionsgrenzen. Der Feind ist der Andersgläubige. Nur heißt das noch nicht, dass er wirklich wegen seines anderen Glaubens der Feind wäre. Es können auch ethnische oder soziale Spannungen sein, die durch den Religionsgegensatz überhöht, aufgeladen oder auch maskiert werden; oft genug ist die Berufung aufs Heilige einfach ein Propagandainstrument in der Hand von Machtcliquen oder Interessengruppen. Gleichviel: Es gibt die Verbreitung von Furcht und Schrecken im Namen der Religion.

Der Begriff, auf den diese angsterregende Erscheinungsform des Religiösen zumeist gebracht wird, lautet Fundamentalismus. Die wenigsten, die ihn verwenden, dürften zu einer genauen Definition fähig sein; in der Regel wird eine Art neues "finsteres Mittelalter" gemeint sein, mit unaufgeklärter Frömmigkeit und gewaltbereiter Intoleranz. Immerhin hat die vage Rede vom Fundamentalismus den Vorzug, sich nicht allein und grundsätzlich gegen den Islam zu richten und damit auch keinem "Kampf der Kulturen" gegen die muslimische Welt Vorschub zu leisten. Eiferertum und Rückständigkeit sind in jeder Glaubensgemeinschaft anzutreffen; der Antifundamentalist wird nationalreligiöse israelische Siedler und bibelfixierte amerikanische Evangelikale mit ähnlichem Misstrauen betrachten wie die Anhänger des politischen Islam. Die Fundamentalismuskritik diskriminiert keine bestimmte Religion. Sie hat freilich die Tendenz, sich zu einem Generalverdacht gegen Religion schlechthin auszuwachsen und jede Orientierung an letzten, absoluten Gesichtspunkten ins trübe Licht der Hinterwäldlerei zu rücken. In der Bioethik-Debatte etwa muss sich gegen Fundamentalismusvorwurf verteidigen, wer das Menschenleben für heilig und damit unantastbar hält.

In seinem ursprünglichen, terminologischen Sinn bezeichnet Fundamentalismus das Wörtlichnehmen einer heiligen Schrift, ihrer Sachaussagen wie ihrer Handlungsnormen. Fundamentalistisch ist etwa die Auffassung, dass Gott die Welt tatsächlich, wie im Buch Genesis geschildert, in sechs Tagen erschaffen hat. Die "Kreationisten", die dies glauben, haben in den Vereinigten Staaten wiederholt den Versuch unternommen, mit ihrer biblisch-buchstäblichen Schöpfungslehre bis in den staatlichen Schulunterricht vorzudringen. Das ist ein zweites typisches Merkmal des Fundamentalismus: sein Unwille, Religion als Privatsache zu verstehen, der Drang, die öffentliche Sphäre nach den eigenen Glaubensüberzeugungen zu prägen. Im Extremfall ist das Ideal die Theokratie, die Gottesherrschaft, in der das offenbarte Gebot zugleich irdisches Gesetz ist, wie besonders in der radikalen Frühphase der Islamischen Republik Iran unter Khomeini oder jetzt bei den afghanischen Taliban.

Die Antimoderne der Moderne

Allerdings muss man vorsichtig sein mit der nahe liegenden Annahme, dass dieser Direktdurchgriff des Glaubens auf das Leben etwas Archaisch-Vorsintflutliches, eben "finsteres Mittelalter" sei. Der Sozialanthropologe Ernest Gellner hat gezeigt, dass die Durchsetzung eines streng schrift- und gesetzesorientierten Islam auf Kosten der viel bunteren traditionellen Volksfrömmigkeit der muslimischen Welt einen enormen Modernisierungsschub gebracht hat, eine ganz neuartige kulturelle Vereinheitlichung und Dynamisierung. Auch sonst ist das Verhältnis des Fundamentalismus zur Moderne bekanntlich durchaus ambivalent; er bedient sich ohne Zögern der technischen Hilfsmittel der Gegenwart und gibt sich in seinem Ressentimentcharakter als Reaktionsphänomen zu erkennen, zutiefst bestimmt vom Westen, gegen den er aufbegehrt. Sucht man eine historische Parallele zu dieser eigentümlichen Verschlingung von Modernität und Antimoderne, so mag sie am ehesten, und das ist einer der wirklich beunruhigenden Aspekte der Sache, im Faschismus zu finden sein.