I S L A M Die arabischen Regime im Schraubstock

Sie wollen sich der Allianz gegen den Terror anschließen. Damit geraten sie in Konflikt mit den Sympathisanten bin Ladens

Kairo

Die vier jungen Männer im Internet-Café im Zentrum Kairos fallen nicht durch wallende weiße Gewänder und lange Bärte auf. Sie tragen ägyptische Jeans, kurzärmelige Sporthemden und sind glatt rasiert. Ein Reporter des arabischen al-Jazeera-TV - der einzige fast zensurfreie Sender der Region, Sitz in Qatar - fragt sie nach Osama bin Laden. "Solange die Amerikaner keine Beweise gegen ihn vorlegen, haben sie kein Recht, Krieg gegen ihn zu führen. Was in New York geschehen ist, lehnen wir ab. Aber Osama bin Laden finden wir gut, er wehrt sich gegen die Arroganz der Amerikaner."

Es sind junge, gebildete Ägypter. Sie haben nichts mit dem islamistischen Extremismus im Sinn, sehen in dem Terrorchef dennoch einen mutigen Kämpfer gegen den übermächtigen Gegner Amerika. Das erscheint widersprüchlich, spiegelt aber die vorherrschende antiamerikanische Stimmung wider. Ähnliche Gefühle wallen überall in der arabischen Welt, ja, in allen Staaten mit großer muslimischer Bevölkerung auf. Die meisten werden von autoritären Regimen geführt, die sich selber vor islamistischen Extremisten fürchten müssen. Die Regierungen, die sich der Allianz gegen den Terror anschließen, können aber oft diese Sympathien vieler ihrer Bürger für die Attentäter nur mühsam zähmen. Ägypten, dessen Präsident Hosni Mubarak dieser Tage mit Gerhard Schröder die Allianz zu festigen sucht, kommt ähnlich wie seinerzeit im Golfkrieg eine bedeutende Rolle im Kampf gegen den Terrorismus zu. Zugleich gerät dieser bevölkerungsreichste der arabischen Staaten durch die Forderungen zum gemeinsamen Vorgehen in größte Schwierigkeiten. Was sich am Beispiel Ägyptens zeigt, dürfte sich auf ähnliche Weise bei den anderen islamischen Parteigängern der Allianz offenbaren.

Amerika pumpt Jahr für Jahr zwei Milliarden Dollar in den ägyptischen Staatshaushalt. Ohne diese Finanzspritze geriete das Regime von Mubarak in Bedrängnis. Mubarak stützt seine Macht vor allem auf das Militär und den Geheimdienst. Durch seine prowestliche Außenpolitik genießt er den politischen Schutz der USA und der EU. Diese übersehen dann auch, dass er Ägyptern mithilfe des Ausnahmezustandes systematisch die Grundfreiheiten entzieht.

Mubarak gilt als verlässlicher Kämpfer gegen die militanten Islamisten. Er hat es tatsächlich in den vergangenen Jahren geschafft, diese gewalttätigen Gruppen weitgehend zu neutralisieren. Das heißt aber nicht, dass die Regierung eine offene Debatte über religiöse und gesellschaftliche Fragen zuließe. Im Staatsfernsehen treten seit Jahren orthodoxe Prediger auf, die einem intoleranten Islam das Wort reden und alle neuen Ideen als intellektuelles Teufelswerk verdammen. Das geschieht mit Zustimmung des religiösen Establishments der Al-Azhar-Universität. An der führenden theologischen Hochschule für den sunnitischen Islam wird ein totalitäres Staats- und ein autoritäres Gesellschaftsverständnis vermittelt: Westliche Freiheitsrechte und demokratische Selbstbestimmung würden die Muslime nur der Gottesherrschaft entfremden und den Verfall der islamischen Kultur herbeiführen. Diese reformfeindliche Haltung vieler orthodoxer Theologen ebnet den militanten Islamisten den Weg. Die Grenzen zwischen dem "offiziellen" orthodoxen Islam und dem Islamismus sind heute fließend.

Gräbt sich das weltliche Regime Ägyptens damit nicht das eigene Grab? Das wohl nicht, denn solange die orthodoxe Geistlichkeit die autoritäre Regierungspolitik unterstützt, dient sie den Herrschenden. Das eigentliche Dilemma Mubaraks - wie das der meisten weltlichen arabischen Politiker - ist dies: Weil der Islam Staatsreligion ist, muss der Präsident, überspitzt gesagt, eine islamische Politik verfolgen oder wenigstens nach außen hin so tun. Nach der Lehre des traditionellen Islam bilden nämlich Staat und Religion eine Einheit. Deshalb betonen die Theologen in al-Azhar, die Regierung habe die Pflicht, der wahren Religion zu dienen und die Vorschriften des islamischen Rechts - der Scharia - mit staatlicher Gewalt durchzusetzen. Das verschafft den muslimischen Rechtsgelehrten großen Einfluss, weil so staatliche und religiöse Macht ineinander greifen.

Bisher gilt die Scharia in Ägypten nur eingeschränkt. Aber die orthodoxen Ulema, die Theologen, gewinnen an Boden, weil das Mubarak-Regime enorme soziale Spannungen abwehren muss und dadurch in die Defensive gerät. Da das weltliche Regime die religiöse Autorität dazu gebraucht, sich die Loyalität der breiten Massen zu erhalten, wird es in gewisser Weise von der "Religion" abhängig. Offenbar nimmt die in Ägypten herrschende Klasse ein bestimmtes Maß an Islamismus in Kauf, billigt ihn sogar, um damit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen schafft das ein Ventil für die unzufriedenen Massen, kommt es doch dem islamischen Trend in der arabischen Welt entgegen. Zum anderen hilft es dem Regime, die Ägypter mit festem Griff zu regieren.

Das Öl gehört allen

Die ägyptischen Verhältnisse machen deutlich, dass von einem Rückzug des Islam aus der Politik keine Rede sein kann. Ähnlich wie vor dem Krieg gegen Saddam Hussein 1991 besteht heute für die Amerikaner die Schwierigkeit darin, ihre arabischen Verbündeten für eine Koalition zu gewinnen, die gegen ein anderes islamisches Land - Afghanistan - gerichtet ist. Da die Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terrorismus auch militärische Mittel einsetzen wollen, fürchten die Herrscher Volksaufstände in der islamischen Welt. Ein amerikanischer Vergeltungsschlag, der nicht vom UN-Sicherheitsrat gebilligt wäre und in Afghanistan sowie in den angrenzenden islamischen Ländern eine humanitäre Katastrophe auslösen würde, könnte aufgebrachte Muslime vom Atlantik bis zum Indischen Ozean auf die Barrikaden bringen.

Jene Studenten in dem Internet-Café hassen Amerika, weil sie glauben, die Amerikaner missachteten die Araber und ihre Kultur. Diese Missachtung manifestiert sich für sie in der vorbehaltlosen Unterstützung und Parteinahme für Israel. Die vergangenen Monate, in denen George W. Bush so tat, als gehe ihn Palästina nichts an, als der amerikanische Präsident die wild um sich schlagenden Palästinenser der israelischen Militärmaschinerie überließ, gilt ihnen als der letzte Beweis. Sie meinen, Amerika sei dafür verantwortlich, dass Israel den Palästinensern zwar "großzügig" einen "Bantustan-Staat" erlaubt, ihnen jedoch nicht das Recht einräumen will, das es für sich selber in Anspruch nimmt: einen souveränen Staat auf palästinensischem Boden. Das finden sie unerträglich und verlangen von Amerika, auch die Araber mit ihren Anliegen ernst zu nehmen.

So berechtigt die Kritik an der amerikanischen Nahostpolitik auch sein mag, ein guter Teil des Antiamerikanismus in Ägypten ist direkt auf die Kampagnen der staatlich gelenkten Medien zurückzuführen. Da die Menschen in Ägypten - und in anderen arabischen Ländern - ihre eigenen Regierungen nicht offen kritisieren dürfen, liefern diese Staaten ihren Bürgern das Feindbild Amerika immer dann frei Haus, wenn sie von eigenem Versagen ablenken wollen.

Für viele Islamisten sind Amerika und Europa pauschal für den Niedergang der arabischen Welt verantwortlich. Das Elend der Araber, behaupten sie, liege an der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vorherrschaft des Westens, die faktisch seit der Landung der französischen Legionen 1798 in Ägypten bestehe.

Die Gesinnungsgenossen von Osama bin Laden gehen noch weiter. Für sie steht fest: Die Amerikaner wollen die islamische Welt klein halten - durch die Zersplitterung der "Umma", der islamischen Gemeinschaft, in Scheichtümer, Emirate, Ministaaten und künstliche Nationalstaaten. Sie wollen den Muslimen Befehle geben, während amerikanische Firmen arabisches Öl fördern und arabisches Geld an westliche Banken fließt. Und schließlich: Der Ölreichtum am Golf, so die Gefolgsleute bin Ladens, gehöre der Umma, also allen Muslimen und nicht irgendwelchen Scheichs, Königen oder Herrscherfamilien. Solche Töne sind gefährlich für die Potentaten am Golf, besonders in Zeiten der Krise.

Gottloser König

Vor allem die saudische Königsfamilie muss auf der Hut sein, weil Osama bin Laden in Saudi Arabien beliebter ist, als sie wahrhaben wollen. Die Präsenz von fast 6000 amerikanischen Soldaten auf saudischem Boden entweihe die "heilige islamische Erde", predigt bin Laden und spricht das aus, was viele saudische Rechtsgelehrte denken. Bin Laden prangert die "gottlose" Politik von König Fahd an und bestreitet die Legitimität seiner Herrschaft. Die Doppelstrategie der Saudis, sich durch Wohlverhalten des amerikanischen Schutzes zu vergewissern und gleichzeitig islamistische Gruppen weltweit finanziell zu fördern, soll jetzt auf Betreiben der USA ein Ende nehmen.

Der Königsfamilie wäre es lieber, die amerikanische Luftwaffe würde ihre ultramoderne Kommandozentrale in der Nähe der Hauptstadt Riad nicht benutzen, um von dort den Feldzug zu koordinieren. Hilfe im Kampf gegen den Terrorismus wollen die Saudis und die anderen Golfaraber den Amerikanern zwar geben, wahrscheinlich durch Weitergabe von Informationen und das Unterbinden der Geldströme an die Islamisten. Doch sie wagen es nicht, die muslimischen Völker gegen sich aufzubringen, indem sie offen einer militärischen Allianz beitreten, die gegen andere Muslime gerichtet ist. Seit der irakischen Invasion Kuwaits 1990 waren sie nicht mehr in einer solch verzwickten Lage.

Außerdem sind sie verärgert, dass die USA ihr Versprechen nach dem Golfkrieg 1991 nicht gehalten haben. Damals hatten die Amerikaner zugesagt, den Palästinensern gegen Israel zu helfen. Nun meinen die Golfstaaten, dass Washington sich immer, wenn es darauf ankam, auf die Seite Israels geschlagen habe. Deshalb forderten die Außenminister des Golfkooperationsrates am 23. September die Völkergemeinschaft auf, auch die"staatsterroristischen Aktionen" der israelischen Regierung nicht zu übersehen und diesen entgegenzuwirken - eine deutliche Botschaft an die Amerikaner.

 
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  • Schlagworte Religion | Islamismus | Terrorismus | Islam
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