In der Spur einer Toten
Luc Bondy inszeniert "Auf dem Land" am Schauspielhaus Zürich
Die Schauspielerin Susanne Lothar spielt derzeit nur sitzende Frauen: Frauen, die nicht handeln, nicht kämpfen, nichts wollen. Sie sitzen da und durchschauen die Welt der Männer. Sie starren ins Leere und erfassen doch die Kerle, die um sie herumhuschen
es lohnt sich nicht, aufzustehen und Augenkontakt mit ihnen zu suchen. Denn wer steht, hat was vor
wer was vorhat, lügt.
In Yasmina Rezas Komödie Drei Mal Leben, vergangenen Herbst von Luc Bondy in Wien uraufgeführt, spielte Susanne Lothar die kluge Pariserin Sonja, die, ohne sich vom Sofa zu erheben, das männliche Karrieregetümmel ihrer Stadt begriff. Eine unberührbare Grazie, frustgefroren, Blicke aus Augenschlitzen feuernd. Im nächsten Moment würde sie fliehen und nie wiederkommen.
Dem Zuschauer kam damals der Verdacht, dass dies die großen bürgerlichen Frauenrollen unserer Tage sein könnten: brütende Wesen, die sich gleich erheben und die Männer verlassen werden.
Jetzt ist es wieder Herbst, und der Regisseur Bondy lässt die Schauspielerin Lothar wieder auf der Bühne Platz nehmen, diesmal im Schauspielhaus Zürich.
Doch die Frau, die nun hier sitzt, wird bleiben
sie hat keine Wahl. Sie will ja berührt werden. Und sie sitzt nicht in einer Metropole, sondern im Schlamm, auf dem Land. Sie hat den Fehler gemacht, mit einem Mann aus der Stadt zu fliehen. Sie hätte lieber vor ihm fliehen sollen.
Auf dem Land, das neue Stück des 45jährigen Engländers Martin Crimp, handelt von einem Ehepaar, das neu anfängt, weil es zu feige ist, aufzuhören. Also verlässt man nicht den Partner, sondern den Ort des Unglücks. Richard, der Arzt, und Corinne, seine Frau, leben nun in einem hohen, dunklen Bauernhaus und sind, nach Jahren als Paar, wieder schamhaft und scheu, unlesbar füreinander. Sie gingen aufs Land, weil die Stadt die Leute verrückt macht.
Aber das Land ist voll von Städtern, die zu spät geflohen und schon verrückt sind.
Eines Abends schleppt Richard eine ohnmächtige Frau ins Haus, die er angeblich draußen am Straßenrand fand. Luc Bondy zeigt zum Auftakt eine Szene, die nicht im Text steht, ein entscheidendes Traumbild: der Ehemann, von der Ehefrau dabei ertappt, wie er einen Frauenkörper über der Schulter trägt. Der Mann grinst. Licht aus.
Von Corinnes Stirn biegt sich ein Haar bis hinab zum Brustbein und teilt ihren Horizont, schwingt wie eine Antenne in ihren Blick. Von diesem Fühler bezieht sie ihre Informationen, das Hexensträhnchen ist Symbol all dessen, was in ihr eingesponnen bleibt. Man könnte sich vorstellen, dass sie sich eine Punkerratte als Vertraute hält, ein Tier, das sich auf ihrer Schulter sonnen und in den Ärmeln ihrer Jacken verbergen könnte. Corinne ist graziös und starr, eine geheime Energie brennt in ihr: der Stolz auf das ungelebte, aber von ihr leuchtend ausgedachte Leben. Es hat in Corinnes Biografie Missbrauch gegeben, kein Zweifel, ihr Gesicht verrät einen immerwachen Schrecken. Susanne Lothar sitzt sehr aufrecht, und ihre Augen peilen in die Dunkelheit hinter ihrem Rücken. In solchen Momenten kommt sie, aus einer eigenen Richtung, dem stoischen Komiker des Unglücks, Buster Keaton, nahe.
Das Dunkle hinter ihrem Rücken ist Richard, ihr Mann. Richard ging aufs Land, um clean zu werden. Vermutlich teilte er in der Stadt das Rauschgift mit einem Mädchen namens Rebecca, jener Frau, die er später ohnmächtig in sein Bauernhaus schleppt. Corinne ahnt das alles, sie hat ja ihre Antenne.
Der Schauspieler August Zirner stellt Richard auf geschmeidige Hüften. Der Mann ist nicht nur gelenkig, er ist ganz Gelenk. Er weicht dem Leben aus.
Seine Ehe mit Corinne ist eine Geschichte der Vermeidungen: Zuerst umging man nur die heißen Themen, am Ende umgeht man einander. Richard ist ein durchlässiger Mann, ein Virtuose des Sich-hängen-Lassens: fließende Bewegungen, einwärts gebogene Gelenke - ein konkaves Wesen, nach innen gewölbt. In die Ärmel ziehen sich die Hände zurück, und mit seiner Körpersprache will er annulieren, was er Corinne antut. Richard glaubt, ein sanfter Mensch zu sein
seine Bewegungen sind rund und ausgleichend. Würde man aber sein Körperspiel filmen und beschleunigt abspulen, dann zeigte sich, dass Richard eine rigorose Abwehrschlacht schlägt
er pariert Angriffe. Wie bei vielen Männer von gehobenem Status ist sein Leben nur noch souveräne Schuldableitung: vertuschen, ablenken, Zeit gewinnen.
Was ist seine Schuld? Crimp deutet es raunend an, dabei größere Meister des Absurden und des psychologischen Realismus zitierend, ohne selbst übers souveräne Sampling hinauszukommen. In seinem Stück hallen Pinter und Beckett nach. Eine große Lust an der sich selbst befragenden, zerlegenden, schälenden Sprache ist spürbar
man glaubt seinen Figuren, dass sie Zungen, nicht aber, dass sie Köpfe haben. Bondy und sein Ensemble schaffen es mit hohem schauspielerischen Erfindungsreichtum, uns die begrenzte Fähigkeit des Dramatikers als die Strategie seiner Figuren zu verkaufen: Zwischen Corinne und Richard herrscht Spannung wie in einer zugespitzten weltpolitischen Situation. Sie sind behext von der eigenen Rhetorik, wie man es nur von Juristen kennt. Bevor einer spricht, wiederholt er den letzten Satz des anderen. Man zitiert das Protokoll. Sie sind so versessen auf die Präzision des Ausdrucks, dass immer größere sprachliche Sicherheitszonen zwischen ihnen entstehen. Am Ende ist Rebecca, die störende Dritte, fort. Anna Böger spielte sie als ein schwergliedriges, schläfriges, abenteuerlustiges, gutmütiges, weises Hippiekind, eine Spitzentänzerin im Körper einer Athletin. Ist Rebecca geflohen? Wurde sie erschlagen von Corinne? Ermordet von Richard?
Corinne sitzt wieder in ihrem Sessel, das ehemals braune Haar ist jetzt blond, der Mund maskenhaft rot: Etwas muss vertuscht werden, da ist es besser, sich auch selbst zu vertuschen. Corinne hat Geburtstag, und Richard schenkt ihr die hochhackigen Schuhe, die zuvor Rebecca trug. Er atmet schwer.
Man weiß nicht, woran der Mann sich so erregt: an seiner Frau oder an den Schuhen, mit denen sie sich, so muss man wohl sagen, beschlagen ließ. Corinne wird in der Spur einer mutmaßlich Toten gehen bis zum eigenen Ende. Zuletzt fordert Richard sie zum Tanz, doch rasch und entfesselt dreht er von ihr weg, tanzt allein und behält die Fernbedienung der Stereoanlage in der Hand: Die Herrschaft über die Stimmungen bleibt bei ihm. Und Corinne sitzt. Sie wird Richard folgen, wie Marianne in den Geschichten aus dem Wiener Wald ihrem Schlachter folgt: Es ist unmöglich, solcher Liebe zu entkommen.
- Datum 27.09.2001 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 40/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren