In der Spur einer TotenSeite 3/3
Seine Ehe mit Corinne ist eine Geschichte der Vermeidungen: Zuerst umging man nur die heißen Themen, am Ende umgeht man einander. Richard ist ein durchlässiger Mann, ein Virtuose des Sich-hängen-Lassens: fließende Bewegungen, einwärts gebogene Gelenke - ein konkaves Wesen, nach innen gewölbt. In die Ärmel ziehen sich die Hände zurück, und mit seiner Körpersprache will er annulieren, was er Corinne antut. Richard glaubt, ein sanfter Mensch zu sein
seine Bewegungen sind rund und ausgleichend. Würde man aber sein Körperspiel filmen und beschleunigt abspulen, dann zeigte sich, dass Richard eine rigorose Abwehrschlacht schlägt
er pariert Angriffe. Wie bei vielen Männer von gehobenem Status ist sein Leben nur noch souveräne Schuldableitung: vertuschen, ablenken, Zeit gewinnen.
Was ist seine Schuld? Crimp deutet es raunend an, dabei größere Meister des Absurden und des psychologischen Realismus zitierend, ohne selbst übers souveräne Sampling hinauszukommen. In seinem Stück hallen Pinter und Beckett nach. Eine große Lust an der sich selbst befragenden, zerlegenden, schälenden Sprache ist spürbar
man glaubt seinen Figuren, dass sie Zungen, nicht aber, dass sie Köpfe haben. Bondy und sein Ensemble schaffen es mit hohem schauspielerischen Erfindungsreichtum, uns die begrenzte Fähigkeit des Dramatikers als die Strategie seiner Figuren zu verkaufen: Zwischen Corinne und Richard herrscht Spannung wie in einer zugespitzten weltpolitischen Situation. Sie sind behext von der eigenen Rhetorik, wie man es nur von Juristen kennt. Bevor einer spricht, wiederholt er den letzten Satz des anderen. Man zitiert das Protokoll. Sie sind so versessen auf die Präzision des Ausdrucks, dass immer größere sprachliche Sicherheitszonen zwischen ihnen entstehen. Am Ende ist Rebecca, die störende Dritte, fort. Anna Böger spielte sie als ein schwergliedriges, schläfriges, abenteuerlustiges, gutmütiges, weises Hippiekind, eine Spitzentänzerin im Körper einer Athletin. Ist Rebecca geflohen? Wurde sie erschlagen von Corinne? Ermordet von Richard?
Corinne sitzt wieder in ihrem Sessel, das ehemals braune Haar ist jetzt blond, der Mund maskenhaft rot: Etwas muss vertuscht werden, da ist es besser, sich auch selbst zu vertuschen. Corinne hat Geburtstag, und Richard schenkt ihr die hochhackigen Schuhe, die zuvor Rebecca trug. Er atmet schwer.
Man weiß nicht, woran der Mann sich so erregt: an seiner Frau oder an den Schuhen, mit denen sie sich, so muss man wohl sagen, beschlagen ließ. Corinne wird in der Spur einer mutmaßlich Toten gehen bis zum eigenen Ende. Zuletzt fordert Richard sie zum Tanz, doch rasch und entfesselt dreht er von ihr weg, tanzt allein und behält die Fernbedienung der Stereoanlage in der Hand: Die Herrschaft über die Stimmungen bleibt bei ihm. Und Corinne sitzt. Sie wird Richard folgen, wie Marianne in den Geschichten aus dem Wiener Wald ihrem Schlachter folgt: Es ist unmöglich, solcher Liebe zu entkommen.
- Datum 27.09.2001 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 40/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren