I N T E R V I E W Militäraktionen in Afghanistan
Elke Durak im Gespräch mit Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident
Thierse: Guten Morgen Frau Durak.
Durak: Herr Thierse, betreiben wir denn
tatsächlich das Geschäft der Terroristen, wenn
wir unsere demokratischen Rechte einschränken, wie es
Günter Grass formuliert hat an diesem Wochenende?
Thierse: Ich glaube nicht, dass wir das tun, aber die
Warnung ist durchaus verständlich, denn das
müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir bei der
Verteidigung unserer Freiheit, bei der Verteidigung der offenen
Gesellschaft - gegen die sich ja der Anschlag von New York
gerichtet hat -, ob wir da die Freiheit selber beschädigen
oder kaputt machen und unsere offene Gesellschaft
abschließen. Das ist genau immer der Punkt, wo man bei
jeder einzelnen Maßnahme, jeder einzelnen Strategie
fragen muss: Dient das dem Schutz der Freiheit oder schadet ihr
das?
Durak: Günter Grass ist ja nicht der einzige
deutsche Schriftsteller, der sich jetzt in diesen Tagen sehr, sehr
kritisch zu Wort gemeldet hat, was Maßnahmen der inneren
Sicherheit betrifft, auch was Außenpolitik betrifft - die
Kritik an den USA. Sind Sie denn, Herr Thierse, der Meinung, dass
das, was wir hier bis jetzt bei uns beschlossen haben, die
demokratischen Rechte und Freiheiten aushöhlt?
Thierse: Ich glaube nicht. Da ist zunächst mal -
muss man sagen - der Staat, und die Politiker haben doch die
verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Bürger zu
schützen, ihrem Sicherheitsbedürfnis angemessen
nachzukommen, ohne - wie gesagt - die Freiheit selber zu
beschädigen. Wenn der Staat das nicht tut, dann verletzt
er einer seiner grundlegenden Funktionen. Wenn die Politiker das
nicht tun, verletzen sie ihre Pflicht, und - ich will daran
erinnern - wenn der Staat und wenn die Politiker das nicht tun,
dann werden eine zunehmende Anzahl von Bürgern nach ganz
anderen Dingen und nach ganz anderen Personen schreien. Das muss
man sehr nüchtern sehen. Und deswegen geht es darum, zu
sagen: Was hilft gegen die Gefahr, die ja viele verspüren.
Und die meisten Deutschen sind ja der Meinung, dass der Anschlag
sich nicht nur gegen New York gerichtet hat, sondern dass auch wir
mit gemeint sind und dass wir auch Objekt nächster
terroristischer Angriffe sein können. Wir haben
schließlich gehört, dass die sogenannten
'Schläfer' bei uns sind, dass bei uns diese
terroristischen Anschläge mit vorbereitet worden sind,
dass es bei uns auch in einer sehr begrenzten Anzahl Menschen gibt,
die Fanatiker sind, Fundamentalisten, Terroristen. Dass man sich
gegen die schützt, ist doch selbstverständliche
Pflicht; und man muss ja auch sich gegen Verbrecher
schützen. Man muss auf dieser Ebene denken und handeln. Es
geht nicht einfach um die Frage: Führen wir einen Krieg?
Sondern - wie hat es Erhard Eppler gesagt - es handelt sich hier um
eine Form von privatisierter marodierender Gewalt, die
natürlich ideologisch begründet ist, die sich
anders formiert als wir bisher unter Kriegsgewalt verstanden
haben.
Durak: Dass man sich schützt und dass wir uns
schützen dagegen ist wohl selbstverständlich. Die
Frage oder der Diskussionspunkt liegt ja immer darin, wie weit das
geht - also jetzt beispielsweise Fingerabdrücke in
Reisepässen oder etwas anderes. Was soll man diesen
Menschen sagen, die einfach besorgt sind, die Angst haben, dass
über die Strenge geschlagen wird?
Thierse: Also, man muss mit ihnen sehr nüchtern
diskutieren. Wenn man gegen etwas ist, muss man fragen,
wofür ist man, was könnte der Ausgleich sein? Um
es im einzelnen durchzugehen: Dass Flüge begleitet werden
durch so genannte Sky Marshalls; dass wir das Religionsprivileg
eingeschränkt haben, damit nicht unter dem Deckmantel der
Religion Extremismus vorbereitet wird; dass die Dienste besser
zusammenarbeiten, dass ihre Informationen, die sie
mühselig genug zusammentragen, dass die auch was wert sein
können; dass man nachfragt, wenn Leute nach Deutschland
kommen und hier um Asyl oder Aufenthalt nachsuchen: Das - denke ich
- ist alles vernünftig. Bei der Rasterfahndung - das ist
ein Instrument, wo ich weder sicher bin, ob es wirklich hilft, aber
ich bin auch nicht so sicher wie mancher andere, dass es von
solcher Gefährlichkeit ist. Wenn man immer das Bewusstsein
hat: Wir setzen Instrumente ein - auf Zeit, angemessen einer
gefährlichen Herausforderung, rechtsstaatlich kontrolliert
und in der Überzeugung, dass wir das auch wieder, wenn die
Gefahr wirklich gebannt ist - wir wissen nicht, um welch lange
Phase es geht -, dass wir diese Instrumente wieder aussetzen. Und
dass was geht in der deutschen Demokratie, dafür ist die
Rasterfahndung selber ein Beispiel. Wir hatten sie einmal, sie ist
wieder abgesetzt worden. Also ich glaube, diese Demokratie hat
schon Kraft genug, sich zu wehren, neue Instrumente einzusetzen -
aber von ihnen auch wieder Abschied zu nehmen, wenn die Gefahr
gebannt ist.
Durak: Da Sie ja die Beispiele selbst aufgeführt
haben, will ich das eine noch anbringen - schon erwähnt -
Fingerabdrücke in Reisepässen. Sind sie
dafür oder dagegen?
Thierse: Also, zunächst einmal erschrickt einem
natürlich der Gedanke. Aber dann sage ich: Ich habe ja
auch nichts dagegen, dass mein Passbild im Ausweis ist. Die
Amerikaner kennen so etwas nicht, die US-Amerikaner. Wir haben so
etwas. Also, dass meine Identität eindeutig zweifelsfrei
ist, dass ich nicht verwechselt werde mit jemand anderem,
schränkt ja meine Freiheit nicht ein. Das Problem ist ein
anderes: Wenn ohne Kontrolle durch irgend jemand Daten
über Personen - Bürger dieses Landes - so
zusammengetragen werden und möglicherweise gegen ihn
verwendet werden können, gegen ganz normale unbescholtene
Bürger. Und deswegen ist immer der Punkt: Wie
können wir rechtsstaatlich durch richterliche Kontrolle,
unabhängige Institutionen, die Verwendung solcher
gelegentlich prekäre Mittel kontrollieren.
Durak: Herr Thierse, zurück zu dem, was sich in
den Herzen und in den Köpfen der Menschen abspielt, die
jetzt zunehmend auf die Straße gehen. Gestern Abend haben
wir in mehreren Städten Deutschlands Demonstrationen
gehabt - mit wenigen hundert bis zu 3.000 auch in Berlin. Es sind
ja nicht nur deutsche Schriftsteller, die warnen. Die Zahl nimmt zu
derjenigen, die sich 'friedensbewegt' - sage ich mal, in
'Anstrichen' - für mehr Nachsicht einsetzen, die sich
dafür einsetzen, dass nicht unkontrolliert
Militäreinsätze vonstatten gehen in Afghanistan.
Findet da ein Teil unserer Gesellschaft seine Sprache wieder?
Thierse: Oder sie fällt zurück in eine
alte Sprache - könnte man auch sagen, denn
zunächst muss man feststellen: Die Amerikaner haben fast
vier Wochen gewartet. Sie haben geprüft, sie haben
politische Bündnisse geschmiedet, sie haben wider aller
Erwartungen sich politisch verhalten. Alle wissen - die
US-amerikanische Regierung eingeschlossen -, dass
militärische Aktionen bestenfalls ein Teil der
Lösung sein kann, bestenfalls die Voraussetzung
für die Lösung des Terrorismusproblems
verändern kann. Aber an dieser Stelle muss man doch dann
auch sagen: Es geht doch nicht einfach nur um ein Problem, wie ich
es selber genannt habe, sondern es geht um Täter und ihre
Hintermänner - wenn man so will, um eine Art von
internationaler Terrororganisation, unterstützt von
Staaten - vermutlich von Afghanistan nach allem, was wir wissen,
möglicherweise auch von anderen. Und ich bitte, sich daran
zu erinnern, dass auch im innerstaatlichen Verkehr Staat und
Polizei die Pflicht haben, Verbrecher zu fassen, ihre
Hintermänner zu stellen. Gegen eine Mafia, die
Rauschgifthandel und Menschenhandel betreibt - um diesen Vergleich
zu nennen -, hilft nicht, einfach den Dealer zu erwischen, sondern
ich muss die Organisation zerschlagen. Und auf internationaler
Ebene findet nun dasselbe statt. Alle diejenigen, die jetzt von
Frieden reden, müssen begreifen, dass es nicht um einen
Krieg in dem uns auf schrecklichste Weise vertrauten Sinne des
Wortes handelt, sondern um eine andere Art von Gewalt - also wie
Erhard Eppler es nannte -, um privatisierte Gewalt, gegen die der
traditionelle Pazifismus eine unangemessene Reaktion ist. Dieser
Pazifismus weiß überhaupt nicht, wie man sich
dieser Gefahr erwehren kann, denn man muss die Täter und
ihre Hintermänner und die Organisation bekommen, sonst
wird man all die Probleme nicht lösen können,
über die wir reden müssen: Bitterste Armut, die
Ungerechtigkeiten der Globalisierung, die kulturelle
Herausforderung im Dialog und in der Auseinandersetzung mit dem
Islam - sei es die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus,
und die vielen anderen Dinge, über die sinnvoller weise
geredet werden kann, auch über die politischen Fehler, die
die USA in den vergangenen Jahrzehnten begangen haben. Das
gehört selbstverständlich dazu. Amerikanische
Außenpolitik bleibt kritisierbar, auch wenn wir uns jetzt
solidarisch verhalten.
Durak: Herr Thierse, beobachten Sie eigentlich einen
Unterschied in der Haltung Ostdeutscher zu der Haltung
Westdeutscher - sowohl zu den USA als auch zu den
verschärften Maßnahmen der inneren
Sicherheit?
Thierse: Ich bin nicht ganz sicher. Ich glaube - das ist
ja erklärlich -, dass die meisten der Ostdeutschen nicht
ein so enges emotionales Verhältnis zu den USA haben wie
viele Deutsche im Westen. Das ist doch erklärlich aus der
vergangenen Geschichte in 40 Jahren, aus biographischen
Zusammenhängen. Erstens. Zweitens: Es gibt in
Ostdeutschland eine durchaus - ich kritisiere das
überhaupt nicht - unpolitischere Emotionalität in
Zusammenhang mit dem Begriff 'Frieden', viel
größere Ängste davor, dass
plötzlich kriegerisches Geschehen militärischer
Auseinandersetzungen, also Terroranschläge, auch nach
Deutschland kommen könnten - also sozusagen eine
stärkere Emotionalität. Aber ich bin nicht ganz
sicher, ob dann insgesamt der Unterschied zwischen Ost- und
Westdeutschen so riesig ist.
Durak: Dankeschön. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
© Deutschlandfunk 2001
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




