P O R T R Ä T
Ein ehrenwerter General
Pakistans Staatschef Musharraf ist ein Mann der Armee. Aber wer wird ihm gehorchen?
Islamabad
Pervez Musharraf befehligt eine Armee, die im indopakistanischen Krieg 1965 eine Wanduhr erbeutet hat. Die Uhr steht in einem Schaukasten des Armeemuseums von Rawalpindi: "Erbeutet im Oktober 1965 an der Bahnhofsstation von Kham Kharan."
Natürlich ist Musharraf auch der Oberbefehlshaber einer halben Million Soldaten. Seine Streitmacht verfügt seit 1998 über Atombomben und Raketen mittlerer Reichweite, die weltweit Schockwellen auslösten, als sie getestet wurden. Und schließlich hat sich Musharraf 1999 in den pakistanischen Präsidentensessel geputscht. Er ist zweifellos der mächtigste Mann in Pakistan.
Trotzdem lohnt es sich, kurz bei dem kuriosen Beutestück zu verweilen, das im Armeemuseum ausgestellt ist. Von ihm ausgehend mag sich einiges sagen lassen über Pervez Musharraf, seine Armee, sein Pakistan und darüber, ob er das Zeug hat, die gegenwärtige Krise zu meistern.
Musharraf hatte gerade erst als Artillerieoffizier ein Jahr gedient, als er gegen die Inder in den Kampf zog. Kameraden von damals ist er als "mutiger Soldat" in Erinnerung geblieben, "klug, umsichtig, entschlossen". Der Krieg endete mit einem Waffenstillstand. Einflussreiche politische Kreise hatten ihn jedoch als Schmach und unnötige Niederlage empfunden. Die schlimmsten Befürchtungen, die bei Staatsgründung 1947 geäußert wurden, hatten sich bewahrheitet: Pakistan hatte mit Indien im Osten einen übermächtigen Gegner, im Westen mit Afghanistan ein Land, dessen verschiedene Regierungen bis heute die Grenze, die von der britischen Kolonialmacht 1893 gezogen wurde, nie anerkannt haben - Pakistan war eingeklemmt.
Dreimal von Amerika enttäuscht
1965 kam freilich noch ein anderes, traumatisches Erlebnis dazu. Die USA, die bis dahin Pakistans Armee mit Waffen, Material und Ausbildung versorgt hatten, straften das Land inmitten des Kriegs gegen Indien mit einem Waffenembargo. Das wirkt bis heute nach. "Sie verhandeln mit uns, wenn sie uns brauchen", sagt Shireen Mazari vom Institut für Strategische Studien in Islamabad, "wenn sie uns nicht mehr brauchen, lassen sie uns fallen. Das haben wir bereits dreimal erlebt."
In der Tat ließen die Vereinigten Staaten die Pakistani auch im Stich, als sie 1971 eine verheerende Niederlage gegen die Inder erlitten und gleichzeitig in einem Bürgerkrieg Ostpakistan (Bangladesch) verloren. Als die sowjetische Armee 1978 in Afghanistan einmarschierte, päppelten die Amerikaner Pakistan als Bollwerk gegen den Kommunismus auf, kaum waren die Sowjets 1989 abgezogen, versank das Land wieder in Vergessenheit. Es hatte seine Funktion erfüllt.
Jetzt hat sich das Rad wieder gedreht. Nachdem die Amerikaner Osama bin Laden und die ihn beschützenden Taliban zum Feind erkoren haben, ist Pakistan wieder Frontstaat geworden. "Entweder ihr seid auf unserer Seite oder auf der Seite unseres Feindes", sagten amerikanische Emissäre zu Musharraf wenige Tage nach den Anschlägen in New York und Washington. Eine Wahl war das eigentlich nicht, sondern ein Ultimatum, das Musharraf bereitwillig akzeptierte. Im Gegenzug wurden viele bestehende Sanktionen gegen sein Land aufgehoben. Kaum jemand will mehr wahrhaben, aus welchem Grund Pakistan damit belegt worden war: wegen seines Nuklearprogramms und wegen des Militärputsches. Weder das eine noch das andere hat sich geändert. Aber Pakistan ist wieder ein enger Partner der USA - ein frontline state. Der Druck aus Washington war für Musharraf eine willkommene Gelegenheit, sich reinzuwaschen.
Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was Musharraf gedacht hat, als die Amerikaner ihn aufsuchten. Er wird zumindest mit Misstrauen zugehört haben, vielleicht auch mit einem Schuss Bitternis. Denn Musharraf hat damals - im Jahr 1965 - als blutjunger Mann erlebt, wie eine ganze Generation pakistanischer Offiziere in Verwirrung stürzte.
Nahezu sämtliche Kader zwischen 1950 und 1965 waren in oder von den USA ausgebildet worden, die Waffentechnik, Taktik, Strategie - alles war nach dem amerikanischen Modell geformt. Als 1965 die USA plötzlich das Waffenembargo verhängten, brach für diese Offiziere eine Welt zusammen. Das hat ein bleibendes Gefühl hinterlassen, das der Experte für Pakistans Armee, Stephen Cohen, so umschreibt: "Sie wissen, wer ihre Feinde sind, aber sie sind sich nicht sicher, wen sie zu ihren Freunden zählen können."
Musharraf also ist in einer Armee groß geworden, die zwangsläufig zu tiefem Misstrauen erzogen wurde. Die Konsequenz war eindeutig: Die Armee verließ sich, so weit wie möglich, auf die eigenen Kräfte. Dazu aber musste sie vor allem wissen, was sie war und wozu sie da war. Es war die Frage nach ihrer Identität.
Die Suche begann bei den Anfängen des Staates. Pakistan war als islamische Republik geboren worden, seine Armee konnte daher gar nicht anders als islamisch sein. Die Debatte darüber, was dies bedeutet, dauert bis zum heutigen Zeitpunkt an. Wie kann man ein professioneller und das heißt in diesem Fall nach westlichem Muster ausgebildeter Soldat sein und gleichzeitig ein guter Muslim? Diese Frage stellt sich jetzt verschärft, da die USA dem Terror den Krieg erklärt haben.
Es gibt zwei Männer, die eine jeweils unterschiedliche Antwort auf diese Frage verkörpern. Und sie lassen einen erahnen, zwischen welchen Strömungen der pakistanischen Armee Musharraf heute steht. Der eine ist General Zahir ul Islami Abbasi, der andere General Mirza Aslam Beg.
Abbasi war 1995 in einem gescheiterten Putschversuch gegen die eigene Armeeführung verwickelt. "Der einzige gescheiterte Versuch in der Geschichte Pakistans", wie der Rifaat Hussein vom Islamabader Institut für Verteidigung und Strategie hervorhebt. "Das spricht für den Korpsgeist der Armee und unterscheidet sie von den meisten anderen Streitkräften der Dritten Welt."
Aslam Beg hingegen war bis 1991 Generalstabschef und gilt als der Erfinder und Propagandist des Konzepts der so genannten strategischen Tiefe - das in den vergangenen Jahren Pakistans Verhältnis zu Afghanistan und den Taliban prägte.
Wer Aslam Beg aufsucht, der versteht sofort, dass seine Leidenschaft und wohl auch seine Sorge immer noch Pakistans prekärer geostrategischer Lage gilt. Im Wartezimmer seines einflussreichen Instituts für regionale Kooperation, "Friends", hängt eine gewaltige Landkarte an der Wand: Türkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, die zentralasiatischen Republiken. Das ist der Horizont, in dem Beg sich bewegt, es ist der Rahmen, in dem er die nationalen Interessen seines Landes absteckt und die jetzigen Vorstöße der USA beurteilt.
Vor diesem Hintergrund hat Beg das Konzept der strategischen Tiefe entwickelt: Pakistan benötige angesichts seines Erzfeindes Indien im Osten ein "freundliches Umfeld" im Westen. "Das ist sehr oft missverstanden worden", sagt Beg, "ich meinte nicht nur ein militärisches Hinterland. Mein Modell war die Europäische Union: also eine Integration auf allen Ebenen!"
Das Mittel der neunziger Jahre, um für Pakistan strategische Tiefe zu erzielen, waren die Taliban. Großgezogen, eingewiesen und häufig geführt von dem mächtigen pakistanischen Militärgeheimdienst ISI, eroberten die Taliban zwischen 1992 und 1996 rund 90 Prozent Afghanistans. Pakistan erkannte die Taliban-Regierung sofort an, neben Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Heute ist Pakistan der einzige Staat der Welt, der noch Kontakt zu ihr hält. Die Taliban schienen zu garantieren, was Aslam Beg wollte: Ruhe und Ordnung in Afghanistan, sichere Straßen, auf denen sich der Handel zwischen seinem Land und Zentralasien entwickeln sollte, und eine alles in allem Pakistan zugewandte Regierung.
Aslam Beg betrachtete die Taliban zwar als ein Instrument, einen einsetzbaren Chip in einem großen Spiel, aber er ist bis heute davon überzeugt, dass ihr Regime "der wahre Ausdruck afghanischen Stammeswillens ist. Die Taliban sind nicht vom Himmel gefallen!"
"Der Muslim gewinnt oder stirbt"
Er unterstützt die Entscheidung Musharrafs, sich in die Koalition "gegen den Terror" einzureihen - aber nur, weil es keine andere Möglichkeit gab. "Es ist schlecht, ein Feind der Amerikaner zu sein, es ist aber genauso schlecht, ihr Freund zu sein." Beg begründet diese Meinung nicht nur historisch, sprich mit dem Waffenembargo 1965 und dem Verhalten der USA. Seine harsche Position lautet: "Alle Pläne über die Zukunft Afghanistans, die ich bisher gesehen habe, beweisen, dass es um eines geht: die Balkanisierung Afghanistans und eine Schwächung der ganzen Region."
Das sind geostrategische Sorgen, wenn man so will. Sie zeigen, dass sich mehr als 50 Jahre nach Staatsgründung das Denken vieler Militärs immer noch um das Überleben Pakistans dreht. Musharraf dürfte sich innerhalb dieses Rahmens bewegen, was ihn verlässlich macht. Es geht um alles oder nichts, aber es geht immer noch um Politik. Beg zumindest sagt über Musharraf: "Er ist ein mutiger, intelligenter Mann."
Auch bei General Zahir ul Islami Abbasi geht es eindeutig um alles, aber bei ihm ist dieses alles eher auf das Transzendentale gerichtet, und das steht naturgemäß nicht zur Disposition. In seinem Haus fehlen Landkarten oder sonstige Dinge, die daran erinnern, dass dieser Mann einmal General gewesen war. Nur im Treppenhaus hat Abbasi drei Regimentsfähnchen hinter Glas gestellt. "Damit ich nicht vergesse, dass ich 35 Jahre meines Lebens Soldat war!"
Das frühere Leben Abbasis endete 1995, als er die Armee mittels Putsch "islamisieren" wollte. Er leugnet zwar eine Beteiligung, aber er saß dafür im Gefängnis. Als er entlassen wurde, hatte er sein Studium des Korans vertieft. "Der Islam", sagt er, "ist ein umfassendes System! Es gibt eine islamische Philosophie, islamische Politik, islamische Wirtschaft, islamisches Militär!" Wenn man ihn fragt, wie ein guter muslimischer Soldat handeln müsse, kommt die Antwort wie aus der Pistole: "Der Muslim gewinnt oder stirbt, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht!"
Hier werden die extremen religiösen Parteien zustimmen, all jene, die nun auf die Straße gehen und mit dem "heiligen Krieg" drohen, falls Afghanistan angegriffen würde. Im Offizierskorps wird Abbasis islamische Kriegsführung wahrscheinlich auf weniger Gehör stoßen. Aber es gibt einen anderen Ansatz Abbasis, der populärer sein dürfte. "Das gesamte System der Armee ist uns von den britischen Kolonialherren aufgedrückt worden. Wir müssen es endlich abschütteln!"
Das ist die Geschichte vom Spielball Pakistan, von einem Land, das groß ist, eine gewaltige Armee hat, die Atombombe und eine potenziell starke Wirtschaft - aber sich immer wieder verraten fühlte. Eine Dolchstoßlegende mit religiösem Hintergrund, die wie alle Legenden ein Körnchen Wahrheit enthält. Es ist aber auch die Geschichte von einer nicht enden wollenden Identitätssuche der Armee einer islamischen Republik. Abbasi hat sich in extreme Positionen geflüchtet. Seiner Meinung nach ist Musharraf dazu nicht in der Lage: "Er ist ein tapferer Soldat, sehr geschickt und intelligent, aber er ist ein Säkulärer. Er kennt den Koran nicht."
Pervez Musharraf ist nicht nur Oberbefehlshaber und Staatspräsident, er muss seine Leute auch durch seelische Untiefen führen. "Es gibt Armeen", schreibt Stephen Cohen, "welche die Grenzen ihres Landes schützen; es gibt andere, die um ihre Rolle in der Gesellschaft besorgt sind. Es gibt wieder andere, die eine Idee verteidigen. Die pakistanische Armee macht alle drei Dinge gleichzeitig."
Das freilich könnte man leicht als Überdeterminierung bezeichnen - eine Last, unter der jemand schnell zusammenbricht. Zumindest eines ist beruhigend: Pervez Musharraf trinkt ab und zu gern ein Glas Wein, wenn auch nicht öffentlich.
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