B R E N N P U N K T E "Ihr seid an allem schuld"
Schweigen, Verdächtigungen, Pöbeleien - wie sich das Zusammenleben von Muslimen und Deutschen seit dem 11. September verändert hat. Berichte aus Brennpunkten in Hamburg, Berlin und Köln
Hamburg-Wilhelmsburg. Als sich die Türen des Rettungswagens öffnen, geht alles ganz schnell. Sanitäter legen einen Schwerverletzten hinein, einen Lehrer, verwundet von mehreren Schüssen. Minuten später stirbt das Opfer auf dem Weg zum Krankenhaus. Später parken Polizeifahnder ihre dunklen Limousinen am Veringplatz in Wilhelmsburg, wo viele Türken und Araber wohnen. Die Beamten fahren zu einer muslimischen Schülerin, um die sich der deutsche Lehrer besonders gekümmert hat. Ein hoch begabtes Mädchen, musisch interessiert. Ihr Bruder beschuldigt den Lehrer, sie verführt zu haben. Wurde der Pädagoge dafür von Islamisten mit dem Tod bestraft? Die Polizisten recherchieren. Sie hören von einem Bestseller, den sie nie lasen, er heißt Koran. Sie befragen Frauen mit schwarzen Kopftüchern und Männer mit schwarzen Bärten. Doch die islamische Welt von Wilhelmsburg schweigt. Eine Szene des deutschen Alltags dieser Tage, drei Wochen nach den Anschlägen auf Amerika, hinter denen islamistische Terroristen stecken sollen? Eine Szene wohl, aber in Wahrheit nur eine Filmszene, in Hamburg-Wilhelmsburg in diesen Tagen produziert, für die 12. Folge der ZDF-Krimireihe Bella Block. Blutsbande heißt die Episode, und dass sie im Armutsviertel Wilhelmsburg spielt, hat mit der islamisch gefärbten Kulisse zu tun.
Wie aber sieht der Alltag seit dem 11. September tatsächlich aus? Hat sich das Zusammenleben von Deutschen und Muslimen verändert? Was ist zu beobachten in sozialen Brennpunkten der Großstädte, wo schon vor dem 11. September die Welt nur selten in Ordnung war?
Köln-Ehrenfeld. Der Faustschlag in die Magengrube trifft sie ohne Warnung. Karima ist auf dem Weg ins Kaufland. Auf der Straße kommen ihr Jugendliche entgegen. Einer von ihnen schlägt der Frau, die ein Kopftuch trägt, in den Bauch - wortlos, ohne den Schritt zu verlangsamen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Passanten haben es nicht mitbekommen - oder tun so. Karima ist unfähig zu reagieren, spürt nur den stechenden Schmerz. Sie steht unter Schock. Seit zwölf Jahren lebt die Muslimin in Köln, und Anfeindungen wegen ihres Kopftuchs ist Karima gewohnt. Aber Aggressionen wie diese habe sie "noch nie erlebt".
"Solche Geschichten hören wir nun ständig", sagt Kilicarslan Ayten, stellvertretende Leiterin des Begegnungs- und Fortbildungszentrums für muslimische Frauen in Köln-Ehrenfeld, einem Viertel, das die Deutschen Klein-Istanbul nennen. Nach dem 11. September ist in dem schlichten Wohn- und Geschäftsgebäude eine Art Frauenhaus entstanden. Wo Musliminnen bis vor kurzem zusammenkamen, um zu schwatzen, Tee zu trinken oder sich in Computerkursen fortzubilden, suchen sie heute vor allem Zuflucht und Zuspruch. Männer, die früher schon mal zu Besuch kommen durften - nach Anmeldung -, haben nun überhaupt keinen Zutritt mehr.
"Die Frauen sind sehr beunruhigt", sagt Frau Ayten. Fast jede hat den Stimmungsumschwung zu spüren bekommen, und fast immer entzünden sich die Feindseligkeiten am Kopftuch. Bereits am Tag nach den Anschlägen gegen Amerika sei eine junge Muslimin in der Straßenbahn von einem Rentnerehepaar angepöbelt worden: "Ihr seid an allem schuld, man sollte euch auslöschen!" Einer 27-jährigen Türkin mit Kopftuch schlug plötzlich eisiges Schweigen entgegen, als sie zu ihrem Bäcker kam, wo sie zuvor immer freundlich bedient worden war. Auf dem Heimweg brüllte ein Mann sie an, sie solle verschwinden, zurück in ihre Heimat. Die junge Frau ist in Köln geboren.
Sie selbst, erzählt Kilicarslan Ayten, erlebe es in diesen Tagen häufiger, dass Passanten auf der Straße zu ihr aufschließen, ein paar Schritte neben ihr herlaufen und dann auf den Boden spucken. Oder, kaum hörbar, zischen: "Terroristin!" Große Angst spürte sie, als sie vor wenigen Tagen in einem Ärztehaus allein mit einem Mann im Aufzug fuhr. Plötzlich habe der sich drohend vor ihr aufgebaut und gefragt: "Was soll das Scheißkopftuch?" Sie versuchte, ihn zu beschwichtigen, versuchte zu argumentieren: dass das Kopftuch ein Schutz für Frauen sei; dass nicht jeder Mann die Schönheit einer Fremden sehen solle. Der Unbekannte tat ihr nichts. Ayten: "Zitternd bin ich nach Hause gelaufen."
Im Begegnungszentrum erzählt eine Afghanin von der zehnjährigen Tochter einer Verwandten, die kürzlich weinend aus der Schule kam. Ihr Lehrer habe im Klassenzimmer mit dem Finger auf sie gezeigt und gerufen: "Ihr Afghanen seid an allem schuld!" Eine Türkin berichtet von einem 14-jährigen Hauptschüler aus ihrem Freundeskreis, der von seiner Klassenlehrerin angesichts der Terroranschläge gefragt worden sei: "Kannst du uns das alles mal erklären?" Die Mitschüler hätten ihn angestarrt, der Junge habe den Druck nicht ausgehalten und angefangen zu weinen. Eine deutsche Erzieherin, erzählt eine weitere Muslimin, habe im Kindergarten den schwer zu bändigenden Sohn ihrer Freundin vor anderen Eltern mit den Worten charakterisiert: "Das ist unser bin Laden. Der kleine Tyrann, der wird mal ein Terrorist."
Berlin-Neukölln. Gefragt war bloß eine Telefonnummer: die der Sehitlik-Moschee in Berlin. Die Antwort aber wird eine Auskunft zur Lage der Nation in sechs Wörtern. "Was?", fragt die Stimme von der 11833 der Telekom zurück - "die Nummer von den Terroristen?"
Herr Türkoglu nimmt ab. "Klar. Kommst du, wann du willst, mein Freund", sagt er. "Columbiadamm 128, U-Bahn Boddinstraße, verstehst du, mein Freund?" Recep Türkoglus Sprache erzählt von der Sorge, nicht verstanden zu werden, und dem Wunsch nach Harmonie. Mit den Jahren hat sich ein "Verstehst du, mein Freund?" an seine Sätze gehängt.
Der Columbiadamm führt von Tempelhof nach Neukölln und Kreuzberg. In diesen Stadtteilen leben die meisten der rund 250 000 Berliner Muslime. Der größte Teil stammt aus der Türkei. Columbiadamm 128. Roter Ziegel und grauer Beton formen sich zu einer Kuppel und zwei Minaretten. Seit zwei Jahren wächst hier eine Moschee, in der bald 1500 Menschen beten sollen - ein Repräsentationsbau, geeignet für Staatsbesuche. Bis zum 11. September hatte Recep Türkoglu hier seine Ruhe. Bis dahin war die Baustelle nur eine Baustelle, bis zu dem Tag, an dem die Politiker von einem "Anschlag auf die Zivilisation" sprachen, einen Tag später aber schon von einem "Anschlag auf die westliche Zivilisation".
Recep Türkoglu bläst den Rauch seiner Zigarette aus und schickt ihm seine Biografie hinterher, die wie eine Rechtfertigung seines Daseins in Deutschland klingt. Er erzählt, dass es beim Moscheebau nie Probleme mit den Behörden gab, bloß einmal, weil die Minarette nur 24 Meter hoch werden dürfen und nicht 36, aber man habe sich verständigt. Seine Rede endet mit der Einweihungsfeier - so, wie er sie sich vorstellt: "Wir werden alle einladen, ganz Berlin, zuerst den Kardinal, dem schreibe ich einen Brief, vielleicht kommt er!"
Vielleicht.
Nichts scheint mehr sicher zu sein, nicht einmal die Fertigstellung der Moschee, die so schön wie ein Kindertraum werden sollte, mit glänzenden Mondsicheln, orientalischen Fliesen und Koranzitaten in der Kuppel.
Die Arbeit ruht seit dem 11. September. Recep Türkoglu hatte Handwerker aus der Türkei angeworben, Fachkräfte, er hat Arbeitsgenehmigungen beantragt, aber die Ämter melden sich nicht mehr. Vielleicht wollen die Deutschen jetzt keine Moschee mehr oder überhaupt keine Fremden im Land, "verstehst du, mein Freund?".
Liegt es vielleicht daran, dass die Ämter einfach sehr viel zu tun haben? Nein, die Deutschen, glaubt Türkoglu, haben jetzt wohl Angst vor seiner Moschee, und deswegen genehmigen sie die Anträge nicht. In diesen Tagen sieht man die Menschen nicht mehr so schlicht wie vor dem 11. September, sondern sucht nach finsteren Motiven, die sich dahinter verbergen könnten. Moscheen sind potenzielle Terrornester. Ein Flugzeug ist eine Waffe. Ein buschiger Vollbart ist eine Bedrohung. Und weil in Neukölln die einen das so sehen, meinen die anderen nun: Regt sich eine deutsche Behörde nicht, kann das nicht länger Faulheit sein, sondern nur eines: Schikane.
Hamburg-Wilhelmsburg. Wer lieber Wiener Schnitzel isst als Döner, der wähnt sich hier am Ziel: "Ritterschänke, Restaurant und Kneipe". Veringstraße 6. Eine Gaststätte ohne dampfende Hammelspieße am Eingang, stattdessen ein Hinweisschild, an den Dachfirst des Hauses genagelt: "gutbürgerliche deutsche Küche". Der Wirt heißt Tarem Hayrettin, ist 36 Jahre alt und wurde in der Nähe von Istanbul geboren. Wenn ein Gast den Raum betritt, erhebt er sich kurz, schaltet das Licht an und stellt den Fernseher, in dem Popvideos laufen, ein wenig lauter, der besseren Stimmung wegen. Dann kommt er zum Tisch. Eine Speisekarte bringt er nicht. "Essen nicht möglich, gibt hier nix, leider."
Gulasch, ordentliche Portionen, als "Stammessen für acht Mark" gab es früher, und es gab auch eine Karte. Drei Monate erhielt Tarem Hayrettin sein Angebot aufrecht, dann entließ er mangels Kunden den Koch und sperrte die Küche zu. "In Wilhelmsburg", sagt der Wirt, "bleiben die Türken unter sich, und die wenigen Deutschen, die es noch gibt, gehen nicht mehr aus, gehen nicht zum Essen."
Das dämmerte ihm schon vor dem 11. September, doch was sich seither in seiner Kneipe tut, ist an Tristesse kaum zu überbieten: Hayrettin Tarem verbringt die Stunden und Tage im Halbdunkel seiner Kneipe, und meist bleibt er allein. "Weil es keinen Sinn mehr hat", änderte er die Öffnungszeiten: Nicht mehr morgens um elf, sondern nachmittags um vier schiebt er jetzt das Eisengitter an der Eingangstür zur Seite. Und wartet. Und wartet.
"Ich will hier keine Reeperbahn", sagt der Wirt, als wäre bei ihm jeden Augenblick mit grölenden Massen zu rechnen. Am liebsten wären ihm ruhige Gäste, "die sich benehmen können, die trinken und reden". Stoff für Gespräche gebe es in diesen Tagen ja genug. Eigentlich wäre seine Kneipe für muslimisch-deutsche Begegnungen sehr gut geeignet, findet er. "Ritterschänke", ein altes deutsches Trinkersymbol, dahinter ein muslimischer Chef. 2,50 Mark nimmt er für ein Pils, "das ist doch nicht zu viel".
Seit kaum jemand noch in seine Gaststätte kommt, schimpft Tarem viel auf die heimliche Konkurrenz gegenüber, die eigenen Landsleute in den türkischen Kulturvereinen, die auch mal Bier aussschenkten, ohne Lizenz und steuerfrei, billiges Bier, billiger als das der Ritterschänke. Er regt sich auf: Natürlich habe er sich bei der Stadt über die türkischen Kulturvereine beschwert. "Ohne Erfolg." Große Solidarität gab es nie in Wilhelmsburg. Doch jetzt ist so viel Misstrauen verstreut, dass Türken auch Türken beschuldigen, für das eigene Unglück in Wilhelmsburg mitverantwortlich zu sein. Tarem Hayrettin dämpft das Licht in seiner Gaststube, stellt den Fernsehapparat wieder leiser und wirft frische Markstücke in seinen eigenen Spielautomaten.
Köln-Nippes. Alles, wofür Mohammad Heidari sich engagiert hat, wofür er gearbeitet und, ja, wofür er gelebt hat - seit dem 11. September scheint es ihm mit einem Schlag sinnlos und vergeblich. "Wie versteinert", sagt er, habe er zu Hause vor dem Fernseher gesessen, in Nippes, einem Kleine-Leute-Viertel mit hohem Ausländeranteil. Heidari dachte: "Ich habe keine Kraft mehr, die Mächte des Terrors und des Krieges sind zu groß."
Seit über 20 Jahren lebt der Iraner in Köln, fast ebenso lang müht er sich für die Verständigung zwischen Einwanderern aus islamischen Ländern und Deutschen. "Ich gehe vom Begegnungsansatz aus", erklärt der promovierte Islamwissenschaftler und Konfliktpädagoge. Das heißt: Die Menschen müssen mehr voneinander wissen, öfter zusammenkommen und miteinander reden. Nur so können sie Vorurteile abbauen. Und so reist Heidari unentwegt umher, um "Multiplikatoren" wie Lehrer, Erzieher und Pfarrer über muslimische Erziehungsvorstellungen oder das islamische Frauen- und Männerbild aufzuklären.
Heidaris Antrieb ist schier grenzenloser Optimismus. "Meine Grundthese: Die Menschen können miteinander zurechtkommen." Doch dann die vorläufige Zäsur: der 11. September. Wie soll er mit seiner "sich in kleinen Schritten vollziehenden Arbeit" gegen den weltweiten Stimmungsumschwung ankämpfen, den die Terroranschläge bewirkt haben? Wen interessiert jetzt noch, dass 60 Prozent der Probleme zwischen Muslimen und Deutschen "Anerkennungskonflikte" sind, weil sich die Muslime benachteiligt und nicht akzeptiert fühlen? 20 000 der 35 000 Kölner Arbeitslosen zum Beispiel sind Ausländer, sagt Heidari, und davon sind 90 Prozent Muslime - also die Hälfte aller Kölner Arbeitslosen.
Weil es aber gerade jetzt wichtig sei, die Fakten zu kennen, versuche er, seine "Lähmung zu überwinden", und er beginnt zu referieren. Die Deutschen müssten verstehen lernen, welch verheerende Wirkung das aggressive Vokabular von Politik und Medien auf Muslime habe. Auf Menschen, die sich ohnehin verunsichert und nicht akzeptiert fühlen. Das Wort "Kreuzzug" zum Beispiel, sagt Heidari, löse Erinnerungen an die blutigen christlichen Kreuzzüge des Mittelalters aus. Er spricht leise, und doch ist ihm anzumerken, dass er innerlich bebt.
Das Wort "Schläfer" sei ein "Totschlagwort", denn "es erklärt jeden Unauffälligen zum Verdächtigen". Eine Million Muslime leben in Nordrhein-Westfalen, laut Verfassungsschutz gilt aber höchstens ein Prozent von ihnen als extremistisch. "Die beste Sicherheitspolitik", meint Heidari, "wäre es, die Herzen der restlichen 99 Prozent zu erreichen - durch eine gewaltfreie Sprache". Nicht, indem man sie alle zu potenziellen Feinden des Weltfriedens erklärt.
Berlin-Neukölln. Hier haben sie einander die undurchschaubare Sprache ihrer Mietverträge erklärt und dabei Tee getrunken. Haben den Eltern in Amman und Ankara erzählt, dass sie endlich Arbeit haben, als Kraftfahrzeugmechaniker, Reinigungskraft, Kraftfahrer - Kraft, Kraft, Kraft, immer dieses deutsche Wort. Haben ihre Neugeborenen in die Hörer schreien lassen, haben gejubelt, als der Fußballverein Galatasaray Istanbul in der Stadt zu Gast war und Hertha BSC besiegte. So war die Welt vor dem 11. September im Telecafé an der Hermannstraße, einem dieser Großstadtläden, von denen aus Ferngespräche so billig sind: Türkei 0,19 Mark pro Minute. Marokko 0,49. Syrien 0,56. Afghanistan 1,72.
Das Telecafé war eine kleine UN-Vollversammlung, eine sehr kleine, zumindest eine ständige Vertretung der Muslime in Berlin. Die hierher kamen, wollten nicht nur telefonieren. Sie wollten ihre Meinungen teilen, ihre Erfahrungen mit Deutschland, sie wärmten sich in diesem Raum, und als ihnen warm genug war, nannten sie es Solidarität.
Ümmü Dogan-Özel, das Mädchen an der Kasse, hatte gedacht, es würde auch nach dem 11. September so bleiben. Danach erst recht! Zunächst sieht auch alles danach aus. Das Telecafé wird Anlaufstelle der unter Generalverdacht geratenen Muslime. Ein Syrer sei gekommen und habe aufgebracht erzählt, sie hätten seiner Frau auf der Straße das Kopftuch heruntergerissen. Einige von Ümmüs Freundinnen werden ebenfalls angepöbelt. An der Sparkasse beschimpft eine alte Frau Ümmüs Mann als "Bastard". Die Empörung im Telecafé wächst.
Aber dann? "Am meisten", sagt Ümmü, 18 Jahre alt, "am meisten regt mich auf, dass die Deutschen uns Türken jetzt mit den Arabern verwechseln. Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist die Religion." - Und? Ist das nicht viel? Sie verdreht die Augen. Sie hört es doch immerfort: Wie Araber in den Telefonkabinen feixen, wegen des Terrors. Vielleicht ist es nur Einbildung, Folge vergessen geglaubter Vorurteile. Aber jetzt ist es da, das Misstrauen. Und der Flüsterton. Die sich einig waren, beobachten sich jetzt aus den Augenwinkeln und suchen nach Unterschieden. Eine andere Welt sei die der Araber, sagt Ümmü, nicht ihre. Zwar trägt sie ein Kopftuch und hat früh geheiratet, aber der Film zum Beispiel, den sie zuletzt sah, heißt Künstliche Intelligenz, ein amerikanischer Streifen. Und ihr Mann wolle Polizist werden, deutscher Polizist.
Die Themen im Telecafé drehen sich: Wer steht wo? Wer verurteilt den Terror, wer relativiert ihn wegen des Leids der Palästinenser? "Meine Eltern meinen, unser Land ist in der Nato und will in die EU, da soll es Amerika helfen." Das sagt eine Frau, die mit ihrer Mutter in Izmir telefoniert. - "Amerika ist unser linker Arm, Israel ist unser rechter, sie geben uns Waffen", hat Ümmüs Mann zu Hause gesagt. Und also ist das Telecafé keine Uno mehr, sondern ein Lager des Nato-Partners Türkei mit Telefonapparaten, zu denen manchmal Araber greifen, um der Kaffeehaus-Nato zu widersprechen. In manchen Telefonaten ist von "Bürgerkrieg" die Rede und davon, dass bald nicht nur Christen gegen Muslime kämpfen könnten, sondern Muslime gegen Muslime.
Hamburg-Wilhelmsburg. "Was sind das für Leute?" Jetzt will sie es wissen, jetzt, da in den Zeitungen von islamistischen "Schläfern" die Rede ist, von Muslimen, die "plötzlich aufwachen", verwandelt zu Attentätern. Heike Dielewicz aus der Veringstraße 44 schaut auf die Welt mit neuem Blick, und nun sei sie sicher: "Da brodelt was." Die arbeitslose 57-Jährige hat muslimische Nachbarinnen und fremde Frauen mit Kopftüchern auf der Straße angesprochen, um sie "mal auf einen Kaffee einzuladen". Nur mal hören, was so los sei. Sie hört nichts, weil keine der Angesprochenen zu ihr kommen mag.
Heike Dielewicz sagt, es sei ihr nie schwer gefallen, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Die kurze Wartezeit vor einer roten Ampel genüge ihr "als Anknüpfungspunkt". Aber erst jetzt stellt sie fest, dass sie an Grenzen stoße, jetzt, da auch sie von einem diffusen Misstrauen ergriffen sei. "An die tief verschleierten Frauen komme ich nicht ran."
Viel herumgereist sei sie, erzählt Frau Dielewicz, viel herumgekommen, bevor sie in Wilhelmsburg strandete. Als Krankenschwester habe sie früher gearbeitet, als Hilfskraft auf Fährschiffen angeheuert und einen Partyservice in Paris aufgezogen. Sie habe "diesen de Niro" getroffen, Johnny Hallyday und Mireille Mathieu. Der Sängerin habe sie Brote geschmiert und manchmal auf sie aufgepaßt, als Bodyguard auf Konzerten.
Heike Dielewicz behauptet, kein ängstlicher Mensch zu sein, "ganz bestimmt nicht". Aber neulich, im Bus, habe Unruhe sie gepackt. "Plötzlich steigt ein Türke ein, mit einer Plastikkiste in der einen und einer Art Schalter in der anderen Hand." Nicht aus den Augen habe sie den Mann gelassen. Und ihr alter Beschützerinstinkt wurde auch wieder wach, "denn hinten im Bus saß eine Frau mit einem Kind auf dem Schoß". Nichts sei am Ende passiert, nichts Ungewöhnliches. Der Fahrgast, der ihr verdächtig vorkam, sei an der Endstation einfach ausgestiegen, wie die anderen auch. Frau Dielewicz weiß nicht genau, wie sie ihr Unbehagen begründen soll. Sie weiß noch nicht einmal genau, was sie unruhig stimmt, da doch nicht einmal jener Türke mit jenem vermeintlichen "Schalter" in der Hand ihr Misstrauen verdiente. "Aber ich schließe nichts mehr aus."
Köln-Innenstadt. Ohne Ali Balaban wäre die Weidengasse nahe dem Hauptbahnhof nicht das, was sie geworden ist. Das sagen alle hier - auch Ali Balaban selbst. Noch vor wenigen Jahren war hier ein Straßenstrich und Drogenumschlagplatz. Kaum jemand von außerhalb wagte sich hierher, schon gar nicht nachts.
Dem zwielichtigen Milieu zum Trotz eröffnet der gastronomische Seiteneinsteiger - er studierte Architektur in Bonn - hier sein türkisches Spezialitätenrestaurant Bosporus. Rasch avanciert es zu einem gehobenen Feinschmeckerlokal. Restaurantführer erwähnen es lobend. Weitere seriöse Geschäftsleute folgen Balaban nach - ein deutscher Geigenbauer und ein türkischer Hersteller von Musikinstrumenten, ein iranischer Lebensmittelladen, ein griechisches Fischgeschäft, ein syrischer Schneider, ein Bildhauer, ein Antiquitätenhändler.
Die Weidengasse verwandelt sich in eine Meile der Flaneure und Bohemiens. Und Ali Balaban hält als Vorsitzender der Interessengemeinschaft Weidengasse sorgsam darauf, dass die Straße sauber bleibt. Mittlerweile kommen Politiker und Diplomaten aus aller Welt, um bei ihm zu tafeln, erzählt er stolz. Und fügt ohne falsche Bescheidenheit hinzu: "Ich habe diese Straße zurückgewonnen, für die Stadt, für Deutschland."
Ein neuer Bildband dokumentiert die Erfolgsgeschichte. "Die Weidengasse ist ein gutes Beispiel für das gelungene Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen", gratuliert Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement in einem Grußwort. "In ihr begegnen sich Orient und Okzident." Seit dem 11. September jedoch mutet der Bildband an wie Makulatur. Nur noch wenige Menschen schlendern durch die Weidengasse. An den Ständen, die viele Händler vor ihren Geschäften aufgebaut haben, hält sich kaum jemand auf. Die geöffneten Ladentüren zeugen noch davon, dass man hier an ein ständiges Kommen und Gehen gewöhnt ist. Doch jetzt stehen nur die Ladenbesitzer in den Eingängen, blicken die Gasse hinab und halten nach Kundschaft Ausschau.
Alle Geschäfte erleben einen schlagartigen Umsatzrückgang, sagt Ali Balaban. In seinem Restaurant stornieren Gäste Reservierungen, manche mit der Bemerkung, er solle das bitte "nicht persönlich nehmen". Vor allem "deutsche Stammbesucher" blieben weg, sagt der 44-Jährige in seiner unaufdringlichen Art. Wie sehr ihn das trifft, wird deutlich, wenn er betont, dass es immer sein Ziel gewesen sei, "beide Kulturen zusammenzubringen".
Normalerweise käme ab September wieder Leben auf die Straße, nachdem die Urlauber zurückgekehrt sind, erzählt ein iranischer Lebensmittelhändler. Nicht so dieses Jahr. Die deutschen Kunden, die früher von seinem exzellenten Basmatireis schwärmten und dafür "sogar aus Bonn" herüberkamen, bleiben nun weg, ebenso die Laufkundschaft. "Es kommen nur noch Deutsche, die mit Iranern verheiratet sind", sagt er und lächelt verlegen. Der Laden ist leer, der Inhaber lädt zu einem Tee ein. Ob die Amerikaner schon sehr bald Afghanistan bombardieren werden? "Alle Leute in der Straße sind nervös, ich auch."
"Ich habe Angst", bekennt die Inhaberin des Friseursalons Ankara gegenüber dem persischen Lebensmittelladen. "Vor allem vor den Nazis, die werden jetzt bestimmt stärker. Und wenn der Krieg losgeht, wird es noch schlimmer." Die friedvolle Stimmung in der Weidengasse ist mit einem Mal gekippt. Als sich in der Bäckerei an der Ecke zwei türkische Verkäuferinnen in ihrer Muttersprache unterhalten, werden sie von einer deutschen Kundin angeherrscht: "Sprecht gefälligst Deutsch!"
Berlin-Kreuzberg. Zwei Tage vergehen nach dem Anschlag gegen Amerika, und in der Grundschule am Görlitzer Ufer wandelt sich die Vorstellungswelt rasanter als in den vielen Jahren zuvor. Seit dem 13. September erteilt dort ein Lehrer der Islamischen Föderation elf Zweitklässlern Islamkundeunterricht. Das klingt nach Multikultur und Gleichberechtigung der Glaubensrichtungen. Doch die Bilder aus New York haben Ängste an die Oberfläche des Bewusstseins gerissen und vielen Fragen neues Gewicht gegeben. Fragen, die eine Frau wie Edeltraud Flindt, die Mutter einer Schülerin, bis dahin konservativen Politikern überlassen hat: "Kann ich weiter tolerant sein gegenüber Leuten, die mir keine Toleranz entgegenbringen?", möchte sie wissen. "Da hat sich jetzt was verschärft."
In dem Milieu, wo Frau Flindt zu Hause ist, liest man die linksalternative taz , kauft Kürbiskernbrot und fair gehandelten Kaffee. Man webt politisch korrekte Versatzstücke - "ein Stück weit" und "Migranten" - in seine Sätze, macht Stadtteilarbeit, Kinderarbeit, Elternarbeit. Edeltraud Flindt erzählt, dass sie natürlich arabische Freunde habe, und meint, dass sich der Westen sehr wohl nach den tieferen Ursachen des Terrors fragen müsse. Und dass sie grundsätzlich für Islamkundeunterricht sei - aber nicht für die Lehrer, die ihn an der Schule ihrer Tochter anbieten, die von der Islamischen Föderation. Auch Annette Spieler, die Leiterin der Kreuzberger Schule, spricht von einem "klammheimlichen Einzug" der Islamkunde in die Klassen, in denen der durchschnittliche "NDH-Anteil", der Anteil der Schüler nichtdeutscher Herkunft, bei 80 Prozent liegt. "Große Skepsis" sei angebracht.
Die Islamische Föderation, ein Dachverband muslimischer Vereine, beantragte schon 1987, Berliner Schülern den Islam erklären zu dürfen. Das war ihr gutes Recht. In Berlin schicken Kirchen und Religionsgemeinschaften eigene Lehrer in die Klassen. Auch Vertreter des Islam? Der Senat prüfte, und die Föderation rückte ins Zentrum eines Grundsatzstreits. Denn der Verband, der etwa fünf Prozent der Berliner Muslime vertritt, wird vom Verfassungsschutz beobachtet - wegen, wie es heißt, "personeller Identitäten" mit Milli Görüs. Einer Gruppe, die sich vom Gedankengut der in der Türkei verbotenen Wohlfahrtspartei leiten und "Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung" erkennen lasse.
Beweise dafür fand das Bundesverwaltungsgericht jedoch nicht, und im Sommer urteilte es folglich zugunsten der Föderation, deren Vertreter gern erzählen, für Interviews mit Journalisten keine Zeit zu haben. An einer Schule im Berliner Wedding darf die Föderation nun unterrichten und eben auch in Kreuzberg, Görlitzer Ufer 2. Die Direktorin weiß nicht, was der Lehrer den Schülern beibringt: "Ich darf nicht ohne weiteres in den Islamkundeunterricht. Ich kann nur bei der Föderation fragen, ob ich mal kommen darf."
Edeltraud Flindt, die besorgte Mutter, führt so etwas zu grundsätzlichen Zweifeln. "Wenn wir Schulfeste gefeiert haben, gab es dort natürlich kein Schweinefleisch. Es gab nicht nur an irgendeiner Ecke keines, es gab gar keines. Heute frage ich mich: Warum war das so? Wenn wir jetzt einen islamischen Religionslehrer haben, muss ich befürchten, dass er den Kindern erzählt: Das Mädchen da ist schmutzig, denn es isst Schweinefleisch. Oder: Die Lehrerin ist ein Flittchen, weil sie kein Kopftuch trägt."
Niemand behauptet, dass der muslimische Lehrer, der für zwei Stunden pro Woche in die Schule kommt, dies oder etwas Ähnliches ausgesprochen habe. Niemand hat so etwasje von ihm gehört. Nicht einmal ein Gerücht dieser Art kann sich halten. Aber der Argwohn hat seit dem Zusammenbruch der New Yorker Zwillingstürme auch die Herzen der Wohlmeinenden erfasst. "Wir wollten keine Diskriminierung und haben übersehen, dass es trotzdem Grenzen gibt", meint die Mutter Edeltraud Flindt. "Diese ganze Weltoffenheit, um die wir uns bemüht haben, hinter die setze ich jetzt dicke Fragezeichen."
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