Ich habe einen Traum

Nina Ruge, 45, Tochter eines Maschinenbauprofessors, war vier Jahre lang Lehrerin für Biologie und Deutsch. Da sie unbedingt beim Fernsehen arbeiten wollte, versuchte sie sich als Scriptgirl, Regieassistentin und Sprecherin. 1989 ging sie zum ZDF, moderierte bald das »heute-journal« und bekam als Moderatorin der Sendung »Leute heute« ihren eigenen festen Sendeplatz. Ihr Ehemann ist der Ford-Manager Wolfgang Reitzle. Er arbeitet in London, sie in München

Die Bibel zitiert Salomo mit seinem berühmten Satz: »Alles hat seine Zeit, und jedes Ding unter der Sonne hat seine Stunde.« (Schon schießt mir die eine Zeile des Textes durch die Glieder: »Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit, Klagen hat seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit ...«) Also. Bevor diese Zeilen durch islamistischen Terror neu interpretiert wurden, träumte ich davon, eine Kreditkarte für Zeit zu haben. Und Salomo wäre mein Sponsor. Ich würde diese Kreditkarte rund um die Uhr zum Schmelzen bringen, denn Zeit gehört zu dem, was mir am meisten fehlt. Morgens aufwachen und nicht auf den Wecker schielen. Wieder nur 15 Minuten für alles im Tagesplan: Haare waschen, Kleidung für die Sendung zusammensuchen, checken, ob ich was vergessen habe für den langen Tag. E-Mails will ich auch noch schnell lesen, am besten noch joggen und Yoga machen. Und das alles, wie gesagt, in einer Viertelstunde.

Ich träumte von einem Leben in Balance - 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche. Immerhin: Oft pendelte ich schon ziemlich geschickt vor mich hin - doch dann ließ ich es immer wieder zu, dass sich mein Leben ganz plump auf eine Seite neigte: Immer wieder nimmt mich mein heiß geliebter Job in einen schmusetechnischen Allround-Zangengriff. Dann packt er mich von hinten, im Nacken, und schleudert mich herum, bis ich Sternchen sehe - hübsche Sternchen zwar, aber gemein auf eine Seite geneigt.

Ich träumte von einem Zeitkonto der Bank mit dem Namen »Kleine Fluchten«. Eine unkapitalistische, weil übergroßzügige Bank. Sie hat mir nämlich irgendwann, in grauer Vorzeit, einen grandiosen Überziehungskredit eingeräumt: Kein Limit! Ich kann haben, so viel ich will: Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate! Ich stecke meine schillernde Zeitkreditkarte in den Automaten, und er fragt mich, sanft und freundlich: Wünschen Sie 30 Minuten, 200, 500, 1000, 5000 oder 50 000? Das erste Mal wäre ich ja noch bescheiden, wählte 30 Minuten. Eine halbe Stunde mit meiner Freundin telefonieren! »Ja«, sage ich zu ihr, »ich habe Zeit, erzähl mir.« Dieses supergeizige: »Du, es tut mir wahnsinnig leid, ich habe gleich eine Konferenz, und ich muss bis dahin noch die Moderationen geschrieben haben, und danach muss ich noch Klassik Radio machen. Ich ruf dich später zurück. Ciao, bella!« - diese alten, traurigen Gefühlskälte-Inseln wurden von meiner Wunderkreditkarte gleich mitgelöscht. Später würde ich dann so richtig aasen. Prassen! Verschleudern! 50 000 Minuten! Das sind fast fünf Wochen! Mir wird schwindlig. In die Toskana fahren, meinen Mann einladen, enge Freunde. Die aber immer nur einzeln, nicht im Pulk. Gruppendynamik ist fürs Erste unerotisch. Vielleicht später mal. Wenn ich genug Nähe gefeiert habe. Wir würden uns erst mal eine Woche Zeit lassen. Fürs Ankommen. Überlegen, was jeder für sich möchte. Auf dem Scooter-Feld der unermesslichen Zeit rumtrudeln, sich einnorden. Nicht aufs Nichtstun. Nein. Aufs völlig selbstbestimmte Tun. Oder wäre das nicht eher ein »sich ein-süden«? Ich hätte Bücher dabei, Filme und Hörspielkassetten. Tagebücher und Stifte, Briefpapier. Karten von der Umgebung, Beschreibungen der Renaissancegebäude, Wanderkarten. Fahrräder, Wanderschuhe, Schwimmzeug, Joggingschuhe, Yoga-Unterlagen. Und ich würde mich immer kichernd fragen: »Was machst du jetzt?« Und dann würde ich mich vielleicht aufrichten und rufen: »Gar nichts mache ich von dem!« Meditiere ein bisschen und vertrödele den ganzen Tag, die Nacht. Lasse Zeit unkontrolliert verstreichen, habe null schlechtes Gewissen dabei. Und die Kreditkarte schillert freundlich herüber. Nach einer Woche würde ich bestimmt anfangen, etwas zu tun. Weil es mir ein Bedürfnis ist. Das ich zu spüren gelernt habe. Arbeiten? Was ist Arbeit? Es gibt keine Trennung von Arbeit und Leben. Zeit zu haben macht alles möglich.

Gerade denke ich: Kann ich diesen Traum nicht doch auch heute haben? Zeit zu haben, genug Zeit, um mit dem Unfassbaren, der Apokalypse von Manhattan, umgehen zu lernen? Die mörderische Brutalität zumindest ansatzweise zu verarbeiten - und nicht zu verdrängen? Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre ich irgendwann aufgewacht und hätte mir gesagt: Alles ist gut. Auch wenn mich immer mal wieder Freunde fragen: Bist du des Wahnsinns? Dein Terminkalender hat den Charme eines Lufthansa-Flugplans! Meistens schaue ich die ein bisschen verständnislos an: »Wieso? Ich fühl mich doch beim Wirbeln wunderbar lebendig!« Und außerdem bin ich Freiberuflerin und arbeite komplett auf eigenes Risiko. Und dabei habe ich nur für mich, noch nicht mal für Kinder zu sorgen. Die Frage ist nur, und spätestens dann würde ich die Bettdecke in die Ecke schleudern: Wie viel Macht möchte ich anderen einräumen, über meine Zeit zu verfügen?

Andererseits, denke ich, und lege das Bettzeug gleich wieder ordentlich zusammen, andererseits halte ich sehr viel von Pflichterfüllung. Ein gutes Gefühl, ohne Wenn und Aber. Das getan zu haben, was andere zu Recht von mir erwarten. Das Dumme ist nur, da gibt es Dinge, die ich mir aufladen lasse (und bei dem Gedanken fiele mir spätestens das Glas mit dem Vitaminsaft aus der Hand), die nicht die meinen sind. Und gegen die ich mich nicht wehre. Genau das sind die Unwuchten und Gewichte, die für meine innere Balance das K.O. bedeuten.

Balance, das ist der Traum vom Treiben in einem warmen, schmeichelnden Fluss, der ist voll von weichen, grünen Pflanzen.

Keine Angst, die sind klein, sympathisch und wollen dich nicht festhalten oder umschlingen. Die tragen dich auf ihre ganz eigene Art. Balance, das ist Schwingen auf einer Schaukel, die fein in die Luft geknüpft ist. Balance, das ist auf Rollschuhen über Wolken zu gleiten, traumwandlerisch, ohne zu straucheln, ohne Angst, in die Tiefe zu fallen. Balance ist das Bewusstsein, aufgefangen zu werden. Von sich selbst.

Hm, denke ich später, als ich dusche: Wie vermessen, dein Traum! Welch unbeschreiblicher Luxus, in der Arbeit Verwirklichung zu finden. Und sich darüber hinaus noch Gedanken machen zu dürfen über die »Balance« von Arbeit und Leben. Ich habe doch genügend Zeit für die wichtigen Fragen meiner Luxusexistenz. Was will ich um Himmels willen noch mehr? Ist es nicht so, dass neun Zehntel aller Menschen die Fragen von Zeit und Raum völlig anders definieren, weil sie vielleicht ums nackte Überleben kämpfen?

Dennoch: In meinem Traum hat jeder Mensch das Recht, von verlorener, von vermisster Zeit zu träumen, die er sich wieder und wieder herbeiholen kann mit einer derart formidablen Karte: Die schenkt Minuten, die man nie vergisst.

Ich bewundere Buddhisten: Wie sie sich um Lebenskunst bemühen. Wie sie den ganzen Tag durch Pflichten wirbeln, dabei aufs Eleganteste balanciert. Was braucht es dann ein »Zeitkonto plündern«, um Balance zu finden? Also, Nina: Dankbar sein, bescheiden, glücklich - und immer schön im Wachzustand balancetechnisch üben! Vergiss deinen schlimmsten Albtraum der Nächte, vergiss die Qual: Du hättest die Geheimzahl für dein Zeitkonto vergessen ...

Denk an diesen merkwürdigen Bankdirektor: dieses Wesen mit den zwei Gesichtern ... Das eine, umhüllt von Licht, das andere, die Fratze des gnadenlosen, eiskalten Vernichters von wärmender Bindung und Glück: Wenn er eines Tages mit diesem ellenlangen Kontoauszug zu dir kommt, wenn er dir ganz kühl sagt, dein Konto sei leer, es sei somit an der Zeit, endlich zu gehen - dann würde ich ihn, den Tod, gerne noch fragen: Bist du Zufall - oder hast du System?

 
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