7 Tage mit Timothy Garton Ash
Ich gelange gerade an das Ende einer großen Tour durch Europa: In den vergangenen beiden Wochen war ich in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Polen, Mazedonien. Der ursprüngliche Zweck dieser Reise war, mir ein Bild zu machen von den verschiedenen nationalen Debatten über die Zukunft Europas. Ich wollte herausfinden: Inwiefern gibt es Europa schon? Nach den Terroranschlägen am 11. September wurden dann die Karten neu gemischt. Es stellten sich zwei neue Fragen: Wie reagiert Europa auf dieses Ereignis? Und wie wirkt sich dieses Ereignis auf Europa aus? Am DONNERSTAG fliege ich von Mazedonien, wo ich vier Tage war, nach Sofia. Dort werde ich auf Einladung des Präsidenten Bulgariens eine Tagung der zehn Nato-Beitrittskandidaten moderieren. Die Präsidenten dieser Staaten werden da sein, und sicherlich wird es auch um die politischen Folgen des 11. Septembers gehen. Es ist ja schon sehr interessant: Wenn ich Bulgare oder Litauer bin - möchte ich dann in der gegenwärtigen Situation noch dringender in die Nato, oder habe ich jetzt größere Vorbehalte? Meine Vermutung ist: Sie werden es nun umso mehr wollen. Ich werde an diesem Tag auch viel nachdenken über meine Gespräche in den vorangegangenen Tagen: in Skopje mit slawischen, in den Bergen mit albanischen Mazedoniern. Am Abend gibt es einen kleinen Empfang, die eigentliche Tagung findet am FREITAG statt. Zehn Staatspräsidenten zu moderieren ist keine ganz leichte Aufgabe. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht mal, in welcher Sprache das Ganze passieren wird. Nato-Generalsekretär George Robertson soll dabei sein, dazu mehrere Verteidigungs- und Außenminister - aber wer weiß, wie die Welt bis dahin aussieht. Meine Aufgabe wird sein, um konkrete Aussagen zu bitten. Damit bei solchen Veranstaltungen etwas Substanzielles herauskommt, bedarf es einiger scharfer Fragen - und kurzer Antworten. Am SAMSTAG bleibe ich noch ein wenig in Sofia, um mehr darüber zu erfahren, was sich in der bulgarischen Politik tut. Ich versuche bei solchen Gelegenheiten immer, nicht nur die hohen Herren zu befragen, sondern auch die so genannten einfachen Leute. Wie der Papst mal so schön sagte: Unten findet man die Menschen. Womit ich nicht sagen will, dass die Staatsoberhäupter keine Menschen sind! Ich setze mich also mit meinen Freunden in eine Kneipe, gehe auf Fremde zu und versuche herauszufinden, was die Leute bewegt. Häufig haben gewöhnliche Menschen ganz außergewöhnliche Einsichten. Am Abend geht es dann, nach fast drei Wochen, endlich zurück, nach Oxford zu meiner Familie, die geduldig - vielleicht ja auch ungeduldig - auf mich wartet. Der SONNTAG gehört dann meiner Frau und unseren beiden Söhnen. Wir werden uns viel zu erzählen haben, auch wenn wir auf dieser Reise dank E-Mail in ständigem Kontakt miteinander bleiben konnten.
Am MONTAG ist dann mein erster Arbeitstag als neuer Direktor des Zentrums für Europäische Studien am St. Antony's College in Oxford. Da gibt es einiges zu organisieren: Verwaltungs- und Personalfragen erwarten mich. Ich hoffe aber auch, Zeit zu finden zum Nachdenken über diese Europareise. Ich liebe diese Kombination aus dem Sammeln von Eindrücken mitten im Geschehen und dem Rückzug ins Studierzimmer. Ich werde einen Reportage-Essay schreiben für die New York Review of Books, diese wunderbare europäische Zeitschrift. Am DIENSTAG geht es dann weiter mit meinem Einzug in das neue Büro. Es gibt das eine oder andere Buch, das ich gern in meiner neuen Bibliothek hätte, allein damit werde ich viel zu tun haben, das geht sicher nicht an einem Tag. Bis MITTWOCH werde ich einen Eindruck bekommen haben von der veränderten Europadebatte in Großbritannien. Ich möchte gern etwas dafür tun, dass man auch in Britannien Europa besser versteht. Wenn ich die britischen Zeitungen lese, frage ich mich wirklich, ob die denselben Kontinent meinen wie ich. Ich werde weiter in Verbindung sein mit Leuten, die ich auf der Reise getroffen habe: eine Art europäische Familie. Es ist diese seltsame Gleichzeitigkeit der neuen Welt: Man ist beschäftigt mit einem banalen Aspekt der Büroeinrichtung in Oxford - und plötzlich kommt ein Anruf auf dem Handy mit einer dramatischen Nachricht aus einem Dorf in den Bergen von Mazedonien.
AUFGEZEICHNET VON JÜRGEN VON RUTENBERG
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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