Einst dröhnten hier die martialischen Fackelzüge der Nazis entlang, später zerteilte ein Todesstreifen schweigend die Stadt, dann tobten sich Mauerspechte und schließlich Technojünger aus, heute flanieren hier Spaziergänger und Touristen aus aller Welt - die Straße des 17. Juni ist zweifellos eine der wichtigsten Magistralen der deutschen Hauptstadt. Doch ihr Name gibt den meisten Menschen mittlerweile ein Rätsel auf. Die wenigsten wissen noch, dass am 17. Juni 1953 Arbeiter in Ostberlin gegen die SED-Regierung demonstrierten. Diese ließ den Aufruhr, der als Streik auf die gesamte DDR überzugreifen drohte, vom sowjetischen Militär niederschlagen.

Vermutlich mehr als 100 Menschen starben damals. Dieses vergeblichen Versuches, die deutsche Teilung zu überwinden, wollte der Westen gedenken, deshalb erhielt die Straße des 17. Juni ihren Namen.

Am Montag, dem 9. Oktober 1989 belagerten circa 20 000 Bewaffnete eine Stadt in der DDR. Es galt zu verhindern, dass die Bevölkerung sich im Anschluss an die Friedensgebete in den Kirchen der Stadt erneut zu einer nicht genehmigten Demonstration "zusammenrottete". Es herrschte Schießbefehl für die Stadt Leipzig. Die Leute in Leipzig wussten das. Über 70 000 gingen an diesem Tag dennoch auf die Straße, viele von ihnen mit ihren Kindern an der Hand.

Diesmal eilte der SED-Regierung kein Sowjetmilitär zu Hilfe. Und auch die einheimischen "bewaffneten Organe" wagten es letztlich nicht, ihre Waffen gegen das eigene Volk zu richten. Jäh und unblutig brach am 9. Oktober 1989 die vierzigjährige SED-Diktatur zusammen - durch die friedliche Willensbekundung des eigenen Volkes.

Dieser Tag wendete die Geschichte der deutschen Teilung. Noch am gleichen Abend setzte auf den Straßen von Leipzig der Prozess der Demokratisierung ein - in unzähligen Gesprächen zwischen Machthabern und Bewaffneten einerseits und den Demonstranten auf der anderen Seite. Einen Monat später fiel die Berliner Mauer. Der friedliche Aufmarsch in Leipzig erwies sich als eine der folgenreichsten politischen Aktionen in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Was nun unterscheidet diesen 9. Oktober 1989 vom 17. Juni 1953? Er ist gewissermaßen ein historisches Pendant, das andere Ende des Entwicklungsbogens. Er ist der auf der ganzen Linie erfolgreiche Abschluss einer Auseinandersetzung zwischen ostdeutscher Bevölkerung und SED-Oligarchie, für die der 17. Juni ein erstes, unglücklicheres Symptom war.

Der 9. Oktober 1989 machte das Ende der deutschen Teilung möglich. Er erlaubt uns und den heutigen Besuchern Berlins, wieder ungefährdet von der Straße des 17. Juni durch das Brandenburger Tor und weiter Unter den Linden zu schlendern und dabei an Preußens glorreiche Zeiten oder einfach ans neue Berlin und seine beats per minute statt an Schießbefehle zu denken.

Der blutige 17. Juni von Berlin hatte schlimme Folgen für seine Opfer.

Identitätsstiftend war sein öffentliches Gedenken, solange die SED-Herrschaft bestand. Wer heute an ihn erinnert, darf aber das erfolgreiche Ende der Entwicklung nicht geringer schätzen. Der 9. Oktober von Leipzig hatte erfreuliche Folgen - für die Identität des gesamten Landes. Sie bestimmen die Gegenwart in Europa. Und unsere Zukunft.

Liebe gesamtdeutsche Landsleute! Stellen wir unsere deutsche Geschichtsrhetorik endlich vom Kopf auf die Füße. Nennen wir die Straße am Brandenburger Tor, das Symbol der deutschen Einheit, doch endlich so, wie sie folgerichtig heißen muss - Straße des 9. Oktober!

Martin Jankowski, geboren 1965 in Greifswald, lebt als Schriftsteller in Berlin-Prenzlauer Berg