Atlantisches Zerrbild

Was interessiert die Amerikaner an Deutschland? Hitler und der Holocaust. Erfahrungsbericht eines New Yorker Germanisten

Als Professor für Deutsche Literatur in New York City werde ich oft von deutschen Intellektuellen besucht - Schriftstellern, Künstlern, Verlegern, Journalisten und anderen Professoren. Viele stehen in engem Kontakt zu den USA und kennen sich recht gut mit dem amerikanischen Hochschulwesen aus.

Diese Begegnungen sind meist freundschaftlich und zwanglos, aber dennoch unterschwellig aufgeladen mit einem beiderseitigen Gefühl der Überlegenheit und einer Rivalität, die sich während des halben Jahrhunderts einer mehr oder weniger "freundschaftlichen" Besatzung entwickelt hat.

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Wenn sich jedoch die Unterhaltung dem Thema Political Correctness zuwendet, können meine deutschen Kollegen ihren Unwillen gegen das, was sie als typisch amerikanische Naivität angesichts einer unangenehmen, aber elementaren Wirklichkeit wahrnehmen, kaum verhehlen. Darüber hinaus kritisieren sie das, was sie als die akademische Entsprechung der P.C.-Bewegung ansehen: die penetrante und ach so modische Fixierung unserer Literaturabteilungen auf die Themen gender und race. Die Restriktionen bezüglich dessen, was man öffentlich über Frauen, Schwule, Schwarze und andere Minderheiten sagen darf, entsprechen ihrer Meinung nach ähnlich ideologischen und zensurartigen Zwängen in den Unterrichtsfächern Geschichte und Kultur. Auf beiden Gebieten habe eine Politik der Anpassung und der Pauschalisierung den Platz kritischen Nachfragens eingenommen.

Das Schweigen der Deutschen

Von jedem Amerikaner, der das Pech hat, bei diesen Begegnungen zugegen zu sein, wird verlangt, diese Dinge zu erklären, als ob er oder sie persönlich für Wendungen verantwortlich wären wie "vertically challenged" als Beschreibung für kleine Menschen. Meist nützt es nichts, in einer so polarisierten Situation diskutieren zu wollen. Aber ich brauche deutschen Intellektuellen nur zu sagen: "Die Diskussion über die Verfolgung einer bestimmten Minderheit ändert unweigerlich die Art und Weise, wie die Mehrheit diese Minderheit betrachtet. Ebenso unweigerlich beschränkt diese Diskussion die Art und Weise, in der die Mehrheit über die Minderheit reden kann." Ich füge dann immer hinzu: "Zum Beispiel die Art, wie Deutsche über Juden reden oder, besser gesagt, nicht reden."

An dieser Stelle werden meine deutschen Gesprächspartner, die sonst so schnell ins Debattieren verfallen, sehr schweigsam. Denn sie wissen, dass sie einen hohen Preis zahlen müssen, falls sie sich bei den Themen Juden, Holocaust und dessen Auswirkung auf das Deutschland der Nachkriegszeit über das enge Spektrum kodifizierten Mitleids hinauswagen. Schauen Sie sich nur die polemische Reaktion auf Martin Walsers Rede anlässlich der Verleihung des Deutschen Friedenspreises im Jahr 1998 an.

Für Amerikaner, die an knallharte und offene Debatten über diese Themen in ihrem Land gewöhnt sind, fällt besonders der Grad an Konformität, Befangenheit, betretenem Schweigen und sich selbst herabsetzendem Philosemitismus auf, von dem meine deutschen Kollegen plötzlich befallen werden, sobald die Diskussion sich diesen Themen zuwendet. Konformität mit dieser Version der deutschen politischen Korrektheit scheint fast ein Kriterium dafür zu sein, ob man ein "guter Deutscher" ist

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