Beschimpft, beleidigt, stigmatisiert
Auch in Afrika werden Muslime nach den Anschlägen in den USA bedroht. Und Radikale versuchen, Glaubenskrieger zu rekrutieren
Kapstadt.
Der Nachtwächter schlief tief und fest. Er hörte weder das Auto heranbrausen noch die Detonation der Benzinbombe. Erst als beißender Rauch in seine Nase stieg, wachte er auf. Mittwoch vergangener Woche, halb vier Uhr nachts, brannte die schwere Holzpforte des Darul-Arqam-Islamic-Instituts im Kapstädter Vorstadtviertel Athlone lichterloh. Das Feuer konnte gelöscht werden, die Sache ging glimpflich aus. "Aber solche Anschläge könnten sich jederzeit wiederholen", sagt Achmat Sedick, "denn auch unser Land hat das Fieber der Islamophobie erfasst." Sedick ist der Generalsekretär des Muslim Judicial Council, des islamischen Rechtsrates am Western Cape. In dieser Provinz leben die Hälfte der 670 000 Muslime Südafrikas.
Allein, Sedick und seine Ratskollegen lassen sich die Angst vor dem Unberechenbaren nicht anmerken. Der Alltag ihrer Diaspora hat sich seit dem Terrorangriff auf Amerika verändert. Sie erhalten Drohbriefe und müssen Schimpftiraden von Radiohörern über sich ergehen lassen. Ihre Kinder werden in der Schule beleidigt. Auf der Straße begegnen ihnen verächtliche Blicke.
Sie fühlen sich stigmatisiert, und das ist eine ungewohnte Erfahrung im neuen, demokratischen Südafrika.
Die Vertreter des Islamrates empfangen uns freundlich. Sie wirken erleichtert, dass endlich einmal jemand vorbeischaut, um ihre Sorgen zu hören. Die gerade renovierte Bücherei enthält prächtige Ausgaben des Koran, in Leder gebunden, mit goldenen Lettern. An der Wand sind Bilder von der Intifada zu sehen, und ein Plakat lässt keinen Zweifel aufkommen, auf welcher Seite sie in der Nahostfrage stehen: "Stoppt den Holocaust gegen Palästina!"
Aber der Nahe Osten steht heute nicht auf der Agenda der Gastgeber. Sie wollen über globale Gefahren reden. Über den Krieg, der gerade vorbereitet wird. Über das Leid der unschuldigen Glaubensbrüder in Afghanistan. Über die pauschale Verteufelung ihrer Religion. "Wir sind noch immer tief erschüttert vom Horror, den die Angriffe auf Amerika auslösten", sagt Maulana Ighsaan Hendricks, der Vizepräsident des Rates, "und alle gottesfürchtigen Muslime trauern um die vielen Toten." Aber er warnt vor blinder Vergeltung und ruft im Namen seiner Organisation zu einem Antikriegsbündnis aller Südafrikaner auf.
Die Muslime am Kap, überwiegend Coloureds, Mischlinge, die von Sklaven aus Asien abstammen, gelten als friedliche, tolerante, rechtschaffene Bürger, die gegen fundamentalistische Hetze immun sind. Unterdessen aber werden auch andere Stimmen laut, schrille, militante, aufwiegelnde. Sie waren neulich in der Habibia-Moschee in Rylands zu hören, bei einer Versammlung von 500 aufgebrachten Gläubigen. Man werde Attacken auf Afghanistan nicht tatenlos hinnehmen, verkündete Abdurahman Khan. Seine Organisation, die den Sturz "unrechtmäßiger Führer" anstrebt, will 5000 Kämpfer rekrutieren, um den bedrängten Taliban beizustehen: "Wir suchen junge arbeitslose Männer, Muslime und Nichtmuslime ... Es ist Zeit, sich gegen den Tyrannen Bush zu erheben."
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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