Bewaffneter Heimflug
Wie ich vor ein paar Tagen am New Yorker Flughafen meinen Seelenfrieden retten konnte
New Yorker haben sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, dass ihr Land im Krieg steht und sie an vorderster Front. Keiner, überhaupt niemand beschwert sich darüber. Gewaltverbrechen sind seit dem 11. September um 37 Prozent zurückgegangen, und die dralle Bedienung in meinem Lieblings-Diner hat zweieinhalb Kilo abgenommen, weil sie einfach nichts mehr essen kann.
Nicht allzu viel zu essen oder zu trinken oder gar zu rauchen ist hier ohnehin ein moralischer Imperativ. Nun sind die Geschäfte und Restaurants leer.
Am Nachmittag sind die Autotunnel nach Manhattan wieder mal geschlossen - wegen einer Bombendrohung oder weil das FBI etwas entdeckt hat: Dass die Terroristen nämlich mit arabischen Lkw-Fahrern in Kontakt standen, die eine Lizenz zum Transport gefährlicher Güter besaßen. Schon zwei Tage lang stehen Polizeikontrollen vor sämtlichen Zufahrten zur Halbinsel Manhattan. Davor staut sich der Verkehr zehn Kilometer zurück. Man fragt sich, wer in diesen Tagen ernsthaft die Geduld aufbringt, nach Manhattan zu fahren. Ich jedenfalls verlasse es. Man sagt, dass Fliegen nie sicherer gewesen sei als jetzt.
Der Autotransportservice zum JFK-Airport besteht darauf, dass man sich von ihm zwei Stunden vor dem Check-in abholen lässt, was inzwischen heißt, vier Stunden vor Abflug aufzubrechen. Wer von Midtown-Manhattan kommt, muss einen halben Tag einplanen, um seinen Flug zu erreichen. Ich weigere mich, kooperativ zu sein. Ich lasse den Abholer warten und bin auch zu spät am Check-in für den Lufthansa-Flug nach Frankfurt am Main. Der Flug ist überbucht. Viele werden wohl von der Liste gestrichen werden. Eine kleine Hoffnung: Vielleicht wird noch ein Platz in der Businessclass frei, den ich mit einem Upgrade-Gutschein kriegen könnte. Ich soll warten, bis sich was tut. Ein Platz wird frei. Bald darauf ein zweiter. Ein ganz süßer Lufthansa-Angestellter stuft auch meine Tochter in die Businessclass hoch, ganz einfach weil es doch unter den Umständen netter für uns sei, zusammenzusitzen.
Wir werden gebeten, in der Businessclass-Lounge zu warten, bis man uns aufruft. Das soll aber erst eine halbe Stunde vor Abflug geschehen. Ich hatte erwartet, dass die harten Kontrollen Stunden dauern würden, weil es hieß, auch das Bordgepäck werde per Hand gefilzt. Also zehrt diese Formulierung "eine halbe Stunde vor Abflug" einigermaßen an meinen Nerven, schließlich bin ich immer noch auf Stand-by. In meiner Handtasche trage ich einen kleinen Behälter mit Tränengas.
Ich bin in New York aufgewachsen, bin überfallen und ein paarmal fast vergewaltigt worden, und ohne mein Tränengas gehe ich in New York nirgendwo hin. Ich kann einfach nicht. Ohne das sichere Gefühl, diese kleine schwarze Flasche in der Hand zu halten, auf der Sabre steht und die mit Tränengas vom Kaliber "Polizeistärke" gefüllt ist, kann ich weder eine öffentliche Toilette besuchen noch einen leeren Aufzug betreten noch ein Parkhaus - alles Orte in New York, an denen ich oder meine Freundinnen schon mal belästigt worden sind. Ich habe also nicht die Absicht, ohne mein Sabre zu fliegen. Ich will damit vielmehr Terroristen überwältigen, woraufhin ich das Flugzeug sicher zur Landung bringe.
Mit einigen Freunden habe ich über dieses Vorhaben mit dem Sabre geredet, und ich habe nichts weiter als Schelte geerntet und mir Warnungen anhören müssen, von wegens dass man mich sofort verhaften würde. Ein paar hatten schon Wetten abgeschlossen, ob es mir wohl gelänge, eine scharfe Waffe durch die Flughafenkontrollen zu schmuggeln. Mein Seelenfrieden steht folglich auf dem Spiel - und eine Menge Geld.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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