Das Lesen geht weiter
Vom Umgang mit der Droge Buch: Sieben Wortgläubige bekennen sich zu ihrer Abhängigkeit
Am kommenden Dienstag beginnt in Frankfurt am Main die Buchmesse, der Welt größte Schau des Buches, besser gesagt ihrer Verfasser und Verkäufer. 360 000 Bücher werden gezeigt und dennoch: Um den Leser geht es dort kaum. Anlass für uns, einmal der Frage nachzugehen, was die ungebrochene Faszination jenes Mediums ausmacht, das für manche wichtiger ist als Freunde, Fernsehen, Internet und Kino. Viele Menschen können gar nicht genug von Büchern kriegen, stellen sie sich meterweise ins Regal und ärgern sich bei jedem Umzug aufs Neue über die schweren Kartons. Andere fanden sie immer schon langweilig und schaffen sich erst gar keine an. Bücher, das sind Tagebücher, Geburtsbücher, Kinderbücher, Schulbücher, Drehbücher, Kirchenbücher, Kriegsbücher, Rechnungsbücher, Buch der Bücher, Handbücher, Lieblingsbücher, Bücher für den Urlaub, Bücher fürs Leben. Der Duden beschreibt sie gewohnt präzise als mehrere Arten geheftete und gebundene Papierlagen. Der Duden kennt keine Gefühle. Wohl aber die Menschen, die die gehefteten oder gebundenen Papierlagen lieben, hassen, verehren, verachten. Bücher gehören also zum Leben. Aber wie? Und wo? Sollen die Lieblingsbücher zu Hause im Regal stehen, oder genügt es, Helden und Gedichte auswendig im Kopf zu haben? Reichen die 367 Bücher, die im neuen Ikea-Katalog ins Anbausystem Bonde passen? Was ist mit den zig verlorenen Büchern, den unvergessenen und vergessenen, den verliehenen und nie wiedergesehenen?
Und wie gehen wir mit den gelesenen Werken um, horten wir sie oder geben wir sie weiter? Wir haben sieben mehr oder weniger bekannte Leser, jeder auf seine Weise wortgläubig, befragt nach ihrer Beziehung zum Buch: die Schauspielerin Bibliane Beglau, das Model Franziska Knuppe, den Lektor Mathias Gatza, die Autorin Malin Schwerdtfeger, den Drehbuchautor Julius Grützke, den Modemacher Jo Wiedemann und den Politiker Cem Özdemir.
Bibliane Beglau weiß genau, wie man liest, und ist froh, nur lesen zu können und nicht schreiben zu müssen.
Wie ich angefangen habe, zu lesen? Gar nicht, mir wurde meistens vorgelesen.
Darum kann ich mich auch nicht an mein erstes Buch erinnern. Aber ich weiß, wie man liest. Man macht die Augen auf, nimmt ein Buch zur Hand, schlägt die erste Seite auf und kombiniert die Buchstaben zu Wörtern, die wiederum durch Satzzeichen verbunden oder getrennt werden. Diese Zeichen geben dem Text seinen Rhythmus und seine Eigenheit. Zum Beispiel in Rosa, einem Buch von Thomas Harlaan. Die Worte fügen sich zu Sätzen, die Sätze zum Text, und das ergibt dann einen Sinn. Ich hoffe, in einem Buch etwas zu erfahren, was ich vorher nicht wusste. Die Aufgabe müsste es sein, einen Autor durch seine Texte sprechen zu lassen, und das möglichst genau.
Am nächsten fühle ich mich den Texten von Falk Richter. Bücher kann ich innerlich mitnehmen, aber sie müssen auch in meinem Regal existieren, damit ich nachschlagen kann, wenn ich etwas vergesse. Das letzte Buch, das ich gelesen habe, hieß Mao II, von Don DeLillo. Der Autor beschreibt unter anderem einen Schriftsteller, der seit Jahren immer an einem Text arbeitet, ihn umstellt, neu erfindet, verbessert, um ihn dann zu verwerfen. Da bin ich froh, nur lesen zu können und kein Autor sein zu müssen, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt. Und in meinen Beruf als Schauspielerin habe ich die Möglichkeit, Text auch körperlich sichtbar zu machen.
Beglau, 30, Schauspielerin, erhielt 2000 auf der Berlinale für den Schlöndorff-Film Die Stille nach dem Schuss den Silbernen Bären. Spielte zuletzt Theater in Christoph Schlingensiefs umstrittener Hamlet-Inszenierung in Zürich. Im Oktober kommt ihr neuer Film in die Kinos: Birthday von Regisseur Stefan Jäger.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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