Das große Luftholen

Weit schweift der Blick über die Kornfelder von Montana und die Steppe dahinter, und jenseits der ockrigen Ebene, am Horizont, ragen blassblau die Rocky Mountains auf. Viereinhalb Meter reicht das Massiv von links nach rechts, denn auf diese Breite ist das Panoramafoto abgezogen. Eine mächtige Landschaftsaufnahme, fast möchte man sie erhaben nennen. Wim Wenders hat sie im vergangenen Jahr gemacht, wohl auf Motivsuche für seinen nächsten Spielfilm In America. Jetzt hängt sie mit 33 anderen Motiven im Hamburger Bahnhof Berlin in der Ausstellung Bilder von der Oberfläche der Erde (bis 4. 11.). Das klingt nicht nur nach National Geographic, sondern sieht manchmal auch stark danach aus: wenn etwa die Abendsonne auf australische Felsformationen fällt oder das Gegenlicht in einen japanischen Bambuswald.

Erst wo die Zivilisation ins Spiel kommt, wird klar, was Wenders' Blick besonders behagt - die stillgestellte, verlassene, menschenleere Szene. Auf dem Bild eines Indianerfriedhofs in der Prärie sieht man den Grabstein von "Traveling Wolf". Sprechender geht es nicht. Die Reise ist beendet, das Leben davongegangen, jetzt herrscht Ruhe. Ähnlich befriedet wirken Stillleben mit vereinsamten Sesseln in einer texanischen Hotellobby, edwardhoppereske Häuserzeilen im entvölkerten Butte/Montana oder Aufnahmen aus einer japanischen Klosteranlage. Die Menschen waren einmal da, zu einer anderen Zeit. Jetzt sind sie außer Sichtweite, und die Kamera schneidet sich eine Scheibe Ruhe ab. Im Fotografen Wenders spürt man noch den Filmemacher. Der macht nur gerade Pause, für einen Moment, vom Geschichtenerzählen. Mit Wohlgefallen erkennt er an verwitterten Fassaden versteinerte Geschichten, die er wiedererwecken könnte. Und in der unbefleckten Landschaft erblickt er den fruchtbaren Boden für kommende Storys. Wenders' Fotos sind ein großes Luftholen, sie sind der angehaltene Atem, bevor die nächste Klappe fällt.

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Gleich springt die Filmkamera wieder an, Menschen stapfen durchs Bild, das Gerede geht weiter. Schade eigentlich. Merten Worthmann

 
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