Der beste Freund
Verlässlich und rüstig: In der Krise bewährt sich England als bevorzugter Partner der USA
Wie Gerhard Schröder seinen britischen Kollegen beneiden dürfte. Während der Bundeskanzler eine wackelige Koalition zusammenhalten muss, ist Tony Blair uneingeschränkt Herr seiner Entscheidungen. Im Krieg schlägt auf der Insel stets die Stunde der Exekutive. Der Premier braucht weder Rücksicht auf einen schwierigen Koalitionspartner zu nehmen, noch bedarf er des Votums eines Parlamentes. Er allein schickt Truppen in den Krieg. Um den Eindruck zu entkräften, er schere sich nicht um die Meinung der Volksvertreter, holte Blair das Unterhaus in dieser Woche zum zweiten Mal aus der überlangen Sommerpause zurück. Ein Risiko war damit nicht verbunden
nur eine Hand voll altlinker Labour-Parlamentarier ließ antiamerikanischen Gefühlen freien Lauf und geißelte die "Komplizenschaft" der eigenen Regierung beim vergessenen Bombenkrieg gegen den Irak. Ansonsten herrschte weithin Einmütigkeit, auch mit den oppositionellen Konservativen und Liberaldemokraten.
Keinen "besseren Freund" als Großbritannien besäßen die USA, schmeichelte George W. Bush. Das Kompliment war zweifellos ehrlich gemeint. Tony Blair spielt exakt die Rolle, die britischen Premiers im Umgang mit Washington stets vorgeschwebt hat: loyaler, verlässlicher Verbündeter, stets bereit, Worten des Beistandes auch, wenn erforderlich, militärische Taten folgen zu lassen
zugleich Berater, dessen Worte beachtet werden. In Blairs Umgebung mag man nicht einmal uneingeschränkt das Bild gelten lassen, mit dem, zu Zeiten Kennedys, Harold Macmillan die Rollenverteilung zwischen Supermacht und postimperialem Absteiger beschrieb: Großbritannien sei das Athen zu Amerikas Rom. Athen habe keinen direkten politischen Einfluss auf die Entscheidungen Roms besessen
"wir dagegen arbeiten militärische Operationen zusammen mit Weißem Haus und Pentagon bis ins letzte Detail gemeinsam aus".
Mit stiller Genugtuung registriert man in 10 Downing Street eine andere Entwicklung: Am Vorabend der Kosovo-Intervention hatte Blair in seiner Chicago-Rede von einer Welt gesprochen, in der Isolierung nicht länger möglich sei und in der man Konflikte und Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern nicht ignorieren könne, "wenn wir in Frieden leben wollen".
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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