Die jungen Trendverderber
Das Image der New Economy ist ruiniert. Und wenn schon: Clever geführte Start-ups nutzen ihre Chance
Freitag, 17 Uhr, Mitarbeiter-Meeting im Konferenzsaal. Die Neuen stellen sich vor. "Ich bin Volker, von Haus aus Physiker. Ich habe eineinhalb Jahre in einem Internet-Start-up programmiert, bis es zugrunde gegangen ist."
Gelächter, halb schadenfroh, halb mitleidig. Man kann es sich leisten: Während woanders Entlassungen an der Tagesordnung sind, stellt die Kölner Tecon AG ein. Und zwar nicht zu knapp. Seit Jahresbeginn hat sich die Belegschaft der Firma, die unter anderem Software für den Telekommunikationsbereich entwickelt, verdoppelt, von rund 40 auf mehr als 80 Mitarbeiter, bis zum Jahresende sollen weitere 20 hinzukommen.
Die New Economy arbeitet weiter. Trotz Insolvenzen und Entlassungen, die in den vergangenen Monaten die Nachrichten beherrschen
trotz Spott und Hohn, der sich über diejenigen ergießt, die an das Ideal einer neuen Wirtschaft glaubten. So undifferenziert und hysterisch, wie junge Unternehmen einst hochgejubelt wurden, so einseitig und falsch werden die einstigen Hoffnungsträger nun undifferenziert zum Abschuss freigegeben. Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der GFT Technologies AG, findet es "erschreckend", wie die gleichen Experten, die noch vor ein, zwei Jahren gar nicht genug Lobpreisungen der Neuen Ökonomie loswerden konnten, "jetzt düstere Gesänge anstimmen".
Doch von München bis Hamburg wachsen und gedeihen noch immer Tausende von Start-ups. Es beachtet sie im Augenblick nur keiner. Erfolg zu haben liegt in einer Zeit, in der Internet-Adressen wie dotcomtod.de oder konkurse.com zu Kultseiten avancieren, einfach nicht im Trend.
Dabei heben die Konkursstatistiker der Wirtschaft-Auskunftei Vereine Creditreform in ihrem Verbands-Halbjahresbericht 2001 ausdrücklich hervor, dass Firmen der New Economy "nicht stärker insolvenzgefährdet als andere Unternehmen" sind. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sei das Insolvenzrisiko in Branchen wie Softwareherstellung, Biotechnologie oder Mediadesign "noch gering": Im Bereich IT und Datenverarbeitung liegt die jährliche Insolvenzquote je 10 000 Unternehmen statistisch bei 32, im E-Commerce-Bereich bei 40. Zum Vergleich: Im gesamten Dienstleistungssektor gehen von 10 000 Unternehmen 85 Pleite, in der westdeutschen Bauwirtschaft fast 200 pro Jahr.
Sicherlich hat sich die krisenhafte Entwicklung besonders bei den Internet-Firmen, den so genannten Dotcoms, seither verschärft. Und die Folgen der Attentate vom 11. September sind bisher nicht abzuschätzen. Doch in den USA, die der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland normalerweise einige Monate voraus sind, ist die Insolvenzwelle bereits wieder abgeflaut: Gingen nach einer Statistik von webmergers.com in den Monaten April bis Juni noch durchschnittlich 60 Internet-Start-ups Pleite, so waren es im Juli und August nur 39 beziehungsweise 38.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren