Einmal Araber, immer Araber
Muslime stellen die zweitstärkste Religionsgemeinschaft in Frankreich. Warum fühlen sie sich noch immer nicht integriert? Erinnerungen an den Algerienkrieg spielen eine fatale Rolle
Dalil Boubakeur ist ein Mann, der seine Aufgabe beherrscht. "Ich als Arzt", hebt er an und verleiht damit allem, was folgt, die Weihe der wissenschaftlichen Menschenkenntnis. Boubakeur ist Arzt gewesen, 25 Jahre lang, zuletzt Chefarzt in Paris. Jetzt ist er der französische Lieblingsmuslim, und man versteht sofort, warum: Er ist so rund und beruhigend. Er weiß, was er vor den Fernsehkameras zu sagen hat. Immerzu wird der Rektor der Moschee im fünften Arrondissement jetzt eingeladen, wenn ein Muslim mit aufs Bild muss - beim ökumenischen Gottesdienst in der amerikanischen Kirche, beim Innenminister, in der Nationalversammlung. Ein Muslim, aber einer, den man erkennt, weil man ihn kennt. Und nicht, weil er aussieht wie ein gläubiger Araber.
Vor zwei Jahren noch war Dalil Boubakeur, Rektor von Gnaden des algerischen Regimes, so umstritten, dass der Staatspräsident ihn nicht zu seinem Neujahrsempfang für die französischen Religionsgemeinschaften eingeladen hatte (andere Muslime übrigens auch nicht). Die plötzliche Beliebtheit von Dalil Boubakeur ist Ausdruck einer quälenden Unsicherheit. Die Muslime sind die zweitstärkste Religionsgemeinschaft im Land. Rund fünf Millionen meist nordafrikanische Zuwanderer und ihre französischen Kinder leben in Frankreich, mehr als in jedem anderen Staat Europas: vor allem Algerier, Marokkaner, Tunesier und Türken. Viele haben die doppelte Staatsangehörigkeit: Was, wenn sie sich jetzt weniger französisch als arabisch fühlten? Wenn sie anfingen, für bin Laden zu schwärmen - wie vor zehn Jahren, im Golfkrieg, für Saddam Hussein? Fast drei Wochen hat es gedauert, bis die linke Tageszeitung Libération, sonst auf Sozialreportagen dieser Art abonniert, den ersten ausführlichen Artikel veröffentlicht hat über die Befindlichkeit in den Hochhaussiedlungen, in denen die meisten Immigrantenfamilien leben.
Frankreich weiß nicht, woran es mit seinen arabischen Kindern ist. Als Unterfutter für viele Ängste dient der Lebenslauf eines 33-jährigen Mannes, den die amerikanische Polizei für ein Mitglied des Kamikaze-Netzwerks vom 11.
September hält. Sein Fall ist noch irritierender als der des Hamburger Studenten Mohamed Atta, weil sein Leben wie das Musterbeispiel eines französischen Einwandereraufstiegs anfängt: Zacarias Moussaoui, 1968 als Sohn marokkanischer Eltern in Frankreich geboren, ist zusammen mit drei Geschwistern bei seiner Mutter aufgewachsen, einer tüchtigen, ehrgeizigen Frau. Er war ein glänzender Schüler, der sein Studium jung mit einer Doktorarbeit über internationale Wirtschaftsbeziehungen abgeschlossen hat.
Wann und warum hat er, der die arabische Welt doch nur von Ferienaufenthalten kannte, den westlichen Karriereweg verlassen? Die Mutter, eine naturalisierte Französin, erinnert sich in ihrem Bungalow in Narbonne an die Worte eines rassistischen Mittelschullehrers, die ihren Sohn zutiefst gekränkt hätten: "Zacarias soll einen Realschulabschluss machen, das ist gut genug für einen Araber." Das habe seinen ganzen Hass ausgelöst. In Erinnerung an diese nie vergessene Erniedrigung sei er nach der Begegnung mit einer frommen Nichte, Schülerin der Muslimbrüder, zum Islamisten geworden. Ein jähzorniger Glaubensbruder, der in Bosnien gekämpft hatte, hat nach einer ähnlichen Kränkung vor wenigen Wochen nicht lange gewartet, sondern gleich in der Nacht mit der Panzerfaust auf Polizisten geschossen. Ein Polizist hatte ihn mit einer Rektaluntersuchung gequält. Das habe er, der im Übrigen Einiges auf dem Kerbholz hatte, als puren Rassismus verstanden, erzählten seine Freunde hinterher, denn an diesem Tage sei er bloß auf einem Familienausflug mit seinen Schwestern unterwegs gewesen.
Die muslimischen Einwanderer, das gehört zu den sicheren Erkenntnissen dieser Tage, sind auch nach Jahrzehnten und in zweiter Generation keine selbstgewissen Franzosen. Die doppelte Staatsbürgerschaft und die Technik - Flugverbindungen, Satellitenfernsehen, Telefon - führen zu transnationalen Existenzen, einer Lebensform, für die es keine Vorbilder gibt. Aber das erklärt nicht die merkwürdigen Ausweisungsfantasien, die offenbar viele mit sich herumtragen. "Bis nächste Woche", verabschiedet sich der Universitätsdozent Mustafa lakonisch von seinen Fakultätskollegen, "wenn ich bleiben darf." Die Libération zitiert in ihrem Bericht aus den Vorstädten zwei einfache Frauen
die eine glaubt, dass sie vielleicht nach Tunesien fliehen muss, die andere erzählt von ihren schlaflosen Nächten und von den Juden, denen man in den dreißiger Jahren schließlich auch ihre Pässe weggenommen habe: "Warum sollte es uns anders gehen?" Das Zugehörigkeitsgefühl ist so instabil wie ein Kartenhaus.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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