Evangelist des Profits
Der härteste Manager der Welt legt seine Memoiren vor
Eine Legende ist in Ruhestand gegangen, und die Manager lassen sie hochleben. Die deutsche Ausgabe der Autobiografie von Jack Welch ist verziert mit 21 Lobeshymnen von Unternehmern. Er sei "die Verkörperung der Shareholder-Value-Idee", jubelt Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz, "seine Leistung wird auf lange Zeit unübertroffen bleiben", preist ihn Springer-Chef August Fischer, er sei ein "chief evangelist", jauchzt Verleger Hubert Burda.
Hosianna!
Der mächtige Chef von General Electric begann 1960 als Doktor der Chemie in einer Entwicklungsabteilung für Kunststoffe des Elektrogiganten. Fast kündigte er, weil die erste Gehaltserhöhung zu gering ausfiel. Dann arbeitete er sich aber doch die 29 Hierachieebenen hinauf und ging 1980 aus dem jahrelangen Auswahlverfahren für den neuen Vorstandschef als Sieger hervor.
Welch machte General Electric zum wertvollsten Unternehmen der Welt. Welch hat die Energie eines Kraftwerkes und das Charisma eines Religionsgründers.
Er führte nach dem bewährten Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip, mit "einem aufmunternden Wort oder einem Tritt in den Hintern". Welch hielt sich dabei an Weisheiten, die er von seiner Mutter am Küchentisch lernte. Die sagte zu ihm: "Mach dir nichts vor. Die Dinge sind, wie sie sind."
Er bekämpfte die Bürokratie, die ihn erdrückte, "als hätte man sich zu viele Pullover angezogen". Und er entließ in den ersten fünf Jahren seiner Amtszeit jeden vierten Mitarbeiter. Insgesamt verließen mehr als 100 000 das Unternehmen. Selbst profitable Geschäftsbereiche wurden geschlossen, weil sie Welchs Gewinnansprüchen nicht genügten. Eine Zeitung nannte ihn "Neutronen-Jack", der Mann, der die Menschen auslöschte, die Gebäude jedoch stehen ließ. Sein Prinzip: "Anerkennung der Besten und Aussieben der Ineffektiven." Die Frage, was mit den Menschen passiert, die die Auslese nicht überstehen, stellte er sich nicht.
Stellenweise lesen sich Welchs Erinnerungen wie ein Handbuch für Übernahmen und Fusionen. Mehr als 200 Firmen kaufte er und beschreibt seine globale Einkaufstour so, als würde er über einen Wochenmarkt gehen. Toaster, Investmentbanken, Fernsehsender - es gibt nichts, was General Electric nicht besitzt. Der Börsenwert von 370 Milliarden Euro entspricht der Hälfte der Bewertung des Deutschen Aktienindex. Das Unternehmen ist ein Moloch, der immer nur nach mehr schreit - und Welch war der Dompteur. Skrupel kannte er keine. Die einzigen Vorwürfe, die er sich macht: Er sei nicht schnell, nicht konsequent genug gewesen. Das sagt der Mann, der einst zum "härtesten Manager Amerikas" gekürt wurde.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren