Exzentrisch, reizbar, krude, kühn
Gemalte, gezeichnete Biografie: Die William-Turner-Ausstellung in Essen
Was tun mit Turner? Einfach anstehen im Essener Folkwang Museum für die größte Präsentation seines Werks, die es auf dem europäischen Kontinent je gab? Dem Titel der Ausstellung folgen, Licht und Farbe, der "Moderne" suggeriert? Warten auf Turner, den Abstrakten lange vor der Zeit, auf eine autonome, von der Realität befreite Malerei, in die wir uns heute so leicht hineinzusehen meinen?
Es ist anders und viel aufregender. Denn Joseph Mallord William Turner zeigt sich, 150 Jahre nach seinem Tod, in dieser grandiosen Schau als später alter Meister wie als kühner, in die Zukunft drängender Experimentator. Ein Sohn Englands und ein großer europäischer Künstler des 19. Jahrhunderts. Er war ein Mann aus kleinen Verhältnissen, eigensinnig, eigenbrötlerisch, ja exzentrisch, von reizbarem Geist. Erfüllt vom Fortschrittsglauben seiner Epoche und fasziniert von deren technischen Entwicklungen
dabei den großen Gestalten der abendländischen Malerei ehrgeizig verbunden und lebenslang bestimmt von rückhaltloser Hinwendung zum Künstlerberuf.
Die Kunst war Triebfeder seines Lebens. Schon in erstaunlich jungen Jahren war er Mitglied der Royal Academy, wurde später Professor für Perspektive und gefeiert für seine großformatigen Ölgemälde und bildmäßig ausgearbeiteten Aquarelle. Die Landschaften Englands und Schottlands gaben den Anstoß für frühe topografische Erkundungen, die Landschaften des europäischen Kontinents für die Öffnung in eine Malerei, die auf Realität basierte und dabei Dynamik und Atmosphäre in der Natur auf virtuose Weise auszudrücken verstand.
Es war eine Kunst aus dem Leben für das Leben. Notationen, Empfindungen, Erinnerungen eines Reisenden, der reizvollen Orten und dem Drama der Naturgewalten - vom Schneesturm bis zur wogenden See - höchste Aufmerksamkeit widmete. Landschaftsbilder, für die Turner "das Bewundernswerte in der (alten) Kunst und das Erhabene, das Schöne in der Natur" auszuwählen, zu kombinieren und zu verdichten suchte. Wobei er von Jugend an drei Ziele verfolgte: die Nobilitierung der Landschaftsmalerei innerhalb der klassischen Hierarchie der Kunstgattungen
die Aufwertung des Aquarells zu einem dem Ölgemälde gleichrangigen Medium
schließlich die Steigerung allgemeiner Wertschätzung der englischen Kunst.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren