Flug der Töne

Der Mann ist 41, spielt seit seinem 15. Lebensjahr Saxofon, wohnt in Philadelphia und hat nahezu ein Meisterwerk geschaffen. Natürlich ist so etwas nicht zu planen, ist es ihm unterlaufen, wie üblich, wenn sich die vier Millionen Töne, die er bis jetzt gespielt hat, mit seinen tausend Ideen kreuzen und den hundert Projekten, die ihm vorschweben. An diesem Punkt steht Symbols Of Light (A Solution), das Album eines Altsaxofonisten, der jahrelang als führendes Mitglied des New Yorker Jazz-Kollektivs M-Base galt und durch seine konzeptuelle Neugier und Experimentierlust ebenso auffiel wie durch seinen spröden Ton: Greg Osby.

Nach HipHop- und Poetry-Projekten sitzt Greg Osby diesmal in Weste und Frack vor roter Stofftapete, während im Salon nebenan ein weißgewandetes, schwarzes Streicherinnentrio den Kontrast gibt. Der Künstler als Daguerreotypie im barocken Goldrahmen - das könnte aus der Nähkästchenfantasie des schwarzen Musikbürgertums um Wynton Marsalis stammen und ist doch selbstironischer Kommentar zur Einkehr in Streichergefilde (Blue Note Records 31 395, EMI).

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Denn nichts läge Greg Osby ferner als ästhetischer Ausverkauf.

Sein Ton hat noch immer diesen herben Geschmack, der zwischen Charlie Parker und Lee Konitz liegt, wirkt aber in Verbindung mit dem Streicherklang umso selbstverständlicher, je mehr er nach Strenge strebt.

Greg Osby kennt die alte Mär vom missachteten Straßenmusiker, der sich die Weihen der klassischen Musik erträumt, er weiß um die süße Gefahr von Streichersirup. Er vermeidet sie ebenso wie sein grandioser Pianist Jason Maron. Er arrangiert das Trio als zweite Bläserstimme im Unisono und als Kopie der Melodie, ein andermal als Riff und Kontrapunkt, auch als rhythmisierendes Minimalmuster und atmosphärisches Klangflüstern im Hintergrund. Und drüber, drunter und dazwischen legt er seine Saxofonlinien, fliegen die Töne so entspannt und doch vibrierend, dass man ins Vergleichen kommt, die Eleganz von Stan Getz' Zusammenarbeit mit Eddie Sauter bei Focus ebenso nahe scheint wie die Energie von Ornette Colemans Chappaqua Suite oder Skies of America.

Gegen Erfolg habe er nichts, nur möchte er "nichts machen, was ich meinen Enkelkindern mit schlechtem Gewissen vorspielen müsste", meinte Osby vor Jahren. Diese Sorgen sind unnötig, auch in Samt und Seide ist seine Schönheit zu spröde. Konrad Heidkamp

 
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