"Forever young"
Bakterien aus einem Wüstensee sollen die menschliche Haut vor Sonne und Wassermangel schützen
Joachim Bünger sieht jünger aus als die 39 Jahre, die er auf dem Buckel hat. Ein knabenhaftes, glattes Gesicht. Ob das mit seiner Arbeit in der Kosmetikindustrie zu tun hat, lässt sich schwer sagen. Aber immerhin forscht der promovierte Biologe seit drei Jahren bei Merck in Darmstadt an einem Stoff, der die Haut geschmeidig halten soll. Der Schlüssel zum kosmetischen Jungbrunnen liegt in einer Substanz, die aus der Wüste kommt. Genauer: aus einem Salzsee in Ägypten. Dort existieren Bakterien unter Extrembedingungen - bei großer Hitze und hohen Salzkonzentrationen.
Die Bakterien schaffen es zu überleben, unabhängig davon, ob der See fast ausgetrocknet ist oder gerade nach einem der seltenen, aber ergiebigen Regengüsse viel Wasser führt. Dies gelingt ihnen mithilfe einer Substanz, die für die Regulation der Wasserkonzentration im Inneren des Einzellers zuständig ist. Nach der Bakterie, in der sie entdeckt wurde, haben die Forscher sie Ectoin genannt. Ectoin funktioniert wie ein Wasserspeicher, der auf die Salzkonzentration der Umgebung reagieren kann: Bei Trockenheit und stark salzhaltigem Wasser bindet Ectoin Flüssigkeit in der Bakterienzelle.
Andernfalls wird Ectoin nach außen abgegeben.
"Es lag nahe, die Anwendung dieses Stoffes bei Pflegecremes und Moisturizern zu versuchen", sagt Erwin Galinski. In den 90er Jahren publizierte der Professor aus Münster eine Methode, wie die Bakterien aus den Salzseen gefischt und die Ectoin-Moleküle gewonnen werden können. Bald darauf folgte die Patentanmeldung. Vor drei Jahren hat Merck in Darmstadt die industrielle Produktion übernommen.
Dank Joachim Bünger hat das Bakterium jetzt auch in den gemäßigten Breiten Südhessens ein Zuhause gefunden. Stolz erklärt er Besuchern die Produktion.
Hier dampft und faucht und hämmert es. Was später in kleinen Cremetiegeln auf den Markt kommt, wird unter schwerindustriellen Bedingungen der Chemie gewonnen. Nur mit Helm und Brille darf man das Reich von Produktionsleiterin Lieselotte Strupp betreten. "Vorsicht, hier nichts anfassen!", schreitet die resolute Diplomingenieurin ein, wenn es zu gefährlich wird. In mehreren Kubikmeter großen "Fermentern", die wie riesige Sudgefäße aus Brauereien aussehen, gärt die Bakterienbrühe. Ein Rotor rührt das gelbliche Gemisch um.
Hier bekommen die Mikroorganismen, was sie brauchen, um sich zu vermehren und Ectoin im Übermaß zu bilden.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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