Harmlose Waffen

Wenn der Begriff Völkerverständigung mehr bedeutet als nur die rhetorische Figur einer Sonntagsrede, dann ist die 53. Internationale Buchmesse, die kommenden Dienstag in Frankfurt am Main beginnt, eine dem Frieden dienliche Veranstaltung. Zu den friedlichsten Bildern, die Menschen voneinander haben, gehört das Bild des Lesers. Wer liest, der sündigt nicht - allenfalls in Träumen oder Gedanken, und die sind frei.

Wir wissen aber, dass aus Gedanken, aus Träumen Taten werden können. Nicht alle Bücher sind friedfertig. Manche fördern die Verwirrung, andere den Hass, wieder andere geraten in falsche Hände, werden einseitig und also falsch verstanden, weil sie vieldeutig sind. Offenbar kann man aus dem Koran vieles ableiten, sogar den "heiligen Krieg". Wir erinnern uns daran, zu welchen Zwecken die biblische Botschaft schon missbraucht worden ist, sogar zur Inquisition.

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Wahr ist aber auch, dass die Menschen, solange sie mit Büchern streiten können, nicht mit Waffen streiten müssen. Unter allen Waffen ist das Buch die harmloseste. Die Buchmesse ist ein Marktplatz - und auch der Ort geistiger Auseinandersetzung. Die ist nicht immer friedlich, wie das Jahr 1968 zeigt, als Demonstranten gegen die Friedenspreisvergabe an Léopold Sédar Senghor protestierten und Hundertschaften der Polizei das Bild des Unfriedens verstärkten. Ebenso 1989, als Khomeinis Morddrohung gegen den Autor Salman Rushdie neue Furcht begründete.

Generell mochte man unter Büchermenschen die Polizei nicht gern sehen. Jetzt hingegen, in dieser Kriegs- und Krisenzeit, wird sie sich erstmals wieder demonstrativ zeigen. Ihr Anblick mag beruhigend wirken. Niemand weiß, wie gefährdet die Messe ist, und deshalb sind die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt worden. Es wird lästige Kontrollen und Wartezeiten geben, aber kaum einer wird sie als bloß lästig empfinden.

Die amerikanischen Verlage haben sich von der Katastrophe des 11. September nicht irritieren lassen. 792 Aussteller kommen aus den USA (von insgesamt 6671), und bislang gibt es lediglich 20 amerikanische Absagen. Die Zahl der Titel (400 666) und die der Neuerscheinungen (99 815) sind abermals gestiegen. Darin wird sich vermutlich alles finden, was gedacht und fantasiert, geträumt und spekuliert werden kann, und nicht alles wird der Völkerverständigung dienen. Aber die Tatsache allein, dass in Frankfurt Bücher aus allen Kulturen und Religionen dieser Welt ebenso kontrovers wie friedlich nebeneinander stehen, ist ein Trost, weil, wenn es denn sein muss, der Krieg der Worte immer noch besser ist als der Krieg der Waffen.

 
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