Hausbesuch im Notquartier

Nach seinem Zwangsumzug zieht das Wall Street Journal diese Woche wieder nach Manhattan

Fünf graue Betonklötze, eingebettet in wohlgepflegten Rasen. Das ist der Dow-Jones-Komplex in South Brunswick, New Jersey - anderthalb Zugstunden im Südwesten von New York. Die bunkerähnliche Anlage ist normalerweise die Arbeitsstätte von Verlagskaufleuten und IT-Experten. Seit dem 11. September, circa 17 Uhr, sind hier auch 300 Journalisten anzutreffen: die Macher des Wall Street Journal (WSJ), Flaggschiff des Medien- und Börsenkonzerns Dow Jones.

Als die ersten Redakteure des WSJ auf der Flucht aus dem Inferno von New York in Brunswick strandeten, begaben sie sich zielgerichtet ins Erdgeschoss von Gebäude 3. Ein Großraumbüro war dort schon vorher freigehalten worden, für den Fall, dass in New York einmal der Strom ausfallen würde. Die gesamte Zeitung umzusiedeln, das war wohl nie vorgesehen, sagt Jesse Lewis, einer der Schlussredakteure. Er sagt es so, als hätte er an dem Masterplan für Krisenzeiten mitgearbeitet. Sein neues provisorisches Büro gleicht einer Legebatterie für Journalisten. Er erhebt sich und ist umgeben von eng gestellten Tischen und Monitoren, die sich nach links, rechts, vorn und hinten in gleicher Formation aneinander zwängen. Das ist alles noch immer unvorstellbar, murmelt er. Die Journalisten wollen weg aus South Brunswick.

Anzeige

Wären am 11. September nicht zwei Boeing-Flugzeuge ins World Trade Center gerast, hätte Amerikas erste Wirtschaftszeitung noch in unmittelbarer Nähe der zerstörten Gebäude ihr Hauptquartier. Dort liegen heute noch Glasscherben und zentimeterdick Staub auf den Tastaturen und Notizblöcken der 400 Beschäftigten. Auch die Adressbücher und Rechercheunterlagen der Reporter befinden sich noch in den Schubladen der ausgestorbenen Redaktion.

Am Rande von Chinatown schaut Emily Nelson aus dem Fenster ihres ebenfalls neuen Büros auf die Straße. Drei Wochen musste die Reporterin nun von zu Hause aus arbeiten. Ende dieser Woche ist das Übergangsquartier an der Canal Street fertig. Die Hälfte der WSJler wird dann nach Manhattan zurückkehren.

Auch Emily ist mit dabei. Sie war eines der Staubopfer, die im Schatten des World Trade Centers standen, als es einstürzte. Sie glaubt nicht, dass sie etwas Besonderes zu berichten hat. Es betrifft die ganze Stadt. Die psychologische Hilfe, die ihre Firma per E-Mail anbietet, hat sie nicht in Anspruch genommen. Noch nicht, ergänzt sie.

Sie alle schien am 11. September vor allem eines zu beschäftigen: Wie können wir unter Kriegsbedingungen eine Zeitung herauszubringen? Als der erste Staub sich legte, positionierte sich Nachrichtenchef Paul Steiger vor dem WSJ-Gebäude und schickte jeden Kollegen, der ihm begegnete, direkt nach New Jersey. Wir alle hatten das Gefühl, dass wir etwas Nützliches tun wollten.

Wir spürten Trost dadurch, dass wir zur Arbeit kamen, sagt Steve Adler, einer von Steigers drei Stellvertretern. Wir haben gearbeitet wie die Verrückten. Am 12. September brachte das Wall Street Journal eine Notausgabe heraus. Von 1,8 Millionen Exemplaren kamen nur 150 000 nicht an. Auf Seite eins stand, was andere Zeitungen eine Woche später brachten: Rutscht Amerika in eine Rezession?

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service