"Ihr seid an allem schuld"
Schweigen, Verdächtigungen, Pöbeleien - wie sich das Zusammenleben von Muslimen und Deutschen seit dem 11. September verändert hat. Berichte aus Brennpunkten in Hamburg, Berlin und Köln
Hamburg-Wilhelmsburg. Als sich die Türen des Rettungswagens öffnen, geht alles ganz schnell. Sanitäter legen einen Schwerverletzten hinein, einen Lehrer, verwundet von mehreren Schüssen. Minuten später stirbt das Opfer auf dem Weg zum Krankenhaus. Später parken Polizeifahnder ihre dunklen Limousinen am Veringplatz in Wilhelmsburg, wo viele Türken und Araber wohnen. Die Beamten fahren zu einer muslimischen Schülerin, um die sich der deutsche Lehrer besonders gekümmert hat. Ein hoch begabtes Mädchen, musisch interessiert. Ihr Bruder beschuldigt den Lehrer, sie verführt zu haben. Wurde der Pädagoge dafür von Islamisten mit dem Tod bestraft? Die Polizisten recherchieren. Sie hören von einem Bestseller, den sie nie lasen, er heißt Koran. Sie befragen Frauen mit schwarzen Kopftüchern und Männer mit schwarzen Bärten. Doch die islamische Welt von Wilhelmsburg schweigt. Eine Szene des deutschen Alltags dieser Tage, drei Wochen nach den Anschlägen auf Amerika, hinter denen islamistische Terroristen stecken sollen? Eine Szene wohl, aber in Wahrheit nur eine Filmszene, in Hamburg-Wilhelmsburg in diesen Tagen produziert, für die 12. Folge der ZDF-Krimireihe Bella Block. Blutsbande heißt die Episode, und dass sie im Armutsviertel Wilhelmsburg spielt, hat mit der islamisch gefärbten Kulisse zu tun.
Wie aber sieht der Alltag seit dem 11. September tatsächlich aus? Hat sich das Zusammenleben von Deutschen und Muslimen verändert? Was ist zu beobachten in sozialen Brennpunkten der Großstädte, wo schon vor dem 11. September die Welt nur selten in Ordnung war?
Köln-Ehrenfeld. Der Faustschlag in die Magengrube trifft sie ohne Warnung.
Karima ist auf dem Weg ins Kaufland. Auf der Straße kommen ihr Jugendliche entgegen. Einer von ihnen schlägt der Frau, die ein Kopftuch trägt, in den Bauch - wortlos, ohne den Schritt zu verlangsamen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Passanten haben es nicht mitbekommen - oder tun so. Karima ist unfähig zu reagieren, spürt nur den stechenden Schmerz. Sie steht unter Schock. Seit zwölf Jahren lebt die Muslimin in Köln, und Anfeindungen wegen ihres Kopftuchs ist Karima gewohnt. Aber Aggressionen wie diese habe sie "noch nie erlebt".
"Solche Geschichten hören wir nun ständig", sagt Kilicarslan Ayten, stellvertretende Leiterin des Begegnungs- und Fortbildungszentrums für muslimische Frauen in Köln-Ehrenfeld, einem Viertel, das die Deutschen Klein-Istanbul nennen. Nach dem 11. September ist in dem schlichten Wohn- und Geschäftsgebäude eine Art Frauenhaus entstanden. Wo Musliminnen bis vor kurzem zusammenkamen, um zu schwatzen, Tee zu trinken oder sich in Computerkursen fortzubilden, suchen sie heute vor allem Zuflucht und Zuspruch. Männer, die früher schon mal zu Besuch kommen durften - nach Anmeldung -, haben nun überhaupt keinen Zutritt mehr.
"Die Frauen sind sehr beunruhigt", sagt Frau Ayten. Fast jede hat den Stimmungsumschwung zu spüren bekommen, und fast immer entzünden sich die Feindseligkeiten am Kopftuch. Bereits am Tag nach den Anschlägen gegen Amerika sei eine junge Muslimin in der Straßenbahn von einem Rentnerehepaar angepöbelt worden: "Ihr seid an allem schuld, man sollte euch auslöschen!"
Einer 27-jährigen Türkin mit Kopftuch schlug plötzlich eisiges Schweigen entgegen, als sie zu ihrem Bäcker kam, wo sie zuvor immer freundlich bedient worden war. Auf dem Heimweg brüllte ein Mann sie an, sie solle verschwinden, zurück in ihre Heimat. Die junge Frau ist in Köln geboren.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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