Im Exil rückt das tyrannisierte Volk zusammen
In Hamburg lebt die größte afghanische Gemeinde Europas. Die Angst vor einem Krieg in der Heimat lässt sie alte Streitigkeiten vergessen
Als der Geschäftsmann Azimi Hady am Abend des 20. September aus dem Hamburger Rathaus kommt, macht er eine neue Erfahrung. Ein Passant tritt auf ihn zu und beschimpft ihn: "Scheißaraber, was wollt ihr hier!?" Ihr? Hady ist allein, und Araber ist er auch nicht, sondern Afghane mit deutschem Pass. Er war 12, als er vor 36 Jahren nach Hamburg kam. Sein Vater hatte den afghanischen Teppich nach Deutschland gebracht.
Anders als er sind die meisten seiner Landsleute aus Not nach Deutschland gekommen. Die Ersten sind vor der sowjetischen Besatzung geflohen, die Nächsten vor den Mudschahidin und die letzten vor den Taliban. An die 85 000 Afghanen leben mittlerweile in Deutschland, 22 000 allein in Hamburg, so viele wie in keiner anderen europäischen Stadt. 4000 von ihnen sind inzwischen eingebürgert. Die meisten Afghanen in Hamburg - fast 18 000 - sind erst in den vergangenen zehn Jahren zugewandert.
Eine Gemeinschaft sind sie bisher nicht gewesen. So verschieden wie die Gründe ihres Kommens sind ihre politischen Einstellungen. Was sie teilen, ist die Sorge um das Schicksal ihrer Familien und Freunde in der Heimat. Und jetzt fürchten sie alle den Vergeltungsschlag Amerikas gegen das seit zwei Jahrzehnten vom Krieg gequälte Heimatland.
Die alte Sorge und die neue Angst haben sie nun zum ersten Mal zusammengebracht: Am 20. September trafen sich im Hamburger Rathaus auf Initiative des Ausländerbeauftragten 60 Entsandte afghanischer Vereine, Moscheen und großer Familien. Es gab keinen Streit, keiner verließ den Runden Tisch. Alte politische Gegner saßen nebeneinander, diskutierten friedlich und unterschrieben eine Resolution, die Gewalt und Terror ebenso verurteilt wie einen Militäreinsatz auf Kosten der Zivilbevölkerung.
Die Afghanen sind dankbar für die Aufnahme in Deutschland und wollen das Ihre dazu tun, die Demokratie zu stärken. Als wenig hilfreich empfinden sie dabei einige deutsche Zeitungen, die "die friedliebende afghanische Bevölkerung in den Kreis potentieller Unterstützer von Terroristen" rückten.
Am 15. September schrieb Bild Hamburg: "Drei Tage vor den Anschlägen.
Afghanischer Verein wurde hastig geräumt." "Geheimnisvolle Männer" hätten ein 188 Quadratmeter großes Büro im Hafen belegt und seien nun wie vom Erdboden verschwunden. Ob sie von den mörderischen Plänen gewusst hätten, fragt Bild.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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