Im Namen des Unmöglichen
Wem gehört Michel Foucault? Ein Kongress in Frankfurt
Die Einheit des Foucaultschen Werks zerfällt in die Vielheit seiner Interpretationen. In den siebziger Jahren galt der französische Philosoph Michel Foucault (1926 bis 1984) als linksrheinischer Bundesgenosse im Kampf gegen einen Kapitalismus, der im Namen der Freiheit den Knoten aus Macht und Wissen immer enger schürzte. Zehn Jahre stellten postmoderne Interpreten die neomarxistischen Lektüren in den Schatten. Mit tiefen Schnitten wurde Foucaults düsterer Kern freigelegt, das Apriori von Krieg und Feindschaft, Widerstreit und Nichtkonsens. Foucaults neue Freunde machten Ernst mit dessen antihumanistischen Floskeln, und bald glich sein Lebenswerk einer sehr deutschen Mischung aus Heidegger, Schmitt und Forsthoff. Alles Recht ist Gewalt und alle Geschichte ein Theater der Grausamkeit.
Drei Tage lang fragte das Frankfurter Institut für Sozialforschung, wie man das Werk des genialen Philosophen fruchtbar machen könnte, ohne ihn mit pseudoradikalem Gestus kaltzustellen oder normativ zu entkernen. Wie lassen sich, fragte Institutsdirektor Axel Honneth, aus Foucault Funken schlagen, ohne in den überhitzten Streit um Großbegriffe wie Vernunft, Subjekt und Herrschaft zurückzufallen? Wie können kritische Theoretiker, die es oft bei normativen Tiefenbohrungen bewenden lassen, materiale Beschreibungen von sozialer Macht erstellen, die sinnvoll zwischen individuellen Spielräumen unterscheiden? Hilft uns dieser "materialistische Wittgenstein", ein Freiheitsverständnis zu entwickeln, das nicht von der "undurchschauten Gewalt der eigenen Ordnung verschlungen wird" und sich nebenbei auch noch über liberale Selbsttäuschungen Aufklärung verschafft?
Dass dies mit Foucault gelingt, daran hatte Nancy Fraser (New York), ihre Zweifel. Für sie ist Foucault der große Theoretiker der fordistischen Gesellschaft und des vollendeten, zugleich disziplinierenden Wohlfahrtsstaates. Heute, für die Beschreibung der flexiblen Weltgesellschaft, sei Foucault nur bedingt hilfreich, es sei denn, man baue ihn um und rüste ihn ab.
Foucault historisieren? Judith Butler (Berkeley) wollte alles andere, nur das nicht. Sie interessierte sich in einem brillanten Vortrag für die spätere Phase des Werks und fragte, wie man Foucault an eine Theorie der Anerkennung anschließen könne. Solche Bekundungen hört man in Frankfurt gern, wenngleich mit gemischten Gefühlen. War das Subjekt für Foucault anfangs nur das Ergebnis von Machtverhältnissen, so interessiert er sich später dafür, wie es sich durch den Widerstand gegen Normen gestaltend hervorbringt. Von dieser Bewegung zwischen Zwang und Freiheit, Unterwerfung und Subjektwerdung ist Butler fasziniert. Der Einzelne erkennt sich in den Normen, durch die er anerkannt wird
gleichzeitig setzt er diesen Normen seinen Widerstand entgegen, überschreitet sie und stellt damit im neuerlichen Verlangen nach Anerkennung genau die Ordnung infrage, der er sein Selbstsein verdankt. Dass die Überschreitung gelingt und sich in den Normen ein Spalt öffnet, ein Spielraum riskanter Freiheit - darin liegt für Butler ein Trost, auch wenn sie gar nicht mal sagen kann, wo genau das Widerstandsbegehren des Subjekts lokalisiert ist, ganz so, als sei es eine metaphysische Letztgröße, für die es keine Erklärung gibt - nicht einmal bei Foucault.
Wie man Foucault als Diagnostiker stark machen kann, ohne in die Falle der Kritik zu laufen - das ist die Passion von Raymond Geuss (Cambridge). Geuss will den Tigersprung von Kant zu Nietzsche
er sucht nach Formen der Verneinung jenseits von Ja und Nein, er fahndet nach Negationen, die sich dem Sprachspiel des Begründens verweigern und niemanden vor den Gerichtshof der Vernunft zerren. Geuss will am Ethos der Aufklärung festhalten, aber ihr transzendentales Begründungsprogramm aufgeben. Deshalb nennt er Foucault den Herodot der Moderne. An die Stelle von Ideologiekritik soll die Genealogie treten, die Infragestellung unserer Selbstbilder, die Neuerzählung des Gewordenen. Die Genealogie verurteilt nicht, löst aber verhärtete Identitäten. Sie konfrontiert uns weder mit den Geltungsansprüchen einer "abstrakten Moral", noch urteilt sie nach den Maßstäben von richtig oder falsch. Sie warnt uns und sagt, was für unserer Leben "gefährlich" ist. Aber ist das Gefährliche etwa keine geltungsorientierte Kategorie?
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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