Junge Wilde auf den Fluren
Banken und Konzerne sammeln Kunst der Gegenwart. Ist das mehr als nur Büroausstattung oder Geldanlage?
Von Max Bill steht eine Skulptur vor den beiden Türmen der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Sie trägt den Namen Kontinuität, ist ein steinernes, eiförmiges Möbius-Band, ganz ausweglos und in sich verschlungen, und lädt natürlich zu allerlei Symbolisieren ein. Wer hineingeht in die Konzernzentrale, egal, ob er vorher alle Hoffnung hat fahren lassen oder sich im Geldhaus einen warmen Segen erwartet, der ahnt, dass er in eine ganz besondere Welt eindringt. Es ist eine teppichflauschige und abgedimmte Welt.
In ihr tobt weltumspannend das Geld, während doch alles so aussieht, als könne nichts die ruhige Ordnung stören, die hier ihren Ausdruck sucht. Wo Profanes verhandelt wird wie schief liegende Hedge-Fonds oder IT-Firmen in Liquiditätsnot, fühlt sich der Besucher auf einmal wie in einem Museum für zeitgenössische Kunst.
Mit etwa 40 Millionen Mark fördert die Deutsche Bank jedes Jahr die Kultur insgesamt. Die bildende Kunst genießt dabei eine besonders hohe Priorität.
Ihre Belange sind dem Vorstandssprecher direkt zugeordnet, sie wird aus reichen Extraschatullen versorgt. Die von zwei angestellten Kuratoren geleitete Kunstabteilung ist damit nicht einmal auf die Erträge der Deutsche Bank-Kulturstiftung angewiesen. Die Sammlung des Unternehmens ging aus einer langen mäzenatischen Tradition hervor. Heute ist sie mit etwa 50 000 Blättern die größte "Corporate Collection" der Welt. Die der Chase Manhattan Bank ist vielleicht mit ihr zu vergleichen oder jene der spanischen Caixa de Pensiones
in Deutschland gibt es keine, die ihr den Rang streitig machen könnte. Hermann Josef Abs hatte nach dem Krieg klassische Moderne gekauft, doch erst ab 1979 entschloss sich die Bank, angeregt von ihrem Vorstand Herbert Zapp, eine wirklich eigenständige Sammlung aufzubauen: zeitgenössische deutsche Künstler, vornehmlich Arbeiten auf Papier. Bald konnte jede Etage in der Zentrale mit den Blättern jeweils eines Künstlers bespielt werden, von Beuys, Polke, Janssen, Richter bis hin zu Kiecol oder Schütte. Inzwischen betreibt die Deutsche Bank gemeinsam mit der New Yorker Guggenheim Foundation ein Ausstellungsunternehmen in den Sälen des alten Berliner Stammhauses Unter den Linden - außen eine sandsteinerne Bank-Burg von 1920, innen stilvoll modernisiert, mit Café, Shop und einer soliden Katalogproduktion - das ganze Vollprogramm eines privaten Kunstbetriebes.
Seit den frühen achtziger Jahren hat sich die deutsche Wirtschaft unsterblich in die bildende Kunst verliebt. Großzügigkeit und mäzenatisches Engagement hatte es immer gegeben, Künstlerstipendien oder Dauerleihgaben an Museen, aber seit gut zwanzig Jahren will diese Liebe aufrichtig und uneigennützig sein, eine köstliche Turtelei im postmaterialistischen Wertekosmos. Beinahe hinter jedem Vorstand, sobald er sich fotografieren lässt, prangt inzwischen ein großflächiges modernes Gemälde, keine Hirschgeweihe mehr, keine Gobelins, Pendulen oder gar Weltkarten, sondern ein ungegenständliches Werk, farbenfroh und meist von breiter, entschlossener Pinselführung, ein Objekt der gezielten Aura-Erzeugung, das die Person davor in bedeutsames Licht taucht, sie geradezu in Zeitgemäßheit erstrahlen lässt: Dieser Chef hat Kultur, wenn es aber drauf ankommt, weiß er, wie ma n das Ruder führt.
Scheuer Flirt mit dem Zeitgeist
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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