Köters Kern
Als Zeitdiagnostikerin äußerte sich Sibylle Berg auch zum Theater: wie es ist (anachronistisch wie Höhlenmalerei) und wie es sein sollte (viel los, Musik und Lachen, ein bisschen traurig, ohne zu langweilen). Die Theatergängerin Erika in ihrem Text Theater heute setzt sich nach der Vorstellung frustriert vor die Glotze. Ihre Abneigung gegen das Theater hindert Sibylle Berg allerdings nicht daran, emsig für jenes zu produzieren - ohne dabei so recht die eigenen Ansprüche einzulösen. Jüngstes Produkt: Hund, Frau, Mann, uraufgeführt am Stuttgarter Theater Rampe, das schon ihren Erfolgsroman Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot auf die Bühne brachte. Hund, Frau, Mann (Regie: Stephan Bruckmeier) besichtigt die durchschnittlich beklemmende Geschichte eines reiferen Paares (Eva Hosemann, Thomas Weber-Schallauer) aus der Perspektive eines Straßenköters. Der sieht zu, wie eine vordergründig abgeklärte Beziehungskiste in grotesker Umklammerung endet. Der Hund (Petra Weimer) windet sich, ganz in Pink, wie ein mephistophelischer Pudel und spricht rheinischen Akzent
seine Fallanalyse bringt er so auf den Punkt: "Sie hätten beide Freude daran haben können, nicht mehr alleine aufzuwachen im November, aber auf so einfache Gedanken kommen Menschen nicht." Ein schwacher Kurzschluss: Schon in Frau Bergs Stück Helges Leben, wo auch weise Tiere das letzte Wort über die (ausgestorbene) Menschheit sprechen, begnügt das Bestiarium sich damit, einander gern zu haben. Wie sollen daraus Stücke werden?
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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