Krieg ist aus der Mode
Das hat gerade noch gefehlt: der Soundtrack zum Attentat. Stunden nach den Anschlägen war er da. Das Label WEA zeigte sich hyperpragmatisch und versetzte einen traurigen Song der Sängerin Enya mit den Originaltönen betroffener Politiker und entsetzter Explosionszeugen, und fertig war der World-Trade-Center-Mix. Makaber oder geschmacklos fand das kaum einer. Nur die Künstlerin soll sich kurz über die Verfremdung ihrer Musik aufgeregt haben. Aber angesichts der rasanten Vebreitung verstummte sie wieder.
Weltweit unterlegen nun Fernsehsender täglich die Schreckensbilder aus New York mit Enyas Lied. Es ist zum Poprequiem geworden, mit vielen unfreiwilligen Mitwirkenden, deren Entsetzensschreie effektvoll eingesetzt wurden. Lange wird der Song nicht mehr konkurrenzlos bleiben, denn jetzt ziehen andere Stars, von Michael Jackson bis Britney Spears, mit ihren eigenen musikalischen Reaktionen auf den Terror nach. Und nicht nur das Popbusiness trauert. Auch die Modewelt reagiert auf die Stimmungslage, wenn auch bisher nicht mit Outfits zum Thema. Noch werden wir zum Glück mit totschicken Winterturbanen und neuen Bartmoden verschont. Nein, ganz im Gegenteil, die Industrie gibt sich taktvoll und nahm angesichts des drohenden Konfliktes Abstand von dem geplanten Höhepunkt, den die Camouflagewelle im Winter erreichen sollte. Die weiße Uniformrobe von Alexander McQueen, der Tarn-Anorak mit Nerzbesatz von Gaultier, die endlose Flut von Camouflagekissen, Abendkleidern und Bikinis verlieren etwas ihren Witz, wenn der amerikanische Präsident von Krieg redet. Jetzt lassen die Trendboutiquen die bestellten Kampfmonturen zurückgehen. Die Amerikaflagge dagegen, die sowieso schon seit Monaten Gürtel und T-Shirts ziert, nachdem Madonna sich mit ihr schmückte, leidet bisher nicht unter dem Terror, im Gegenteil.
Patriotismus darf hemmungslos zur Schau getragen werden, Kriegssymbolik nicht. Es ist noch nicht ganz klar, wie die Modeindustrie ihre Wintermode der Weltlage anpassen wird. Ich tippe auf schwarz in schwarz und vielleicht hier und da ein paar Feuerwehrmäntel. Mein sündhaft teures CamouflageCape kann ich jetzt jedenfalls zu Topflappen verarbeiten. Die sind dann bestimmt auch mal trendy. Und wegen ein paar Topflappen wird mich wohl keiner für einen Kriegstreiber halten.
Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD
Julius Grützke liest zum Einschlafen etwas über Landschaften
Meine Bücher sind fast alle in Umzugskisten verpackt. Ich überlege noch, ob ich mir jetzt in meiner neuen Wohnung eine große Regalwand mache. Aber bisher ist es nicht dazu gekommen, und letztlich ist es mir auch nicht so wichtig: Bücher sind für mich zum Lesen da. Ich muss sie nicht ständig anschauen. Ich lese vor allem im Bett und auf dem Sofa, meistens nachmittags und abends, morgens fast nie. Im Bett trage ich meiner Freundin etwas vor. Am liebsten viktorianische Romane, so ein oder zwei Kapitel - bis sie eingeschlafen ist.
Den ganzen Kanon englischer Weltliteratur bin ich so schon durchgegangen: Hardy, Dickens, Austen. Das eignet sich besser zum Vorlesen als Landschaftsbeschreibungen. Die regen stark zum Einschlafen an. Ich lese sehr schnell, oft mehrere Bücher im Monat. Früher steckte ich mir immer etwas zu lesen in die Jacketttasche, wenn ich das Haus verließ. Das ist jetzt nicht mehr so, weil ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Auf Reisen nehme ich Bücher mit. Aber nur, um vor Ort festzustellen, dass sie ganz falsch sind und mir wie eine Pflichtlektüre vorkommen. Ich kaufe mir dann lieber neue. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gut oder schlecht sind. Hauptsache, sie sind frisch. Wenn es um Bücher geht, bin ich Impulskäufer.
- Datum 04.10.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 41/2001
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